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8.2 Ausblick und weitere Forschungsfragen

Die Arbeit hat argumentiert, dass institutioneller Wandel der Hochschulorganisation als ein Übergang von einer akademisch-bürokratischen Logik zu einer postbürokratischen Logik des Managements verstanden werden kann. Für die Analyse wurde dabei auf Zuschreibungen in Gesetzen, Stellenanzeigen und die Selbsteinschätzungen der Kanzler und hauptamtlichen Vizepräsidenten abgestellt. Dieser enge empirische Fokus stellt offensichtlich die Grenze der Analysen dar, macht aber zugleich auf interessante Fragen für weitergehende Forschungsansätze aufmerksam.

Dies betrifft zunächst eine Erklärung des Verlaufs institutionellen Wandels und die Frage, wie sich die Deinstitutionalisierung (Oliver 1992) einer bürokratischen Logik vollzogen hat und welche Mechanismen sowie Praktiken zur Etablierung einer neuen Logik geführt haben. Beides sind Fragen, die im Rahmen der Arbeit weitgehend nicht thematisiert wurden. Thornton et al. (2012: 148ff.) argumentieren, dass institutionelle Logiken innerhalb eines organisationalen Feldes auf übergeordnete Ordnungsprinzipien, zentrale Ideen und ideologische Konstrukte in der Gesellschaft zurückgreifen, die dann durch „Theoretisierung“ und Übersetzung im Feld angepasst werden. Dabei spielen die Ausgangspunkte und zentralen Innovatoren der Konstruktion neuer Logiken eine zentrale Rolle dafür, ob sich diese im Organisationsfeld längerfristig durchsetzen (Lounsbury 2007: 301). Dies lässt sich auch im Hinblick auf den Hochschulsektor in Deutschland nachvollziehen.

Wie in Kapitel 2.1.2 ausgeführt wurde, gaben Konzepte der Verwaltungsmodernisierung des New Public Management, wesentliche Impulse für die Reorganisation der Leitungsstrukturen an Hochschulen (De Boer 1998; Lange/Schimank. 2007; Ferlie et al. 2008). Diese Erklärungsmodelle gehen davon aus, dass organisationaler Wandel der Hochschulen aus der auch in Deutschland seit Ende der 1990er Jahre veränderten politischen Vorgaben und umfassend reformierte Gesetzgebung resultiert. Allerdings wurden die Legitimierung und der politische Verlauf dieser konzeptuellen „Übertragung“ von Steuerungskonzepten des NPM in konkrete Organisationsmodelle für den Hochschulsektor bisher kaum auf der Basis politikoder verwaltungswissenschaftlicher Analysen untersucht.

Um dem nachzugehen wäre es sinnvoll, vor allem politische Entwicklungsprozesse in der deutschen Hochschulund Wissenschaftspolitik empirisch zu untersuchen, die zur Reform der Gesetzgebung seit Mitte der 1990er Jahre geführt haben. Dabei könnten vor allem auch Beratungsprotokolle von Ausschüssen der Länderparlamente oder Gesetzesbegründungen der Landeshochschulgesetze interessante Einblicke in die Entwicklung und Legitimierung neuer Konzepte der Leitungsorganisation geben.

Zudem wurde bei der im Rahmen der Arbeit durchgeführten Analyse der Landeshochschulgesetzgebung deutlich, dass die Nutzung von „Experimentierklauseln“ bei der Erprobung neuer organisatorischer Strukturen an Hochschulen ein mittlerweile häufig genutztes Instrument der Gesetzesentwicklung und Verwaltungssteuerung im Politikbzw. Organisationsfeld der Hochschulund Wissenschaftseinrichtungen zu sein scheint. Es wäre daher zu vermuten, dass solche Experimentierklauseln – ähnlich wie auch Wettbewerbe zur Entwicklung zukunftsorientierter Forschungsund Hochschulorganisation – im Politikfeld des Hochschulsektors einen spezifischen Governance-Modus der Selbstregulierung darstellen, der hinsichtlich der Entwicklung und Umsetzung neuer Strukturen in der Leitungsund Verwaltungsorganisation von Hochschulen bisher kaum erforscht ist.

Die frühen Arbeiten in der neoinstitutionalistischen Organisationsforschung verweisen im Hinblick auf Anpassungsund Diffusionsprozesse vor allem auf die zentrale Rolle von Berufsvereinigungen, Beratungseinrichtungen und internationalen Organisationen (DiMaggio/Powell 1983; Rogers 1995). Auch im Hinblick auf den Bildungsund Hochschulsektor wurde anhand einiger Studien gezeigt, dass internationale Organisationen bei der Entwicklung, Standardisierung und Diffusion neuer Modelle der Hochschulsteuerung zunehmend eine wichtige Rolle spielen (Drori et al. 2003; Jakobi 2012; Jakobi/Martens 2007). Anknüpfend daran wäre es für die Forschung in ähnlicher Weise interessant, dem Einfluss internationaler Organisationen wie der OECD, UNESCO oder der EUA auf die Entwicklung von Hochschul-Governance-Reformen und neuen Konzepten der Hochschulund Verwaltungsleitungsorganisation in Deutschland nachzugehen. Empirische Datengrundlage dafür könnten beispielsweise Dokumente von Stellungnahmen der Konferenzen und Expertengremien zu Organisation und Governance von Hochschulen sein.

Darüber hinaus können die Ergebnisse der Arbeit als Ausgangpunkt für eine Analyse der Sozialisierung und Mikrofundierung institutioneller Logiken angesehen werden, sowohl für die Logik innerhalb der Hochschulorganisationen als auch für die der handelnden Individuen wie Kanzler, Mitglieder der Hochschulleitung und akademischen Gremien (Powell/Colyvas 2008; Hasse/Schmidt 2010). Tolbert/Zucker (1996) argumentieren, dass eine (neue) Institution dann als institutionalisiert gelten kann, wenn beteiligte Akteure auf bestimmte Konstellationen und Probleme mit habitualisierten Wahrnehmungen und Aktionen reagieren (Tolbert/Zucker 1996: 180). Diese Konzeptualisierung eröffnet den Fokus auf theoretisch angeleitete Untersuchungen zum Organisationsverhalten und der Leitungspraxis in Hochschulorganisationen, die danach fragen, inwiefern Elemente und Handlungsmaximen managerialer oder anderer Organisationslogiken Bestandteil von Routinen und Entscheidungsverhalten geworden sind.

In Anlehnung an Studien zu Verwaltungsund Managementeliten in anderen Bereichen des öffentlichen Sektors (Hwang/Powell 2009; Meyer/Hammerschmid 2006; Noordegraaf 2000; Noordegraaf/Steward 2000; Thomas/Davies 2005) könnte es dabei darum gehen, auf der Basis von empirischen Untersuchungen und Konzepten aus der Entscheidungsund Organisationsforschung die Unterschiede in der „Leitungspraxis“ und in den Einstellungen von Führungskräften an Hochschulen organisationsübergreifender herauszuarbeiten, z.B. anhand eines Vergleiches zu anderen Organisationstypen wie Gesundheitsund Kultureinrichtungen oder staatlichen Regulierungsbehörden. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie sich die Interaktionspraxis zwischen der Hochschulund Verwaltungsleitung und den intermediären Organisationen bzw. den staatlichen Ministerien im Kontext einer erweiterten Organisationsund Entscheidungsautonomie der Hochschulen vollzieht.

 
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