Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Erziehungswissenschaft & Sprachen arrow Von der Hochschulverwaltung zum Hochschulmanagement
< Zurück   INHALT   Weiter >

6.3.2 Auswahl und Ernennung

Die Kompetenzverteilung zwischen Hochschule und Ministerium bei der Auswahl bzw. Ernennung der Verwaltungsleitung kann als ein weiteres Element gesehen werden, das über die Verortung und Abhängigkeit des Kanzlers bzw. des für Verwaltungsangelegenheiten zuständigen hauptamtlichen Vizepräsidenten Auskunft gibt. Dabei lassen sich sowohl im Vergleich der Bundesländer als auch im Zeitverlauf Unterschiede hinsichtlich der beteiligten Akteure und des Auswahlverfahrens ausmachen (Ludwig 1984: 31; Horst/Bußmann 2003: 302ff) [1]. Die in den LHG unterschiedlich ausgestalteten Mitwirkungsrechte verteilen sich zwischen a) dem Minister bzw. Ministerium, b) dem Hochschulrat oder Kuratorium, c) der Hochschulleitung und d) dem Senat oder akademischem Konzil [2]. In den LHG von Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, NordrheinWestfalen wurden Mitwirkungsrechte bei der Auswahl der Verwaltungsleitung für die Hochschule als Organisation vorgesehen, ohne dass eine weitere Konkretisierung des Akteurs vorgenommen wurde.

Grundsätzlich lassen sich bezogen auf die an der Auswahl beteiligten Akteure grob folgende Mitwirkungsrechte unterscheiden (Ludwig 1984: 30-31): a) Vorschlagsrecht, b) Einvernehmen, c) Zustimmung und Bestätigung, d) Benehmen und e) Anhörung. Dabei bedeutet das Vorschlagsrecht die breiteste Form der Mitwirkung und umfasst in der Regel die Ausschreibung und die Auswahl der Bewerber (Ludwig 1984: 30; Brocker 1993: 126). Die Ernennung bzw. Bestellung geht jedoch damit ausdrücklich nicht einher (Leuze 1987: 220). Ist das Vorschlagsrecht auf nur einen Akteur übertragen, bedeutet dies den wohl umfassendsten Einfluss auf die Auswahl und Entscheidung, wobei einige LHG die Erstellung einer Vorschlagsliste vorgeschrieben haben. Haben mehrere Akteure ein Vorschlagsrecht, so ist die Auswahl damit zunächst Gegenstand eines gemeinsamen Abstimmungsprozesses.

Einvernehmen, Zustimmung, Bestätigung, Einverständnis und Benehmen sind unterschiedliche Ausprägungen eines Vetorechts. Für den Fall, dass die Mitwirkung ein Einvernehmen oder Einverständnis, die Zustimmung oder Bestätigung vorsieht, impliziert dies notwendigerweise die Zustimmung des jeweiligen Akteurs und damit zwingend eine Einigung über einen Vorschlag bzw. Vorschlagsliste. Hingegen bedeutet das Benehmen lediglich die formale Pflicht für ein ernsthaftes Bemühen um eine Einigung (Ludwig 1984: 30). Die Anhörung umfasst das Recht zur Stellungnahme, Kritik oder Unterstützung, jedoch keine Notwendigkeit zur Einigung. Im äußersten Falle kann die Anhörung insofern nur in einer Stellungnahme oder Aussprache bestehen und ist daher als die schwächste Form der Beteiligung anzusehen (Ludwig 1984: 31).

Eine weitere wesentliche Differenzierung im Hinblick auf die Auswahl der Verwaltungsleitung betrifft das Recht zur Ernennung bzw. Bestellung. Die Ernennung ist ein Verwaltungsakt, mit der im öffentlichen Dienst sowohl eine funktionale Zuteilung eines Amtes als auch eine statusrechtlich bindende dienstliche Stellung einschließlich einer laufbahnbzw. besoldungsbezogenen Einordnung festgelegt wird (Ludwig 1984: 26). Aus einer Ernennung folgt, dass die erlangten statusrechtlichen Ansprüche des Amtes für die Zeit des Dienstverhältnisses einseitig nicht mehr oder nur aus disziplinarrechtlichen Gründen durch einen Richterspruch rückgängig zu machen sind (Ludwig 1984: 26).

