Frühe biopsychologische Forschung über Sucht

Dieser Abschnitt stellt zunächst zwei diametral entgegengesetzte Wege vor, über Drogensucht zu denken: Werden Drogenabhängige durch ein inneres Bedürfnis zum Drogenkonsum motiviert oder konsumieren sie die Drogen aufgrund der erwarteten positiven Wirkungen? Sicherlich erkennen Sie aufgrund der vorangegangenen Kapitel, dass es sich hier um dieselbe grundlegende Frage handelt, die auch im Mittelpunkt der biopsychologischen Forschung über die Motivation zu essen und zu schlafen steht.

Körperliche Abhängigkeit und positiver Anreiz: Zwei Ansichten über die Sucht

Die ersten Ansätze zur Erklärung des Phänomens „Drogensucht“ gingen von einer körperlichen Abhängigkeit aus. Entsprechend verschiedener Theorien der körperlichen Abhängigkeit sind drogenabhängige Personen aufgrund der körperlichen Abhängigkeit in einem Teufelskreis aus Drogenkonsum und Entzugserscheinungen gefangen. Die zugrunde liegende Vorstellung war, dass Drogenkonsumenten, deren Drogenkonsum so stark ist, dass sie körperlich abhängig werden, jedes Mal, wenn sie versuchen, ihren Konsum einzuschränken, durch die Entzugserscheinungen dazu gebracht werden, sich die Droge wieder zu verabreichen.

Die ersten Programme zur Behandlung der Drogenabhängigkeit beruhten auf der Annahme einer körperlichen Abhängigkeit. Sie versuchten, den Teufelskreis der Drogeneinnahme zu durchbrechen, indem sie den Abhängigen die Drogen im Krankenhaus schrittweise entzogen. Unglücklicherweise fingen nahezu alle entgifteten Drogenabhängigen wieder mit dem gewohnten Drogenkonsum an, nachdem sie entlassen wurden.

Das Scheitern der Entgiftung als Behandlung der Drogenabhängigkeit ist aus zweierlei Gründen nicht überraschend. Erstens rufen einige stark abhängig machende Drogen, wie z. B. Kokain und Amphetamine, keine schweren Entzugserscheinungen hervor (siehe Gawin, 1991). Zweitens ist das von Drogenabhängigen üblicherweise gezeigte Konsummuster durch einen alternierenden Zyklus aus exzessivem Drogenkonsum und Entgiftung gekennzeichnet (Mello & Mendelson, 1972). Für dieses Muster des Drogenkonsums gibt es verschiedenste Gründe. Beispielsweise übernehmen es manche Drogenabhängige, weil ein exzessiver Drogenkonsum am Wochenende mit ihrer Arbeitszeit vereinbar ist, andere übernehmen es, weil sie nicht genügend Geld haben, um ununterbrochen Drogen zu konsumieren, und bei wieder anderen stellt sich ein solches Muster aufgrund ihrer wiederholten, erfolglosen Bemühungen ein, von der Sucht loszukommen. Aber egal, ob die Entgiftung freiwillig erfolgt oder unumgänglich ist, sie hält die Drogenabhängigen nicht davon ab, den gewohnheitsmäßigen Drogenkonsum wieder aufzunehmen (siehe Leshner, 1997).

Aufgrund dieser Probleme mit Theorien der körperlichen Abhängigkeit dominierte in den 1970er-und 1980er-Jahren ein anderer Ansatz (siehe Higgins, Heil & Lussier, 2004). Dieser Ansatz basierte auf der Annahme, dass die meisten drogenabhängigen Personen Drogen konsumieren, um in den Genuss der positiven Wirkungen der Drogen zu kommen, und nicht, um unangenehme Folgen des Entzugs zu vermeiden oder ihnen zu entgehen. Theorien der Sucht mit dieser Prämisse werden positive Anreiztheorien der Sucht genannt. Sie gehen davon aus, dass das Verlangen (Craving) nach den positiven Anreizeigenschaften der Drogen (das erwartete angenehme Gefühl) in den meisten Fällen von Sucht der wichtigste Faktor ist.

Zweifellos ist die körperliche Abhängigkeit für die Sucht von Bedeutung: Süchtige Personen konsumieren manchmal Drogen, um die Entzugserscheinun-gen zu mildem. Gleichwohl nehmen mittlerweile fast alle Forscher an, dass die hedonischen, die angenehmen Wirkungen der Droge der wichtigste Faktor für Sucht ist (siehe Cardinal & Everitt, 2004; Everitt. Dickinson & Robbins, 2001).

Der verbleibende Teil dieses Abschnitts fasst die frühe biopsychologische Forschung über die der Sucht zugrunde liegenden Mechanismen zusammen. Wie Sie erfahren werden, basierte diese Forschung größtenteils auf einer positiven Anreiztheorie der Sucht.

 
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