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6.4 Zwischenfazit

Die Analyse der rechtlichen Bestimmungen zur Verwaltungsleitung der LHG hat gezeigt, dass die seit Ende der 1960er Jahre erstmals erlassenen LHG im Hinblick auf die Verwaltungsleitung durchaus unterschiedliche Vorgaben für die Leitungsund Verwaltungsorganisation an deutschen Hochschulen entwickelten. Die dabei aus den Regelungen der ersten beiden Gesetzgebungsphasen 19711980 und 1981-1990 bundesländerübergreifend deutlich werdende akademischbürokratische Logik der Hochschulorganisation war dabei zunächst durch ein Leitungsmodell mit einer monokratischen Rektorenoder Präsidentenverfassung und die verpflichtende Einführung der Einheitsverwaltung charakterisiert. Insbesondere in den LHG mit Präsidentenverfassung wurde im Hinblick auf die institutionelle Wahrnehmung der Leitungsaufgaben durch die in fast allen LHG als Kanzler titulierte Verwaltungsleitung eine enge Bindung an die Hochschulleitung etabliert. In einigen LHG beinhaltete dies bisweilen auch eine formale Weisungsbindung der Verwaltungsleitung an Einzelentscheidungen der Hochschulleitung. Ungeachtet der Tatsache, dass sich mit der Übertragung der Funktion als Haushaltsbeauftragter eine nach wie vor organisationsneutrale, enge Bindung an den Staat verband, stellten diese organisationsstrukturellen Vorgaben offensichtlich auf die Abschaffung der vormaligen Kuratorenverfassung ab und brachen so mit der räumlich-organisatorischen Trennung zwischen akademischer und staatlicher Finanzund Ressourcenverwaltung.

Zugleich blieben jedoch Kompetenzunklarheiten zwischen Hochschulleitung und Verwaltungsleitung bestehen, die nunmehr binnenorganisatorisch ausgetragen werden mussten. Diese Unklarheiten waren zum einen auf die komplexe Rechtsmaterie zurückzuführen, bei der die Amtsträger der Hochschulbzw. Verwaltungsleitung zusammen mit den staatlichen Instanzen die akademischen (Rechtsaufsicht) von den staatlichen Angelegenheiten (Fachund Rechtsaufsicht) unterscheiden müssen, zum anderen resultierten Kompetenzprobleme auch aus den gesetzlich nicht immer eindeutig bestimmten Zuständigkeiten und den ambivalenten Formulierungen für die spezifische Bindung der Verwaltungsleitung an die Hochschulleitung. Dass der Kanzler dahingehend in den LHG der ersten Gesetzesphasen seit 1971 zumeist nicht über einen eindeutig eigenständig zu leitenden Bereich verfügte und als neutraler Haushaltsbeauftragter fungierte, trug insofern wesentlich zu dessen ambivalenter Stellung oder Wahrnehmung als „Fremdkörper“ in der Hochschule bei (Meusel 1978: 129).

Darüber hinaus sahen die Vorgaben der LHG zum dienstlichen Status der Verwaltungsleitung bis zur Gesetzgebungsphase 1991-2000 zumeist einen unbefristeten Status als Lebenszeitbeamter vor, der in der Regel durch das Ministerium ernannt und dienstrechtlich beaufsichtigt wurde. Dies implizierte eine von der Organisation tendenziell eher unabhängige Stellung der Verwaltungsleitung und eine Orientierung an der staatlichen Verwaltung. Diese Orientierung am bürokratisch organisierten Behördenmodell mit einer weitestgehend standardisierten Verwaltungspraxis manifestierte sich auch an der durch die rechtlichen Vorgaben der LHG zu Grunde gelegten legalistischen Fokussierung der qualifikatorischen Anforderungen für das Amt der Verwaltungsleitung. Insofern war die Verwaltungsleitung institutionell weitestgehend Teil der akademischen Korporation geworden, in dienstlicher und organisationspraktischer Hinsicht blieb sie in den Gesetzesphasen bis 1990 Spitze des behördlichen Organisationsbereichs Hochschulverwaltung. Angesichts dieser Beschreibung der institutionellen Elemente lässt sich argumentieren, dass die Stellung der Verwaltungsleitung in diesen Phasen als Verkörperung der inhärenten Spannung der akademisch-bürokratischen Logik der Hochschulorganisation und der „Unvollständigkeit“ der Hochschule als begrenzt handlungsfähige Organisation gesehen werden kann.