Demgegenüber impliziert die Bestellung einer Person eine Übertragung eines konkreten Amtes lediglich im funktionalen Sinne (Ludwig 1984: 27). Die jeweilige Person wird mit der Bestellung also befugt, bestimmte Aufgaben sowie damit verbundene Rechte und Pflichten wahrzunehmen. Die statusrechtliche Stellung des Amtsinhabers bleibt hingegen zunächst außen vor. Insofern ist bei der Bestellung die Einordnung in einen dienstrechtlichen Status und eine Besoldungsgruppe dem jeweiligen Ernennungsprozess nachgeordnet und Angelegenheit der jeweils zuständigen Instanz. Der wesentliche Unterschied in Bezug auf den dienstlichen Status der Verwaltungsleitung besteht darin, dass im Falle der Bestellung die Festlegung auf einen dienstlichen Status und eine laufbahnund besoldungsbezogene Eingruppierung des Amtsinhabers im Auswahlprozess flexibler und zudem ggf. mit einem geringeren sozialen Prestige verbunden ist (Ludwig 1984: 39).

Die Vorgaben zum Auswahlverfahren in den LHG der Gesetzesphasen 1971-1980 und 1981-1990 beinhalteten in den meisten Bundesländern, dass die Verwaltungsleitung als Beamter auf Lebenszeit durch das Ministerium bzw. den Minister ernannt wurde. Nur die LHG in Berlin, Bremen und Rheinland-Pfalz sahen von 1971-80 und 1981-1990 eine Bestellung der Verwaltungsleitung vor (vgl. Tabelle 10). Dies hat sich im Zeitverlauf spätestens mit der Gesetzgebungsphase 2001-2013 geändert. Die Mehrheit der LHG schreiben mittlerweile eine Bestellung bzw. Berufung der Verwaltungsleitung vor oder lassen die Wahl zwischen Bestellung oder Ernennung offen, wie es im Saarland, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen der Fall ist. Zudem, und dies ist für die Auswahl des Bewerbers genauso wesentlich, erfolgt die Bestellung bzw. Ernennung in fünf Bundesländern nicht mehr durch das Ministerium, sondern direkt durch die Hochschulleitung. Oppermann charakterisiert diese Entwicklung der zunehmenden Zuständigkeit der Hochschulorgane als „Akademisierung“ des Amtes des Kanzlers (Oppermann 1996: 1034).

Tabelle 10: Mitwirkungsrechte für Auswahl der Verwaltungsleitung in den LHG

1971 1980

1981 1990

1991 2000

2001-2013

BaWü

ERN

VOR

VOR

ERN

VOR

VOR

ERN

VOR

VOR

ERN

VETO (EINV)

Wahl

VOR

VETO

(Bstä)

Bay

ERN

(Liste)

VOR

VOR

ERN

(Liste)

VOR

VOR

ERN

(Liste)

VOR

VOR

VETO

(ZuSt)

VOR

ERN

Berl

BEST

VOR

BEST

VOR

BEST

VOR

Brem

BEST

(Liste)

VOR

BEST

(Liste)

VOR

BEST

(Liste)

VOR

BEST

VOR

Wahl

Hambg

BEST

VOR

BEST

Wahl

VOR

Hess

ERN

VOR

VETO

(Einv)

ANH

ERN

VOR

VETO

(EinV)

ANH

ERN

VOR

VETO

(EinV)

ANH

BERUF

VOR

VETO (BeN)

Nieds

ERN

(List)

VOR

ERN

(List)

VOR

ERN

(Liste)

VOR

ERN o. BEST

ANH

VOR (FIND)

VETO

(EinV

VOR (FIND)

NRW

ERN

VOR

ERN

VOR

ERN

VOR

Wahl

ERN o. BEST

VETO

(Bestä)

RLP

BEST

VETO (BeN)

VETO (BeN)

BEST

VETO (BeN)

VETO (BeN)

BEST

VETO (BeN)

VETO (BeN)

VETO

(EinV)

VOR

BEST

Saar

ERN

(Liste)

VOR

VETO

(EinV)

ERN

(Liste)

VOR

VETO

(Einv)

ERN

(Liste)

VOR

VETO

(Einv)

ERN o. BEST

VOR

ANH

Schles

ERN

VOR

WAHL

ERN

VOR

WAHL

ERN

VOR

Wahl

BERUF

(Liste)

VOR

Wahl

Brand

ERN

VOR

BEST

Meckp

ERN

VOR

BEST

WAHL

Sachs

ERN

Anh

VOR

Anh

ERN

VETO

(EinV)

VOR

Anh

SaAnh

ERN

VOR

BEST

VOR

Thür

ERN

VOR

ERN

Wahl

VOR

VETO (BeN)

