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7.2 Dienstlicher Status

Wesentliche Veränderungen des dienstlichen Status der Verwaltungsleitung haben sich aus den Vorgaben der Landeshochschulgesetze (LHG) ergeben [1]. Die im Behördenmodell der Hochschulverwaltung zumeist unbefristete Stellung der Verwaltungsleitung an deutschen Hochschulen als Lebenszeitbeamter ist seit den Gesetzesnovellierungen zunehmend entfallen und findet sich gegenwärtig nur noch im LHG von Bayern sowie seit 2012 wieder in Mecklenburg-Vorpommern (vgl. Kapitel 6.3.1). Ferner haben sich durch die Möglichkeit zur Abwahl und die Flexibilisierung der dienstrechtlichen Anstellung der Verwaltungsleitung, die neben dem Beamtenverhältnis auf Zeit mittlerweile auch die Anstellung in einem öffentlichen oder privatrechtlichen Angestelltenverhältnis möglich macht, deutliche Veränderungen des dienstlichen Status ergeben (vgl. Kapitel 6.3.1).

Darüber hinaus ist es im Zuge der Einführung der nach Ressorts organisierten kollegialen Hochschulleitung, in der die Verwaltungsleitung nunmehr grundsätzlich als Mitglied fungiert, auch zu Veränderungen und Differenzierungen der Funktionsbezeichnungen gekommen. Anstatt der früheren Bezeichnungen „leitender Verwaltungsbeamter“ oder „Kanzler“ ist in den LHG von Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland mittlerweile die Funktionsbezeichnung als „hauptamtlicher Vizepräsident“ vorgesehen. Dabei ist es im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben beispielsweise in BadenWürttemberg mitunter möglich, die traditionelle Bezeichnung des Kanzlers dennoch beizubehalten. Doch inwiefern haben sich formale Veränderungen des dienstlichen Status auf der Organisationsebene der Hochschulen verbreitet und durchgesetzt?

Die Analyse der Stellenanzeigen zeigt, dass ab 2004 der Anteil der ausgeschriebenen Stellen für die Verwaltungsleitung unter dem Funktionstitel „hauptamtlicher Vizepräsident“ merklich zugenommen hat (vgl. Abbildung 3). Dies zeigt, dass die Hochschulen bei der Benennung der Position der Verwaltungsleitung offensichtlich auf die im Gesetz ermöglichten neuen Bezeichnungen zurückgegriffen haben. Besonders häufig ist Einführung des neuen Funktionstitels „hauptamtlicher Vizepräsident“ an staatlichen Universitäten erfolgt (vgl. Abbildung 3). Interessanterweise zeigt die Analyse, dass sich auch die privaten Hochschulen bei der Bezeichnung der Position der Verwaltungsleitung an der an staatlichen Hochschulen üblichen Praxis bisweilen orientiert haben, denn auch hier findet sich der Funktionstitel Kanzler.

Abbildung 3: Verwendung der Funktionstitel für die Verwaltungsleitung

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1

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57,1%

62,5%

17,6%

91,2%

78,4%

42,9%

12,5%

25,0%

Quelle: Inhaltsanalyse der Stellenanzeigen aus „Die Zeit“ (N = 231)

Diese Verbreitung der Funktionsbezeichnung „hauptamtlicher Vizepräsident“ oder „Vorstandsmitglied“ impliziert im Hinblick auf die beschriebenen institutionellen Logiken der Hochschulorganisation nicht nur eine Umbenennung, sondern auch eine sich verändernde symbolische Referenz auf die organisationale Identität der Hochschulen. So können Funktionstitel von Organisationen auch als kulturelle Elemente verstanden werden, die ein bestimmtes Image und eine Legitimation für eine spezifische Organisationspraxis nach außen konstruieren sollen. Insofern lässt sich die Einführung des neuen Amtstitels auch als symbolische Referenz auf eine stärker vom bürokratischen Modell abgerückte, organisationale Identität der Hochschule und eine stärker manageriale Ausrichtung der Tätigkeit der Hochschulverwaltungsleitung verstehen. Die Abschaffung eines spezifischen Funktionstitels für die Verwaltungsleitung an diesen Hochschulen kann daher auch als eine „Normalisierung“ des Verständnisses hochschulischer Leitungsund Verwaltungsorganisation im Sinne einer „complete Organization“ verstanden werden (Brunsson/Sahlin-Andersson 2000).

