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6.3.3 Formale Qualifikationsanforderungen

Im traditionellen Behördenmodell der Verwaltungssteuerung wurde Verwaltungskompetenz für Leitungsfunktionen in der öffentlichen Verwaltung vor allem auf eine juristische oder verwaltungspraktische Expertise bezogen. Insofern Verwaltung im bürokratischen Verständnis als rechtmäßige Umsetzung und Unterstützung der Rechtsverordnungen oder der durch Leitungsorgane bereits getroffenen Entscheidungen verstanden wurde, sind – unabhängig vom Funktionsbereich der Verwaltung – umfassende Rechtskenntnisse als zentrale Qualifikationsvorrausetzung angesehen worden. Zusätzlich zu dem aus diesem legalistischen Fokus der Rekrutierung resultierenden Juristenmonopol in der öffentlichen Verwaltung unterstützte auch das Absolvieren der verwaltungswissenschaftlichen Studiengänge und praxisorientierten Ausbildungsangebote der Verwaltungsfachhochschulen der Länder den Zugang für Leitungspositionen in der öffentlichen Verwaltung (Lynen 1999: 265). Auch im Bereich der Hochschulverwaltung als Teil der Kulturverwaltung der Bundesländer erfolgten daher Ausschreibungen zumeist unter Verweis auf ein erfolgreich abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaft, verwaltungswissenschaftliche Ausbildungen und Arbeitserfahrungen im Rechtswesen oder an öffentlichen Einrichtungen als Qualifikationsanforderungen (Lynen 1999: 264). Dieser Rekrutierungsfokus fand sich auch in den Vorgaben der LHG für die Besetzung der Position der Verwaltungsleitung der Hochschulen. So sahen die meisten LHG in den Gesetzesphasen 1971-1990 entweder die Befähigung zum Richteramt oder zum höheren Verwaltungsdienst als Qualifikationsvoraussetzung vor (vgl. Tabelle 12). Dies bedeutete, dass der mögliche Bewerber für das Amt der Verwaltungsleitung an Hochschulen entweder Volljurist – idealerweise mit einem Prädikatsexamen – sein musste oder über ein abgeschlossenes Studium der Wirtschaftsoder Sozialwissenschaften mit entsprechender Verwaltungserfahrung verfügen musste. Das bayrische LHG beschränkte den Kandidatenkreis seit bis zur Gesetzgebungsphase von 1991-2000 ausschließlich auf Bewerber mit einer Befähigung zum Richteramt. Nur die LHG in Bremen und Hamburg sahen seit den ersten beiden Gesetzgebungsphasen 1971-1980 und 1981-1990 bereits ein abgeschlossenes Hochschulstudium als hinreichende qualifikatorische Voraussetzung für potentielle Bewerber auf das Amt der Verwaltungsleitung vor.

Diese Fokussierung auf eine juristische bzw. verwaltungswissenschaftliche Qualifikation hat sich im Zeitverlauf deutlich verändert. So ist die verpflichtende Voraussetzung der „Befähigung zum Richteramt oder Befähigung zum höheren Verwaltungsdienst“ als gesetzliche Vorgabe für die Besetzung der Verwaltungsleitung seit der jüngsten Gesetzgebungsphase 2001-2013 in den meisten LHG entfallen (Tabelle 12). Nur die LHG in Baden-Württemberg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern sowie Rheinland-Pfalz sehen diese beiden Qualifikationen nach wie vor als Voraussetzung für die Verwaltungsleitung der Hochschulen vor. Zum einen verweist dies auf eine stärker der Hochschule als Organisation überlassene Rekrutierungspraxis, die idealerweise bei der Bewerberauswahl in umfassender Weise auf den Einzelfall, also auf die spezifische Situation ihrer jeweiligen Hochschule abstellen können soll. Zum anderen reflektiert diese Öffnung in den qualifikatorischen Voraussetzungen der LHG möglicherweise auch veränderte gesellschaftliche Zuschreibungen an die Leitungsämter an öffentlichen Einrichtungen im Allgemeinen und die Verwaltungsleitung von Hochschulen im Speziellen. Dabei wird offensichtlich davon ausgegangen, dass Amtsinhaber der Verwaltungsleitung nun auch über an privatwirtschaftlichen Organisationen orientierte Managementkenntnisse und damit verbundene Berufserfahrungen verfügen sollen (Neese 1999: 35; Knauff 2005: 221). Diese Einschätzung wird zudem dadurch genährt, dass spätestens mit der Gesetzgebungsphase seit 19912000 in zunehmender Weise allgemein gehaltene Qualifikationsanforderungen wie Leitungsund Führungserfahrung, mehrjährige Berufserfahrung im öffentlichen Sektor, in der Wirtschaft oder im Wissenschaftssystem in den LHG für die Position der Verwaltungsleitung aufgestellt wurden (vgl. Tabelle 12).