Minister/ium

Hochschulleitung

Akademischer Senat /Konzil

Hochschule allgemein *

Minister/ium

Hochschulrat / Kuratorium

Hochschulleitung

Akademischer Senat /Konzil

Hochschule allgemein *

Minister/ium

Hochschulrat / Kuratorium

Hochschulleitung

Akademischer Senat /Konzil

Hochschule allgemein *

Minister/ium

Hochschulrat / Kuratorium

Hochschulleitung

Akademischer Senat /Konzil

ERN = Ernennung; BEST = Bestellung; VOR = Vorschlagsrecht; VETO = Vetorecht; BERUF = Berufung; Anh = Anhörung; Liste = Vorschlagsliste ist erforderlich; EinV = im Einvernehmen; BeN = Im Benehmen; FIND = beteiligt an Findungskommission;

o. = oder; Zust = unter Zustimmung; Bstä = Bestätigung; Besch = beschließt

*Hochschule allgemein: LHG benennt „Hochschule“ ohne konkretes Organ zu spezifizieren

Dieser Wandel der Übertragung von Mitwirkungsund Entscheidungsrechten vom Ministerium auf die Hochschulorgane und damit auf die Organisation findet sich ungeachtet der Differenzierungen zwischen den LHG auch im Hinblick auf den Prozess der Auswahl. Während in den Gesetzgebungsphasen 1971-1980, 1981-1990 sowie 1991-2000 den Ministerien in einigen Bundesländern ein Vorschlagsrecht eingeräumt wurde, liegt das Vorschlagsrecht bei den Vorgaben der LHG seit der Gesetzesphase 2001-2013 mittlerweile ausschließlich bei den Organen der Hochschule. In vielen LHG ist dabei der Hochschulrat bzw. das Kuratorium als Akteur mit Mitwirkungsrechten bei der Auswahl der Verwaltungsleitung vorgesehen. Das Vorschlagsrecht obliegt in acht Bundesländern der Hochschulleitung, hingegen ist das Vetorecht das häufigste Mitwirkungsrecht des akademischen Senats bzw. Konzils (vgl. Tabelle 11). Während in den älteren Gesetzesphasen nur in Schleswig-Holstein die Verwaltungsleitung durch den akademischen Senat gewählt wurde, ist seit den Gesetzesnovellierungen von 2001 die Wahl durch den Hochschulrat oder den akademischen Senat ein deutlich häufiger vorgesehener Entscheidungsmodus.

Zusammen mit der Übertragung der Ernennung bzw. Bestellung durch die Hochschulleitung in einigen LHG zeichnet sich demnach bundesländerübergreifend eine Entwicklung ab, bei der die Mitwirkungsrechte der Organisation und ihrer Organe gestärkt und erweitert wurden. Dabei lässt sich aufgrund der Konzentration von Mitwirkungsrechten bei der Hochschulleitung und dem Hochschulrat auch eine Tendenz zur binnenorganisatorischen Hierarchisierung konstatieren, denn das dem akademischen Senat als Organ der Mitglieder der Hochschule häufigste zugewiesene Mitwirkungsrecht ist gegenwärtig ein Vetooder Anhörungsrecht (vgl. Tabelle 11).

Implizit verbinden sich mit der Veränderung von der Ernennung zur Bestellung auch eine Aufweichung der vorgegebenen dienstlichen Statusbestimmung der Verwaltungsleitung und ein stärker auf die Leitungsaufgaben der Organisation bezogener Rekrutierungsprozess. Denn formal wird die statusrechtliche Eingruppierung damit durch die Ausschreibung bzw. das durch die Hochschule dominierte Auswahlverfahren und weniger durch die staatlichen Instanzen determiniert. Im Hinblick auf die Stellung der Verwaltungsleitung ist die Entwicklung hin zu einer Befristung und der stärkeren Beteiligung der Hochschule an der Auswahl durchaus als eine Schwächung zu sehen, denn der Amtsinhaber wird dadurch stärker von den jeweiligen Organen abhängig (Knopp 2010: 119ff.).

Tabelle 11: Auswahl der Verwaltungsleitung in den LHG nach Bundesländern

  • [1] Als eine ausführliche Betrachtung der unterschiedlichen Verfahrensvarianten für das Ausund Abwahlverfahren der Verwaltungsleitung in den aktuellen LHG vgl. Hüther 2010: 306ff
  • [2] Zudem kann wie im niedersächsischen LHG von 2007 eine durch mehrere Akteure zusammengesetzte gemeinsame Findungskommission das Vorschlagsrecht für die Auswahl der Verwaltungsleitung haben
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften