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7.4 Tätigkeitsprofil und Zusammenarbeit

Formal obliegen der Verwaltungsleitung nach den Vorgaben der LHG bestimmte Leitungsfunktionen und –kompetenzen [1]. Dazu gehört vor allem auch die Funktion als Haushaltbeauftragter sowie die Leitung der zentralen Hochschulverwaltung und seiner Mitarbeiter. Darüber hinaus ist die Verwaltungsleitung in viele weitere Bereiche der Hochschulverwaltung eingebunden. Um ein generelles Bild des Tätigkeitsprofils der Verwaltungsleitung zu bekommen, wurde in der Befragung nicht nach formaler Zuständigkeit, sondern nach der Bedeutung bestimmter Tätigkeiten im Arbeitsalltag der Verwaltungsleitung und den damit verbundenen Kompetenzen gefragt.

Insgesamt lassen sich dabei Tätigkeitsschwerpunkte herausstellen, die auf der Basis der Befragungsergebnisse eine besonders hohe Bedeutung in der Organisationspraxis der Verwaltungsleitung haben: Die höchsten Werte lassen sich – wenig überraschend – für den gesamten Bereich des Haushalts und der Finanzverwaltung einschließlich der Mittelverteilung und des Controllings ausmachen. Wie die Mittelwerte für Finanzverwaltung (MW: 4,63), Mittelverteilung (MW: 4,41), sowie Controlling (MW 4,33) zeigen, messen die Kanzler dem Bereich Haushaltswesen und Finanzverwaltung die mit Abstand höchste Bedeutung in ihrem Tätigkeitsprofil bei (vgl. Abbildung 17). Die Personalentwicklung (MW: 4,41) und Personalverwaltung (MW: 4,12) ist der zweite zentrale Tätigkeitsbereich, dem übergreifend besonders hohe Bedeutung zugemessen wird. Interessanterweise fühlen sich die Befragten auch übergreifend für die Entwicklung der Hochschulstrategie zuständig (MW: 4,37). Zunehmend wichtig scheinen zudem der Hochschulbau (MW: 4,10) und der IT-Bereich (MW: 3,92) zu sein. Justiziariat (MW 3,88), Studierendenangelegenheiten (MW: 3,77) und Prüfungsverwaltung (MW: 3,32) haben im Tätigkeitsspektrum der Kanzler eine vergleichsweise moderate Bedeutung. Qualitätssicherung, Öffentlichkeitsarbeit/Marketing sowie Internationales haben eine relativ niedrige Bedeutung im Tätigkeitsspektrum der Kanzler. Insgesamt wird deutlich, dass die Zumessung der Bedeutung von Tätigkeitsbereichen offensichtlich sehr stark auf die formal vorgesehenen Kernbereiche der Ressourcenverwaltung fokussiert ist.

Dabei zeigen sich im Hinblick auf den Hochschultypus einige Unterschiede im Tätigkeitsprofil: So geben über 80% der Verwaltungsleitungen an staatlichen Universitäten an, dass Finanzverwaltung eine sehr hohe Bedeutung in ihrem Tätigkeitsspektrum einnimmt, während nur 60% der Befragten an staatlichen Hochschulen ohne Promotionsrecht diesem Bereich eine sehr hohe Bedeutung in ihrem Tätigkeitsprofil beimessen. Studierendenangelegenheiten sowie Öffentlichkeitsarbeit spielen im Tätigkeitsprofil der Verwaltungsleitung an Hochschulen ohne Promotionsrecht hingegen eine deutlich größere Rolle als bei Kanzlern an Universitäten. Hingegen wird von Kanzlern und hauptamtlichen Vizepräsidenten an staatlichen Universitäten und Hochschulen dem Justiziariat im Vergleich zu Kanzlern an privaten Hochschulen eine deutlich höhere Bedeutung beigemessen.