Während in den früheren Gesetzgebungsphasen 1971-1980 und 1981-1990 nur das saarländische LHG „ausreichende Erfahrungen auf dem Gebiet der Hochschulund Wissenschaftsverwaltung“ als Qualifikationsvoraussetzung verlangte, wurde seit der Gesetzgebungsphase 1991-2000 in immer mehr Bundesländern auch auf spezifische Berufsbzw. Leitungserfahrung im Wissenschaftssektor als Vorgabe abgestellt [1]. So erwartet beispielsweise das LHG in Hamburg seit der Gesetzgebungsphase 2001-2013 von Bewerbern für das Amt des Kanzlers eine mindestens fünf Jahre dauernde Berufstätigkeit „in verantwortlicher Stellung im Bereich Hochschulleitung, Verwaltung, der Wirtschaft oder der Rechtspflege“. Vertrautheit und Affinität mit den Spezifika des Hochschulund Wissenschaftssektors wird demnach in einigen LHG als eine wichtige Voraussetzung für die Amtsführung der Verwaltungsleitung gesehen.

Tabelle 12: Qualifikationsvoraussetzungen für Verwaltungsleitung in den LHG

Befähg = Befähigung Verw.D = Verwaltungsdienst Berufserfng. = Berufserfahrung

Diese fachliche Öffnung und berufliche Spezifizierung der qualifikatorischen Voraussetzungen wird von einigen Beobachtern jedoch durchaus sehr kritisch gesehen (Horst/Neyses 2007: 439ff.). Denn sehr gute juristische Kenntnisse sind nach allgemeiner Meinung von Praktikern für den Umgang mit der umfassenden verwaltungsrechtlichen und hochschulrechtlichen Regulierung der Hochschulen und einer fachgerechten Aufgabenwahrnehmung des Haushaltsbeauftragten eine qualifikatorische Voraussetzung (Meusel 1983: 990).

Grundsätzlich kann diese Öffnung als eine bewusste Betonung der institutionellen Orientierung der Hochschulorganisation an anderen Organisationen und als Bruch mit dem bürokratisch-legalistischen Fokus der Rekrutierung für Leitungsfunktionen in der Hochschulverwaltung gesehen werden. Aus dieser Perspektive sind die veränderten qualifikatorischen Voraussetzungen mit ihrer Orientierung an Berufserfahrung in anderen Sektoren ein Reflex auf die gewachsenen Anforderungen im Hinblick auf das organisationsbezogene Management und die Verantwortung für eine am betriebswirtschaftlichen Rechnungswesen orientierte Haushaltsführung der Hochschulen. So kann davon ausgegangen werden, dass man damit auch auf eine verstärkte Rekrutierung von wirtschaftswissenschaftlich ausgebildeten und erprobten Managern auf die Position der Verwaltungsleitung hofft (Neese 1999: 35; Horst/Neyses 2007: 441). Inwiefern dies tatsächlich der Fall ist und wie die oben konstatierten Veränderungen des dienstlichen Status mit dem beruflichen Profil sowie dem Selbstverständnis der Amtsinhaber in der Organisationspraxis korrespondieren, soll Anliegen der Analyse im nächsten Kapitel sein. Zunächst gilt es, die Ergebnisse der Untersuchung der rechtlichen Vorgaben in den LHG für die Verwaltungsleitung kurz zusammenzufassen.

  • [1] Die unterschiedlichen Bereiche bzw. Sektoren wie z.B. Rechtspflege, öffentlicher Sektor Wissenschaft oder Wirtschaft, in denen eine entsprechende Berufserfahrung vorliegen muss, werden in den LHG zusätzlich zu einem Hochschulstudium und in aufzählender Form angeführt. Tabelle 12 listet dahingehend jede Nennung eines Organisationsbereichs in kumulierter Form auf
 
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