Mit Beginn der 1990er Jahre und spätestens mit der Gesetzgebungsphase 2001-2013 zeichnet sich in der Analyse der rechtlichen Bestimmungen für die Verwaltungsleitung in den LHG eine Entwicklung ab, die durch eine übergreifend eingeführte Zugehörigkeit der Verwaltungsleitung in die zumeist von einem Präsidenten geleitete kollegiale Hochschulleitung und eine umfassende Verantwortung der Verwaltungsleitung für die institutionelle Leitung der Hochschulverwaltung charakterisiert ist. Unklarheiten hinsichtlich der Kompetenzen und Aufgabenwahrnehmung sollen den Vorgaben der LHG zufolge nunmehr entweder gesetzlich oder hochschulseitig durch den Modus der Übertragung eines konkreten Geschäftsbereichs organisationsintern aufgelöst werden. Zudem wurde im Zuge der Veränderungen der LHG in der Gesetzgebungsphase 2001-2013 den Organen der Hochschule und damit der Organisation für die Rekrutierung der Verwaltungsleitung ein deutlich umfassenderes Mitwirkungsrecht übertragen. Die Verwaltungsleitung ist mit diesen Veränderungen zu einem umfassend integrierten Mitglied einer nach rationalisierten Verantwortlichkeiten konfigurierten Hochschulleitung festgelegt. Insofern sich parallel zur Festlegung der Hochschulverwaltung als Geschäftsbereich die Aufgabenfelder der Hochschulleitung durch weitere Managementaufgaben der Hochschule eher erweitert haben, geht mit der Integration der Verwaltungsleitung keineswegs ein Bedeutungsverlust, sondern eher eine „Neubestimmung“ des Amtes der Verwaltungsleitung einher (Knopp 2010: 114; Battis 2009).

Zusammen mit der Befristung und den stärker auf Managementund Leitungserfahrung in anderen Organisationsfeldern abstellenden qualifikatorischen Voraussetzungen für das Amt der Verwaltungsleitung in den meisten LHG verweisen diese an der Konstruktion als handlungsfähige Organisation ausgerichteten Veränderungen auf den zunehmenden Rekurs auf eine post-bürokratische Logik der Hochschulorganisation. Dabei orientieren sich symbolische Zuschreibungen an die Hochschulverwaltung und die Konfiguration der Verwaltungsleitung in starkem Maße an der Organisationspraxis korporativer Organisationen.

Hinsichtlich der Charakterisierung des Verlaufs sind diese Veränderungen eher als transformativer und nicht als radikaler Wandel einzuschätzen (Greenwood/Hinnings 1996). So wurden einige der mit der post-bürokratischen Logik des Hochschulmanagement assoziierten institutionellen Elemente – wie z.B. die Einrichtung eines eigenverantwortlichen Geschäftsbereichs und die Befristung der Amtszeit der Verwaltungsleitung – in manchen Bundesländern schon deutlich vor den Novellierungen der LHG seit 1998 eingeführt. Institutioneller Wandel der Hochschulorganisation ist demnach teilweise durch die Koexistenz der akademisch-bürokratischen und der post-bürokratischen Logik geprägt. Das deutet darauf hin, dass die Entwicklung zu einer aus dem staatlichen Kontext vollständig herausgelösten Verwaltungsleitung und auf klare Grenzen sowie Zuständigkeiten abstellenden Struktur der Hochschulleitungsund Verwaltungsorganisation nicht unbedingt nur als Resultat der NPM-Reformen, sondern als Bestandteil längerer, historisch bedingter gesellschaftspolitischer Rationalisierungsprozesse zu verstehen ist.

Dahingehend verdeutlichen z.B. auch die nach wie vor ausführlichen rechtlichen Vorgaben für die Hochschulund Verwaltungsleitung in den jüngsten Novellierungen der LHG, dass Hochschulorganisation in Deutschland und deren Verwaltung oder Management – ungeachtet der oben konstatierten Orientierung an korporativen Organisationen und einer sukzessiven Aufhebung der klassischen Fachaufsicht durch den Staat (Hartmer 2004: 169) – weiterhin umfassend staatlich reguliert ist. Auch symbolische Referenzen bei der Beschreibung der Hochschulleitungsfunktion in den LHG wie „kollegiale Leitung“ und „Vorstandsmitglied“ verdeutlichen den zeitgleichen Bezug sowohl auf akademische Normen als auch manageriale Praktiken. Ungeachtet einer zunehmend wirkmächtigen institutionellen Logik des Hochschulmanagements auf der Organisationsebene sind Hochschulen demnach in übergreifender Weise in unterschiedliche institutionelle Ordnungsprinzipien von Profession, Staat und Wirtschaft eingebunden.

 
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