Abbildung 17: Bedeutung von Tätigkeitsbereichen für die Verwaltungsleitung

Antworten auf die Frage „Welche Bedeutung haben die folgenden Tätigkeiten?“; 5 = „sehr hohe Bedeutung“, 1 = „keine Bedeutung“ in Mittelwerten

Quelle: FÖV-Befragung 2008 (N=153)

Darüber hinaus lassen sich Unterschiede im Tätigkeitsprofil auch im Hinblick auf die Hochschulgröße feststellen. Je größer die Hochschule (gemessen an der Anzahl der Studierenden), desto höhere Bedeutung wird der Strategieentwicklung, der Finanzund Personalverwaltung sowie dem Hochschulbau beigemessen (vgl. Abbildung 18).

Abbildung 18: Bedeutung von Tätigkeitsbereichen für die Verwaltungsleitung nach Hochschulgröße (in Studierendenzahlen)

Antworten auf die Frage „Welche Bedeutung haben die folgenden Tätigkeiten in ihrem Tätigkeitsspektrum?“; 5 = „sehr hohe Bedeutung“, 1 = „keine Bedeutung“ in Mittelwerten

Quelle: FÖV-Befragung 2008 (N=153)

Dies deutet darauf hin, dass es je nach Hochschultyp und -größe verschiedene Arbeitsund Tätigkeitsschwerpunkte der Verwaltungsleitung gibt. So scheinen, gemessen an der zugewiesenen Bedeutung einzelner Tätigkeitsbereiche, Verwaltungsleitungen an kleineren Fachhochschulen und kleineren Universitäten ein insgesamt etwas breiteres Arbeitsspektrum abdecken zu müssen, während sich Kanzler und Vizepräsidenten an großen Universitäten offensichtlich eher auf zentrale Arbeitsbereiche und strategische Aufgaben fokussieren können.

In einem nächsten Schritt wurde nach der Relevanz der jeweils notwendigen und eingesetzten Kompetenzen im Arbeitsalltag gefragt. Das Ergebnis zeigt, dass die Befragten mit Führungskompetenz (MW: 4,83) und Arbeitserfahrungen im Wissenschaftssystem (MW: 4,23) die höchste Bedeutung eher den generischen Kompetenzen und damit verbundenen Soft-Skills beimessen (vgl. Abbildung 19). Führungskompetenz wird von den Befragten als wichtigste Kompetenz herausgestellt. Zudem deutet der hohe Wert bei Arbeitserfahrungen im Wissenschaftssystem darauf hin, dass der Hochschulsektor von den Befragten als ein distinktes Organisationsund Arbeitsfeld wahrgenommen wird. Im Hinblick auf formale Kenntnisse stellen die Befragten insgesamt betriebswirtschaftliche Kenntnisse mit einem Mittelwert von 4,19 deutlich über juristische Kenntnisse. Dies unterstreicht die Zentralität der haushälterischen Tätigkeiten und der damit verbundenen Anforderungen für ein im Hochschulmanagement stärker auf das Finanzmanagement konzentriertes Tätigkeitsprofil der Verwaltungsleitung.

Abbildung 19: Bedeutung ausgewählter Kompetenzen für die Verwaltungsleitung

Antworten auf die Frage: „Welche Bedeutung haben nach Ihrer Meinung folgende Qualifikationen und Kompetenzen für ein(e) Kanzler(in) / ein(e) Vizepräsident(in)?“; 5 = Sehr hohe Bedeutung 1= keine Bedeutung in Mittelwerten

Quelle: FÖV-Befragung 2008 (N=153)

Differenziert nach den Variablen wie Hochschultypus, Befristung und Amtszeit haben sich in der Analyse im Hinblick auf die Kompetenzen der Verwaltungsleitung kaum Unterschiede ergeben (vgl. Abbildung 20). Die Mittelwerte sind annähernd gleich. Demnach verfügen sowohl „alte“ als auch „neu-rekrutierte“ Verwaltungsleitungen über ein sehr ähnliches Verständnis der Kompetenzen. Doch wie gestaltet sich vor dem Hintergrund dieser Tätigkeiten und Kompetenzen die Zusammenarbeit mit Mitarbeitern und Kollegen im Organisationsfeld der Hochschulen? Wer sind die wichtigsten Ansprechpartner der Verwaltungsleitung?

