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5.3.1 Hochschulleitung und Hochschulverwaltung

Die Organisation der Leitungsund Verwaltungsorganisation an deutschen Hochschulen und die Stellung der Verwaltungsleitung waren zentrale Aspekte der wissenschaftspolitischen Diskussionen bei der Neuausrichtung der Hochschulorganisation in der Nachkriegszeit. Die Empfehlungen der für die Neukonzeption der Leitungsorganisation einberufenen Expertengremien der Besatzungsmächte sowie der (Nord-)Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK) und später des Wissenschaftsrates (WR) sahen länderübergreifend die Abschaffung des Kurators und eine Stärkung der Verwaltungskompetenzen des Rektors bzw. des Präsidenten vor (Röken 1980: 16ff.; Schuster 1982: 284). Dahingehend sollte die Übertragung der Wirtschaftsverwaltung und Haushaltsführung auf die Hochschule auch die Selbstverantwortung der Hochschule stärken und damit eine politische Steuerung der Wissenschaft durch den Staat so weit wie möglich ausschließen (Röken 1980: 16). Die Leitung der Verwaltung durch einen organisationsexternen Kurator als Vertreter des Staates wurde dabei als ein wesentliches Problem betrachtet (Schuster 1996: 843).

Zudem brachten die Empfehlungen der Besatzungsmächte mit den Modellen der Präsidentensowie der kollegialen Präsidialverfassung für das deutsche Hochschulwesen neue Formen der Leitungsorganisation in die Diskussion, die eine stärkere Profilierung und Stärkung der Leitungsspitze bewirken sollten. Auch in den wissenschaftspolitischen Empfehlungen der WRK und des Wissenschaftsrats von 1968 und 1970 zur Entwicklung der Leitungsorganisation an Hochschulen war eine klare Präferenz für eine Hochschulleitung durch einen Präsidenten deutlich geworden (Schuster 1996: 843). Dies resultierte aus zweierlei Überzeugungen (Thieme 1996: 831): Zum einen wurde davon ausgegangen, dass eine Hochschulleitung mit einem hauptamtlichen Präsidenten an der Spitze der Hochschule, der im Gegensatz zur Rektorenverfassung auch extern rekrutierbar ist, die Kontinuität bei der Wahrnehmung der Leitungsaufgaben garantieren könnte. Zum anderen sollte mit der Einführung des Präsidentenamtes und dessen umfassender Leitungskompetenz für die Gesamtorganisation die Überwindung der mit der traditionellen Rektorenverfassung verbundenen institutionellen Trennung zwischen akademischer und staatlicher Verwaltung durch eine integrierte Organisation der Leitung erreicht werden. Obschon diese formalen Vorgaben womöglich auch im Kontext der Rektorenverfassung lösbar gewesen wären, orientierten sich diese Hoffnungen vermutlich auch an idealtypischen Vorstellungen von der Leitungskonfiguration an anglo-amerikanischen Hochschulen (Thieme 1996: 831). Insofern diese hochschulpolitischen Empfehlungen auch wesentlichen Einfluss auf die sich ab Ende der 1960er Jahre entwickelnde Hochschulgesetzgebung haben sollten, wurde damit die in einigen Bundesländern und Universitäten schon begonnene Abschaffung des Kuratorenamtes als externe Verwaltungsleitung der Hochschule und die Etablierung des Amtes des Hochschulkanzlers als Verwaltungsleitung innerhalb der Hochschule mehr oder minder zementiert (Kahl 2004: 65ff.; Kluge 1958: 104ff.).

Die im HRG 1976 erstmals festgeschriebenen länderübergreifenden Vorgaben für die Leitungsstrukturen sahen eine eng an die akademische Selbstverwaltung gebundene Hochschulleitung vor, zu der neben dem Präsidenten bzw. Rektor auch die gewählten Vizepräsidenten/-rektoren gehören (§ 62 Abs. 1 HRG 1976). Das Amt des Universitätspräsidenten/Rektors war dabei als ein ausführendes Amt konzipiert, mit dem der Rektor/Präsident der Hochschule als Vertreter ihrer Mitglieder mit der Umsetzung und Bekanntmachung von Entscheidungen betraut wurde, ohne tatsächlich mit weitergehenden Entscheidungskompetenzen über die durch die Hochschulgremien beschlossenen Verfügungen hinaus ausgestattet zu sein. Zudem legte das HRG im Hinblick auf die Rechtsstellung der Hochschulen fest, dass diese als Körperschaften und staatliche Anstalten zu führen sind (Kimminich 1996: 231). Dieser verwaltungsrechtlichen Festlegung des Dualismus im HRG ging eine lange Diskussion darüber voraus, was die Rechtsnatur der Hochschule als Organisation beinhaltet (Oppermann 1996: 1011). Diese merkwürdige Rechtsstellung resultierte aus dem schon seit längerem problematisierten formalen Status der Universität als öffentlicher Korporation (Gerber 1953: 12), deren Anspruch auf „wirkliche Autonomie“ mit der rechtlichen Doppelnatur zumindest teilweise eingelöst werden sollte. Rechtlich bedeutete diese komplexe Konstruktion, dass der Hochschule eine umfassende Autonomie für den Bereich der akademischen Selbstverwaltung als Körperschaft zukam, während die Ressourcenverwaltung der Universität als staatlicher Anstalt der staatlichen Fachaufsicht oblag (Oldiges 1993: 653; Oppermann 1996: 1011ff.). Formal bedeutete dies, dass die ressourcenbezogene Hochschulverwaltung wie eine Unterabteilung der staatlichen Fachverwaltung behandelt wurde, selbst wenn man sie als einen Teil der Hochschule verstand (Oldiges 1993: 652). Konsequenterweise orientierte sich die Aufbauorganisation der im Zuge der Hochschulexpansion stark anwachsenden zentralen hochschulischen Verwaltung als Vollzugsverwaltung relativ stark an der Ministerialverwaltung.

