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5.2.2 Universitätsleitung und die Funktion des Kurators

Im 19. Jahrhundert hatte sich eine duale Struktur der Leitung und Verwaltung der Universitäten herausgebildet. Dem Rektor, der zumeist für ein Jahr vom Senat gewählt wurde und die Universität nach außen vertrat, oblag der Vorsitz im akademischen Senat. In gewissem Umfang übernahm der Rektor auch die Verantwortung für die Verwaltungsgeschäfte wie beispielsweise die Regulierung des Vorlesungsgeldwesens (Schuster 1996: 840). Für die Rechtsberatung wurde dem Rektor mitunter ein Rechtsrat, Syndicus und später ein Universitätsrat zur Seite gestellt, der entweder ein Mitglied der juristischen Fakultät der Universität oder ein Beamter war (Schuster 1996a: 1049). Zudem machten die Vergrößerung der Universitäten und die Anforderungen an die komplexer werdenden Forschungsapparaturen auch einen Ausbau einiger nicht-akademischer Verwaltungseinheiten innerhalb der Universität notwendig. Im formalen Sinne handelte es sich dabei jedoch nicht um Universitätsverwaltung, sondern um eine universitätsbezogene Staatsverwaltung, die dem jeweils zuständigen Ministerium zugeordnet war und unabhängig davon ob vor Ort oder nicht vom Kurator geleitet wurde (Schuster 1996: 841).

Die Aufgaben des Kurators für die Universität umfassten sowohl die ministeriale Vertretung für Unterrichtsund Berufungsangelegenheiten als auch die Planung, Umsetzung und Kontrolle der Haushalts-, Kassenund Vermögensverwaltung sowie Fragen der Universitätsbauten (Heß 2000: 337). Zudem fungierte der Kurator als „gesetzlicher Vertreter der Universität vor und außer Gericht“ und somit auch als Dienstaufseher für das hochschulische Personal, ausgenommen die Hochschullehrer (Breitbach 2005: 122). Dabei war es die zentrale Funktion des Kurators sowohl als ständiger Vertreter des Ministers zu agieren als auch Fürsorge für die Universität zu übernehmen (Schuster 1982: 283). Aufträgen und Resolutionen des Ministers musste der Kurator dabei genau Folge leisten. Wesentliche Entscheidungen der Selbstverwaltung der Universität konnten somit nicht ohne das Wohlwollen des Kurators vollzogen werden. Insbesondere durch die Auswahl und Berufung von Professoren übten die Kuratoren maßgeblichen Einfluss auf die Universitätsentwicklung aus (Schuster 1996: 840ff.).

Zugleich oblag dem Kurator die Fürsorge für die Universität. Dabei verfügte der Kurator im Unterschied zum Minister zumeist über ausgezeichnete Kenntnisse universitärer Vorgänge und gute Beziehungen innerhalb der Universität (Breitbach 2005: 122). So machen historiographische Darstellungen prominenter Kuratoren deutlich, dass es sich bei den Universitätskuratoren um Persönlichkeiten gehandelt hat, die sich keineswegs nur als Verwalter verstanden, sondern als Universitätsentwickler ein sehr breites Interesse an Wissenschaft hatten (Kluge 1958: 59ff.) [1]. Im Sinne eines Universitätsorganisators wurde das Kuratorenamt von den Inhabern auch als eine politische Aufgabe zur fürsorglichen Steuerung und Vertretung der Universität begriffen (Gerber 2004: 285ff.). Dabei erforderte die gleichzeitige Wahrung von Loyalitäten gegenüber Staat und Universität nicht selten persönliche und informelle Absprachen (ebd.: 296). Die Amtsausübung der meisten Universitätskuratoren beschränkte sich demnach keineswegs auf die Entwicklung und die Kontrolle von Vermögen und Ressourcen der Universitäten. Vielmehr fühlten sich die Kuratoren auch für aus heutiger Sicht zentrale Bereiche der akademischen Selbstverwaltung, wie z.B. die Gründung und Fortentwicklung vielversprechender Forschungsthemen, die Ausbildung und vor allem für die Berufung vielversprechender Professoren verantwortlich. Dabei konnten sich die meisten Universitätskuratoren auf ihre umfassende humanistische Bildung und Anerkennung als Intellektuelle stützen, denn einige Kuratoren waren zuvor selbst Professoren gewesen (Kluge 1958: 65). Diese Vermittlerposition bedeutete eine gewisse Ambivalenz des Kuratorenamtes. Welche Loyalitäten bei den Kuratoren bestanden, hing dabei maßgeblich vom Amtsverständnis der jeweiligen Persönlichkeiten der Kuratoren ab (Breitbach 2005: 123). Klar ist, dass der Kurator durch den Landesherrn und das Ministerium eingesetzt wurde. Insofern galt seine formelle Loyalität zunächst dem Staat. Breitbach formuliert dies pointiert: „Dem Kurator oblag es, die Interessenslage der Universität gerade dann zu betonen, wenn sie auch im wohlverstandenen Interesse des Landesherren bzw. des Staates lag“ (Breitbach 2005: 122).