Abbildung 20: Bedeutung von Kompetenzen nach Amtszeit (in Jahren)

Antworten auf die Frage: „Welche Bedeutung haben nach Ihrer Meinung folgende Qualifikationen und Kompetenzen für ein(e) Kanzler(in) / ein(e) Vizepräsident(in)?“; 5 = Sehr hohe Bedeutung 1= keine Bedeutung in Mittelwerten

Quelle: FÖV-Befragung 2008 (N=153)

Die wichtigsten Ansprechpartner der Kanzler bei beruflichen Fragen und Problemen im Arbeitsalltag sind, den Befragungsergebnissen zufolge, die eigenen Mitarbeiter. Mit dem deutlich höchsten MW von 3,24 geben die befragten Kanzler und hauptamtlichen Vizepräsidenten an, dass sie sich bei beruflichen Fragen und Problemen zumeist an die Mitarbeiter in der eigenen Verwaltung wenden (vgl. Abbildung 21). Der Austausch auf „Augenhöhe“ mit Kollegen (Kanzlern und hauptamtlichen Vizepräsidenten) an anderen Hochschulen spielt mit einem MW von 3,1 offensichtlich für die Lösung beruflicher Fragen eine fast ebenso wichtige Rolle wie der Austausch mit dem eigenen Rektor oder Präsidenten (MW: 3,05) – obschon es sich dabei sicherlich auch um unterschiedliche Probleme handeln dürfte. Dass die Befragten bei Mitarbeitern aus Beratungsunter nehmen und Wirtschaftsunternehmen bei beruflichen Problemen Rat suchen, wird von der großen Mehrheit als nicht zutreffend angegeben.

Abbildung 21: Zusammenarbeit und Informationssuche der Verwaltungsleitung

Antworten auf die Frage: „An wen wenden Sie sich bei beruflichen Fragen und Problemen?“; 1= „trifft gar nicht zu“, 4= „trifft völlig zu“ in Mittelwerten

Quelle: FÖV-Befragung 2008 (N = 153)

Die hohe Zustimmung zur engen Zusammenarbeit mit Kollegen anderer Hochschulen überrascht zunächst aus einer organisationsfeld-fremden Sicht. So gehört die Hochschulverwaltung nicht zur engeren staatlichen Verwaltung mit hohem Abstimmungsbedarf, sondern steht vielmehr zunehmend in einem Wettbewerb um Ressourcen. Die hohe Zustimmung zur Zusammenarbeit mit Kollegen erklärt sich jedoch auch durch die offensichtlich intensive Interaktion der Verwaltungsleitungen an Universitäten und Hochschulen in institutionalisierten Formen des Erfahrungsund Wissensaustausches auf Länderebene und im Rahmen der beruflichen Vereinigungen auf Bundesebene. So existiert seit Ende der 1960er Jahre eine organisationsübergreifende Zusammenarbeit der Verwaltungsleitungen deutscher Universitäten, die als bundesweite Berufsvereinigung der Universitätskanzler sowohl Arbeitskreise und Fortbildungen organisiert, als auch die seit 1957 stattfindende Jahrestagung der Universitätskanzler (Schuster 1996a: 1059). Komplementär dazu und in ähnlicher Weise fungiert die Bundesarbeitsgemeinschaft der Kanzlerinnen und Kanzler, die sich durch die Verwaltungsleitungen an Hochschulen ohne Promotionsrecht konstituiert. Neben den bundesweiten Vereinigungen der Kanzler und Leiter der Hochschulverwaltungen gibt es zudem auf der Ebene der Bundesländer durch Arbeitskreise und spezielle Expertengruppen zahlreiche Möglichkeiten des institutionalisierten Austausches. Insbesondere die Kanzlerarbeitskreise innerhalb der Bundesländer dienen als regelmäßige Foren für den Austausch und die Weiterentwicklung zu wichtigen Verwaltungsund Managementfragen. Insofern kann das Berufsfeld der Hochschulverwaltungsleitung Deutschland als beruflich und professionell gut vernetzt angesehen werden.