Auch die Befristung des Amtes der Verwaltungsleitung ist den Ergebnissen der Stellenanzeigen und den Befragungsergebnissen der Verwaltungsleitung zufolge mittlerweile im Organisationsfeld umfassend umgesetzt worden. So wird aus Abbildung 4 deutlich, dass spätestens seit 1999 der weitaus größere Anteil der jährlich ausgeschriebenen Positionen für die Verwaltungsleitung an deutschen Hochschulen eine befristete Amtszeit vorsehen. Vor allem an den Hochschulen, deren Leitungsverfassung einen hauptamtlichen Vizepräsidenten als Verwaltungsleitung vorsehen, wurde die Amtszeit der Verwaltungsleitung seit 1998 in überwiegender Mehrheit befristet (vgl. Abbildung 5). In einigen Fällen wird die Amtszeit der Verwaltungsleitung auch direkt an die Amtszeit der Hochschulleitung gebunden.

Abbildung 4 : Befristung des Amtes der Verwaltungsleitung 1992-2008

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2

Quelle: Stellenanzeigen für die Verwaltungsleitung in „Die Zeit“ (N = 231)

Abbildung 5: Befristung des Amtes der Verwaltungsleitung nach Funktion

78,6%

21,4%

12,9%

87,1%

26,3%

73,7%

Quelle: Stellenanzeigen für die Verwaltungsleitung in „Die Zeit“ (N = 231)

Dahingehend ist davon auszugehen, dass die Befristung des Amtes auch ein wesentlicher Auslöser für den Anstieg der ausgeschriebenen Stellen der Verwaltungsleitung und eine damit verbundene intensivierte Rotation gewesen ist. Allerdings bedeutet die Befristung des Amtes, wie in Kapitel 6.3.1 ausgeführt, auch einen Verlust an Kontinuität und Organisationswissen in der Hochschulleitung. Kontinuität wird zudem auch im Hinblick auf einen anderen Aspekt mit der Befristung des Amtes der Verwaltungsleitung problematisiert. Durch die Befristung und die damit verbundene Stellung der Verwaltungsleitung als Beamter auf Zeit ist deren Status nach Beendigung der Amtszeit oder aber im Falle einer Abwahl unklar – insofern keine explizite Regelung durch das LHG oder im Einzelfall für eine Übernahme in eine andere Position gemacht wurde (Franke 2010: 287; Reich 2013). Damit kann im ungünstigen Fall einer Amtsdauer unter zwei Jahren kein Anspruch auf Ruhegehalt oder andere Versorgungsansprüche bestehen. Mit dieser unsicheren Aussicht kann das befristete Amt der Verwaltungsleitung als Beamter auf Zeit insofern für potentielle Bewerber durchaus abschreckend sein, weshalb Beobachter die Gefahr sehen, keinen qualifizierten Nachwuchs für die Position rekrutieren zu können (Franke 2010: 298).

Dabei zeigen sich bezüglich der Befristung der Amtsstellung interessante Unterschiede im Hinblick auf den Hochschultypus: Mit über 65% der Befragten war das Amt der Verwaltungsleitung an staatlichen Universitäten und technischen Universitäten deutlich häufiger befristet, während an privaten Hochschulen die Variante eines unbefristeten Arbeitsvertrags üblicher ist (vgl. Abbildung 6). Dies ist vermutlich vor allem auf arbeitsrechtliche Bestimmungen für die Befristung zurückzuführen. Dennoch lässt sich konstatieren, dass offensichtlich gerade an privaten Hochschulen und bei einem großen Anteil an staatlichen Hochschulen ohne Promotionsrecht, bei denen man aufgrund ihrer spezifischen Ausrichtung eine stärker am privatwirtschaftlichen Prinzipien orientierte Verwaltungsorganisation erwarten könnte, der auf Kontinuität ausgerichtete dienstliche Status der traditionellen Hochschulverwaltungsorganisation etabliert ist.

