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7.6 Zwischenfazit

Die Analysen machen deutlich, dass die Reorganisation der formalen Leitungsund Verwaltungsstrukturen an deutschen Hochschulen auch mit Veränderungen des Werdegangs, der Rekrutierung und unterschiedlichen beruflichen Selbstverständnissen der Verwaltungsleitung korrespondieren. Das durch die bürokratische Logik geprägte Profil des juristisch ausgebildeten Berufsbeamten als eines eng an die öffentliche Wissenschaftsverwaltung gebundenen Generalisten wird ergänzt durch ein stärker managerial geprägtes Berufsprofil der Verwaltungsleitung im Sinne eines wirtschaftswissenschaftlich ausgebildeten Hochschulmanagers. Institutioneller Wandel von einer akademisch-bürokratischen Logik zur post-bürokratischen Logik des Hochschulmanagements manifestiert sich demnach auch an einer offensichtlich stärker auf wirtschaftswissenschaftliche Expertise abstellenden Rekrutierungspraxis und zum Teil auch in einem an die Organisation gebundenen beruflichen Selbstverständnis der Kanzler und hauptamtlichen Vizepräsidenten.

So wurde gezeigt, dass es parallel zu den Veränderungen der Funktionsbezeichnungen und der Befristung auch zu einer Pluralisierung des Studienhintergrunds der Kanzler und hauptamtlichen Vizepräsidenten gekommen ist. Vor allem Kanzler mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Studienhintergrund sind unter den später rekrutierten und jüngeren Verwaltungsleitungen deutlich häufiger und Juristen deutlich weniger vertreten. Zudem sind Berufserfahrungen in unterschiedlichen Bereichen, und hier im privatwirtschaftlichen Sektor, für die Berufsbiographie der jüngeren Kanzler und hauptamtlichen Vizepräsidenten üblicher geworden. Offensichtlich reflektiert dies auch das spezifische Tätigkeitsprofil, das in starkem Maße durch die Aufgaben der Finanzverwaltung und Mittelverteilung geprägt ist. Welche konkreten Erwartungen hinter dieser (neuen) heterogenisierten Rekrutierungspolitik stecken und inwiefern damit auch Veränderungen in der Interaktion mit Hochschulmitgliedern und Umweltakteuren verbunden sind, ist jedoch nur durch weiterführende Analysen auf der Organisationsebene zu klären.

Obschon sich anhand des Studienhintergrunds und des beruflichen Werdegangs Tendenzen in Richtung eines stärker durch Erfahrungen in der Privatwirtschaft und häufiger wirtschaftswissenschaftlich ausgebildeten Managertypen konstatieren lassen, setzen sich im Kontext der post-bürokratischen Logik des Hochschulmanagements auch Aspekte eines Berufsprofils durch, das – im Hinblick auf die berufliche Sozialisation der Verwaltungsleitungen – durch eine hohe Affinität zum Hochschulund Wissenschaftssektor gekennzeichnet ist. So verfügt die große Mehrheit der Amtsinhaber über vorherige Berufserfahrung in der Wissenschaftsverwaltung anderer Einrichtungen und bei staatlichen Hochschulen knapp die Hälfte über eigene wissenschaftliche Erfahrungen durch die Erstellung einer Promotion. Von einer Dominanz organisationsfeld-fremder Hochschulmanager auf der Position der Verwaltungsleitung an deutschen Hochschulen kann insofern nicht die Rede sein.

Dies zeigt, dass institutioneller Wandel der Hochschulorganisation im Hinblick auf das Berufsprofil nicht als „revolutionary change“ (Greenwood/Hinnings 1996) im Sinne eines abrupten Wandels zum Manager zu charakterisieren ist. Juristen sind nach wie vor die deutlich dominante Fächergruppe und wesentliche Aspekte des beruflich-fachlichen Austausches werden zunächst im Kontext der allgegenwärtigen rechtlichen Vorgaben durch die Landeshochschulgesetze und Verordnungen geprägt. Insbesondere die Ergebnisse zum beruflichen Selbstverständnis zeigen die Ambivalenz und Hybridität beruflicher Rollen in der Hochschulverwaltungsleitung. So wurde anhand der Sekundäranalyse der Befragungsitems gezeigt, dass sich übergreifend zwei unterschiedliche Einstellungstypen finden lassen, die in einigen Aspekten eng mit dem veränderten Status in der Organisation sowie ihrem beruflichen Werdegang zusammenhängen. Insofern kann argumentiert werden, dass sich die Sozialisation der Amtsinhaber in das durch manageriale Rekonfiguration geprägte Amt der Hochschulverwaltungsleitung in heterogener Weise sowohl am Effizienzdenken als auch an der Bewahrung traditioneller Handlungsmotive der Hochschulverwaltungsleitung orientiert. Die (Re)Konstruktion beruflicher Identität im Kontext der formalstrukturellen Reorganisation der Verwaltungsleitung an deutschen Hochschulen scheint insofern durch ein Managementverständnis geprägt zu sein, das durch das Zusammenbringen unterschiedlicher Wertehaltungen geprägt ist.

Damit bestätigt die Analyse Ergebnisse anderer Studien zur Leitungsorganisation in öffentlichen Einrichtungen und Non-Profit-Organisationen, bei denen eine stärkere Rationalisierung der Organisationsstrukturen in ähnlicher Weise mit einem Zuwachs an befristetet eingestellten und wirtschaftswissenschaftlich ausgebildeten Führungskräften korrespondiert hat (Noordegraaf/Stewart 2000; Noordegraaf 2000; Hwang/Powell 2009; Langer/Schroer 2011). Dabei wurde argumentiert, dass sich die Entwicklung beruflicher Identitäten der Manager als Anpassungsund Übersetzungsprozess vollzieht, bei dem Rollenverständnisse situationsabhängig interpretiert werden (Noordegraaf 2000: 594). Aus Sicht der neoinstitutionalistischen Organisationsforschung wird dies vor allem auf die umfassende Institutionalisierung der historisch gewachsenen Logik des öffentlichen bzw. des Non-Profit-Sektors zurückgeführt, in die (auch neue) Führungskräfte als Organisationsund Professionsmitglieder sozialisiert werden (Meyer/Hammerschmid 2006). Der an den Veränderungen formaler Organisationsstrukturen und des dienstlichen Status der Verwaltungsleitung deutlich werdende Einfluss einer post-bürokratischen Logik des Hochschulmanagements ist daher im Hinblick auf das berufliche Profil eher als Rekonstruktion managerialer Identitäten und zeitgleiche Bewahrung bürokratischer Identitäten zu charakterisieren. Am Beispiel der Verwaltungsleitung wird insofern deutlich, dass sich institutioneller Wandel der Hochschulorganisation als ein längerer Sedimentierungsprozess vollzieht, bei dem es zwar zu deutlichen Veränderungen organisationaler Formalstrukturen gekommen ist, berufliche Identitäten und organisatorische Praktiken jedoch durch den ambivalenten Zugriff auf unterschiedliche institutionelle Logiken geprägt sind.

 
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