Um dennoch eine enge „Verzahnung“ zwischen körperschaftlicher und staatlicher Hochschulverwaltung zu gewährleisten, wurde den Hochschulen durch den Gesetzgeber im HRG die „Einheitsverwaltung“ als Organisationsprinzip der Hochschulverwaltung vorgegeben, was an einigen neu gegründeten Hochschulen und Universitäten schon umgesetzt worden war (Röken 1974: 577; Schuster 1996a: 1042) [1]. Die Einheitsverwaltung „als besondere Verwaltungsform“ sah vor, dass die unterschiedlichen Verwaltungsangelegenheiten nicht in getrennten Organisationsbereichen der Verwaltung bearbeitet werden sollten, sondern von ein und demselben Verwaltungsträger zu erledigen sind (Oppermann 1996: 1013-1014). Einheitsverwaltung umfasst(e) insofern sowohl die Ebene der zentralen allgemeinen Verwaltung als auch die Fachbereichsverwaltung als einen integrierten Verwaltungsträger (Oppermann 1996: 1014). Darüber hinaus sollte die Einheitsverwaltung die Stellung des Rektors oder Präsidenten stärken und etwaige Kompetenzunklarheiten mit dem Kanzler aus dem Weg räumen. So sahen die Bestimmungen der LHG im Falle einer Präsidialverfassung zumeist explizit vor, dass dem Präsidenten auch die Hochschulverwaltung unterstellt ist. Der Kanzler fungierte in dieser Konstellation zum einen als institutionelle Leitung der nunmehr internen Hochschulverwaltung und zum anderen als Haushaltsbeauftragter und damit als Kontrollinstanz zwischen Ministerium und Hochschule (Röken 1974: 579). Dennoch dürfte es in der Natur dieser komplexen Konstellation gelegen haben, dass in der Praxis damit nicht unbedingt eine Vereinfachung der Gemengelage einherging, sondern eher eine ambivalente Situation geschaffen wurde. So wurde von einigen Beobachtern argumentiert, dass aufgrund der komplexen Struktur der Einheitsverwaltung genauso viele Unklarheiten gelöst wie geschaffen wurden (Röken 1974: 579ff.; SchultzGerstein 1984: 278ff.; Böckenförde 1992: 154).

Im Hinblick auf die historische Entwicklung ist zu konstatieren, dass die Einheitsverwaltung einen weiteren zentralen Schritt hin zur Integration der Hochschulverwaltung bzw. des Kanzlers in die Hochschulorganisation darstellt. Die zwischen Hochschule und Staat etablierte Position des Kurators wurde dabei aufgelöst und zum einen durch den Kanzler, als den innerhalb der Hochschule verantwortlichen Verwaltungsleiter, und zum anderen durch die in den Ministerien erfolgte Etablierung sogenannter Hochschulreferenten ersetzt. Dem Kanzler kam in dieser Konstellation formal eine Doppelrolle zu, insofern er Interessen sowohl als Verwaltungsleiter der Hochschule als auch gegenüber dem Minister wahrnehmen musste (Thieme 1996: 830). Diese Entwicklung bedeutete, dass die Hochschulverwaltung institutionell nunmehr Bestandteil der Hochschulorganisation wurde, die damit „gegenüber dem Staat als verselbstständigte Einrichtung in Erscheinung“ trat (Oldiges 1993: 655). Insofern jedoch die Trennung zwischen akademischen Angelegenheiten und staatlicher Ressourcenverwaltung aufrechterhalten wurde, lässt sich argumentieren, dass damit auch der Staat in die Hochschule „hineingewachsen“ war (Thieme 1996: 830).

  • [1] Einige Beobachter argumentieren, dass die Einführung der Einheitsverwaltung auch auf die positiven Erfahrungen bei der Reform der Kommunalverwaltung zurückzuführen war. Hier wurde ebenfalls die Zusammenführung der Auftragsund der Selbstverwaltungsangelegenheiten zusammengeführt (Breitbach 2005: 126; Thieme 2004: 831)
 
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