Darüber hinaus hat sich – parallel zu umfangreichen Vernetzungsaktivitäten z.B. durch die European Rectors Conference (CRE), die European University Association (EUA), die vor allem die Rektoren und Präsidenten von Hochschulen zusammenbringen – seit einigen Jahren das Heads of University Management and Administration Network in Europe (HUMANE) als ein europäischer Berufsverband etabliert (Bleijerveld 2003: 66). Unter dem Dach der European Centre for Strategic Management of Universities (ESMU) organisiert das HUMANE Workshops und Expertentreffen vornehmlich für Leiter von Hochschulverwaltungen, bei denen der fachliche Austausch im Mittelpunkt steht.

In der neoinstitutionalistischen Organisationsforschung wird solchen beruflichen Netzwerken eine wichtige Bedeutung für die Erklärung institutioneller Ordnungen und ihres Wandels beigemessen (DiMaggio/Powell 1983; Lounsbury 2002; Noordegraaf/Van der Meulen 2008). Auf der Basis intensiven Wissensaustausches und der Etablierung von Fortbildungsprogrammen, wie es sie mittlerweile in unterschiedlichen Bereichen des öffentlichen Managements und des Hochschulmanagements auf nationaler sowie internationaler Ebene gibt, können solche beruflichen Netzwerke sowohl zur Standardisierung von Organisationspraktiken als auch zu einer beruflichen Identitätsbildung beitragen (Pausits/Pellert 2009; Gornitzka/Larsen 2004: 463). Daher können diese institutionalisierten Formen des Wissensund Erfahrungsaustausches durch Tagungen, Mitgliedschaften und Fortbildungen für die Rezeption und Übersetzung institutioneller Logiken innerhalb eines Organisationsfeldes als konstitutiv angesehen werden. Doch wie wichtig sind die oben angeführten beruflichen Netzwerke aus Sicht der Verwaltungsleitungen?

In der Befragung zeigt sich, dass insbesondere den institutionalisierten Formen des Austausches auf der regionalen Ebene der Bundesländer eine hohe Bedeutung durch die Kanzler beigemessen wird. (vgl. Abbildung 22). Über 50% der Befragten geben an, dass der etablierte Austausch auf der Ebene des Bundeslandes, wie z. B. über Arbeitskreise, eine sehr hohe Bedeutung hat. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Zusammenarbeit mit jenen Kollegen, die unter sehr ähnlichen regionalen und gesetzlichen Rahmenbedingungen arbeiten, im Hinblick auf den fachlichen Austausch eine offensichtlich größere Bedeutung hat als die in der nationalen Berufsvereinigung. Berufliche Vernetzung und die Entwicklung von Standards vollziehen sich daher auf der Ebene ähnlicher Organisationsumwelten. Hingegen scheinen die internationalen Netzwerke und Formen des professionellen Austausches eine weniger hohe Bedeutung für die Kanzler zu haben. 40% der Befragten geben an, dass internationaler Austausch keine Bedeutung für sie hat (vgl. Abbildung 22).

Insgesamt lässt sich diese enge Zusammenarbeit und der starke Austausch der Verwaltungsleitungen im unmittelbaren regionalen Umfeld als Ausdruck einer Form der institutionalisierten Zusammenarbeit und Interaktion sehen, die sich eher an einer bürokratischen Logik der Hochschulorganisation orientiert. Anders als die durch den Wettbewerb und die Organisationsautonomie geprägte Rezeption der organisationalen Umwelt einer managerialen Logik nahelegen würde, orientiert sich beruflicher Austausch der Verwaltungsleitungen in erster Linie an der Hochschulgesetzgebung auf Länderebene und der gemeinsamen Entwicklung von Standards im unmittelbaren organisationalen Umfeld.

Abbildung 22: Bedeutung institutionalisierter Austauschformen

Quelle: FÖV-Befragung 2008 (N = 153)

Vor dem Hintergrund dieser aus den Befragungsergebnissen herausgearbeiteten Charakteristika des Werdegangs und des beruflichen Tätigkeitsprofils der Verwaltungsleitung gilt es im nächsten Schritt, ihre Rolle und ihr berufliches Selbstverständnis zu analysieren.

  • [1] Für eine ausführliche Darstellung der LHG-Vorgaben zur Stellung der Verwaltungsleitung vgl. Kapitel 6.2
 
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