Abbildung 6: Befristung des Amtes der Verwaltungsleitung & Hochschultyp

Quelle: FÖV-Befragung 2008 (N 153) in Prozent

Zugleich öffnet sich mit der Abschaffung der Verbeamtung auf Lebenszeit und der Befristung des Amtes die Möglichkeit, Kanzler und hauptamtliche Vizepräsidenten stärker auf der Basis leistungsorientierter Vergütungsstrukturen zu bezahlen und auch auf außertarifliche Vertragsvarianten zurückgreifen zu können. Insofern korrespondiert der Wandel des dienstlichen Status im Hinblick auf den Titel und die Befristung des Amtes auch mit Veränderungen in der Besoldung bzw. der Entlohnung der Verwaltungsleitung. Während Kanzler an staatlichen Hochschulen als Landesbeamte traditionell entweder in den Besoldungsgruppen A oder B (Spitzenbeamte) angesiedelt waren, finden sich nunmehr an staatlichen Hochschulen eine Vielzahl unterschiedlicher Vertragsverhältnisse.

Insgesamt wurde bei 70% der ausgeschriebenen Positionen für die Verwaltungsleitung an staatlichen Hochschulen in den Stellenausschreibungen von 1992-2008 ein Dienstverhältnis in den Besoldungsgruppen A und B anvisiert (vgl. Abbildung 7). Dabei zeigt die Darstellung im Zeitverlauf, dass seit 2004 eine Eingruppierung der Position der Verwaltungsleitung in der auch für die akademische Laufbahn der Professoren üblichen W-Besoldung zunehmend häufiger geworden ist (vgl. Abbildung 7). Seit 2004 ist für mehr als ein Drittel der ausgeschriebenen Stellen der Verwaltungsleitung eine W-Besoldung vorgesehen, demgegenüber ist die Eingruppierung in die vorher üblichere Besoldungsgruppe A 15-16 deutlich zurückgegangen.

Abbildung 7: Besoldungsbzw. Tarifgruppe der Verwaltungsleitung

Quelle: Stellenanzeigen für die Verwaltungsleitung in „Die Zeit“ (N = 231) [2]

Im Hinblick auf institutionellen Wandel der Hochschulorganisation und die Verwaltungsleitung impliziert die Einführung der Befristung sowie die Anwendung neuer Besoldungsordnungen für die Hochschulverwaltungsleitung das Bemühen, die Leitungspositionen der Hochschule aus dem spezifisch staatlichen Kontext des Berufsbeamtentums herauszulösen. Hochschulen als wettbewerbsfähige Organisationen, so die damit verbundene Zuschreibung, sollen so auch über eine am Managementerfolg messbar konfigurierte Verwaltungsleitung verfügen. In ähnlicher Weise impliziert die Übernahme der Position des Kanzlers bzw. hauptamtlichen Vizepräsidenten in die akademische Laufbahngruppe der W-Professur dessen Integration als „normales“ Leitungsmitglied eines gesamtorganisatorischen Hochschulmanagements. Organisationsübergreifend wird damit im Hinblick auf den dienstlichen Status der Verwaltungsleitung deutlich, dass die Konfiguration des Amtes durch die Befristung und einer an der Organisation angelehnten Besoldung zunehmend auf eine manageriale Logik abstellt.

  • [1] Für eine ausführliche Darstellung der Veränderungen der formalen Vorgaben für den dienstlichen Status der Verwaltungsleitung vgl. Kapitel 6.3
  • [2] In den Stellenanzeigen für die Verwaltungsleitung an den privaten Hochschulen wird zumeist keine Angabe zum Gehalt bzw. zur Besoldung gemacht und sie werden daher in der Kategorisierung unter „keine Angabe“ aufgeführt
 
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