Es lässt sich festhalten, dass in dieser Phase der Hochschulorganisation die Stellung des Kurators institutionell eindeutig außerhalb der Universität verortet war und die Kuratoren ihr Amt im Sinne einer umfassend verstandenen staatlichen Wissenschaftspolitik ausübten (Breitbach 2005: 122). Institutionell implizierte die Stellung des Kurators insofern eine eingeschriebene Spannung, die gleichsam als zentrales Organisationsund Ordnungsprinzip der Hochschulorganisation angesehen werden kann. Dabei resultiert die Ambivalenz der Rolle des Kurators, so Heß, als sichtbarstes „Schisma“ der schwierigen Unterscheidung zwischen wissenschaftlich-geistiger und wirtschaftlich-personeller Sphären (Heß 2000: 337). Im Hinblick auf seine „Doppelfunktion“ kann der Kurator insofern als Vorläufer des späteren Universitätsund Hochschulkanzlers gesehen werden (Schuster 1996: 841). Zugleich werden gerade an der räumlichen Trennung der Verwaltungsangelegenheiten und der ambivalenten Stellung der Verwaltungsleitung die institutionellen Verschränkungen der Universität als unvollständiger Organisation deutlich, für die weder innerhalb des Ministeriums noch innerhalb der universitären Korporation gesamtorganisatorische Entscheidungen getroffen werden konnten. Allerdings gab es auch viele Gegner der Kuratorialverwaltung, die sich spätestens nach 1945 durchsetzten (Röken 1980: 16). Im Zuge der Stärkung der Hochschulorganisation kam es zu einer organisatorischen Verlagerung sowohl der Organisationseinheiten der Hochschulverwaltung als auch ihrer Leitung, bei der die im Kontext der Kuratorialverwaltung etablierte Unterscheidung zwischen Selbstverwaltungsund Verwaltungsaufgaben jedoch bestehen blieb (Neese 1999: 12). Dabei wurde in einigen Bundesländern, wie beispielsweise an den niedersächsischen Universitäten in Göttingen und Hannover, noch bis in die 1970er Jahre an einem Kuratorenamt festgehalten.

Übergreifend lässt sich hinsichtlich der Aufsicht und Organisation der Hochschulen in der Phase der preußischen Reformen ungeachtet der ideellen Herauslösung der Universität aus der Kirche und einer vormals umfassenden Kontrolle des absolutistischen Hofes dennoch eine deutliche Kontinuität eines „patriarchialistischen Verhältnisses“ zwischen Staat und Universitäten konstatieren, das auch in der nunmehr flächendeckend eingerichteten Kuratorialverwaltung als der neuen Zwischeninstanz deutlich wurde. Das Amt des Kurators verkörperte dabei das Spannungsverhältnis zwischen freiheitlichem Denken der Universitätspolitik und dem umfassenden staatlichen Verwaltungsanspruch. Die konkreten Lösungen dieses Spannungsverhältnisses und der Praxis der Hochschulverwaltung ergaben sich in dieser Konstellation weniger aus den formalen Vorgaben, sondern hingen maßgeblich von der Amtsführung und den persönlichen Beziehungen der Kuratoren ab.

  • [1] Bekannte und in der Forschung besonders herausgearbeitete Persönlichkeiten sind z.B. Daniel von Superville an der Universität Erlangen (Sehling 1893), Moritz von Seebeck an der Universität Jena (Gerber 2004), Veit Ludwig von Seckendorff (Stolleis 1987), Adolph Freiherr von Münchhausen (Ledwig 1976)
 
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