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1 Einleitung

„Ich hab' jetzt keine Plan, weil mit Duldung (…) kann man nichts in Deutschland machen“ (Interview Arash, Z. 187f.). Dies ist ein Satz aus dem Interview mit dem 21-jährigen Arash, [1] das im Rahmen dieser Arbeit geführt wurde. Arash ist vor fünf Jahren aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet und wartet seitdem auf eine Aufenthaltserlaubnis. So wie ihm geht es derzeit rund 94 000[2] Menschen in Deutschland, die aus ihren Heimatländern geflohen sind, weil sie dort aufgrund von Kriegen, religiöser oder ethnischer Verfolgung und massiver Diskriminierung um ihr Leben fürchten mussten (vgl. Statistisches Bundesamt 2015). Viele haben alles zurückgelassen, nicht selten ihre eigene Familie. In Deutschland angekommen erwartet sie ein oft langwieriges Asylverfahren, das für diese Gruppe von Flüchtlingen kein positives Ende nimmt: „Antrag abgelehnt“ heißt es in ihrem Bescheid. Weil sie aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht sofort abgeschoben werden (können), erhalten sie eine Duldung, was eine vorübergehende Aussetzung der Abschiebung bedeutet. Sie sind in Deutschland für die jeweils nächsten drei oder sechs Monate geduldet; eine Perspektive für die Zukunft wird ihnen (vorerst) nicht geboten.

Diese Personen, fortan geduldete Flüchtlinge genannt, sind nur ein Teil der Menschen, die jährlich nach Deutschland kommen und um Asyl bitten. 2014 stellten rund 180 000 Personen einen Asylantrag in Deutschland. [3] Weltweite kriegerische Auseinandersetzungen, brutale Diktaturen, militante Terrorgruppen und Menschenrechtsverletzungen lassen die Flüchtlingszahlen nach oben steigen. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR) befanden sich Ende 2013 weltweit 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht (vgl. UNHCR 2014a: 2). Der größte Teil davon, 33,3 Millionen am Jahresende von 2013 (vgl. ebd.), sind jedoch Binnenvertriebene, die in ihrem Heimatland in einem anderen Gebiet Schutz suchen. Verlassen die Menschen dieses doch, verbleiben sie häufig in benachbarten Ländern. Die kleinere Gruppe von Flüchtlingen, welche die nötigen finanziellen Mittel und den nötigen Mut für die oft lebensgefährliche Flucht nach Europa aufbringt und diese überlebt, stellt die derzeitige Flüchtlingsund Asylpolitik der westlichen Länder auf eine Probe. [4]

Die öffentliche Wahrnehmung von Flüchtlingen in den deutschen Medien ist heute geprägt von Bildern voll besetzter Boote auf dem Mittelmeer, von aus allen Nähten platzenden Erstaufnahmeeinrichtungen und Debatten über die weitere Unterbringung und den Umgang mit den ankommenden und bereits hier lebenden Personen. Vor allem in der zweiten Jahreshälfte 2014 waren die Medien voll mit Berichten von Städten und Kommunen, die dem „Flüchtlingsansturm“ nicht gewachsen waren und verzweifelt nach Unterbringungsmöglichkeiten suchten (vgl. u.a. Oberhuber 2014). Flüchtlinge erscheinen in diesem medialen Diskurs oftmals als eine die Bundesregierung und Landesregierungen unter Druck setzende Herausforderung, die es zu bewältigen gilt (vgl. ebd.). Gleichzeitig lässt sich vielerorts eine gelebte Solidarität und „Willkommenskultur“ in Form von zahlreichen Initiativen und Unterstützungsangeboten der lokalen Bevölkerung für die ankommenden Flüchtlinge erkennen (vgl. Preuß 2014; Prantl 2014b). Sind diese dann vorerst notdürftig in prekären Unterkünften untergebracht, wird geprüft, ob ihnen Schutz bzw. Asyl gewährt werden kann. Währenddessen ist das Leben der Flüchtlinge geprägt vom Zustand des Wartens – Warten auf die Gestattung oder Ablehnung des Asylgesuchs, Warten auf eine Arbeitserlaubnis, Warten auf die Möglichkeit eines Deutschkurses und vor allem Warten auf eine sichere Zukunft. Wessen (Flucht-)Schicksal vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) als plausibel und wahr anerkannt wird und wer aus „begründeter Furcht vor Verfolgung“ (§3 Abs. 1 AsylVfG) den Schutz seines Heimatlandes nicht wahrnehmen kann, hat „Glück im Unglück“ und bekommt einen dreijährigen Aufenthaltstitel im Rahmen vom Flüchtlingsschutz oder einer Asylberechtigung bzw. als subsidiär Schutzberechtigte eine Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr. Für die anderen, welche eine Duldung erhalten, geht das Leben „im Wartesaal Deutschland“ (Fritz/Groner 2004) weiter. Sie müssen jetzt zwar keine Angst mehr vor nächtlichen Bombenanschlägen oder existenzgefährdenden Notlagen haben, die Angst vor einer ungewissen Zukunft wird ihnen jedoch nicht genommen. Die meisten der geduldeten Flüchtlinge leben in sogenannten Gemeinschaftsunterkünften unter sehr beengten Wohnverhältnissen; der beschränkte Zugang zu Bildung und Arbeit trägt zu einem Leben unter prekären Bedingungen bei. Die nationale Integrationspolitik grenzt Asylsuchende und weitere Personen, denen die primäre Integrationsbedingung, nämlich ein dauerhafter und gesicherter Aufenthaltsstatus, fehlt, aus (vgl. Scherr 2007: 1). [5] Damit sind sie von den meisten integrationspolitischen Maßnahmen ausgeschlossen, da nicht ihr ständiger Aufenthalt und ein Leben in Deutschland, sondern eine baldmögliche Rückführung bzw. Abschiebung, vorgesehen sind und somit die aufenthaltsrechtliche Situation „geduldet“ als Synonym für den gesellschaftlichen und politischen Umgang der Personen steht (vgl. Kühne 2003: 215). Wie Menschen unter diesen Bedingungen und Voraussetzungen, teilweise jahrelang, ihr Leben führen und meistern, wie sie trotz allen Herausforderungen und Schwierigkeiten die Hoffnung auf ein „besseres Leben“ (vgl. Interview Nazim, Z. 129) nicht verlieren; wie sie aber auch an manchen Punkten verzweifeln, Angst haben, „es nicht zu schaffen“ (vgl. Interview Raza, Z. 22) und die repressiven Strukturen übermächtig erscheinen, wird in dieser Arbeit zum Forschungsgegenstand gemacht. Dies geschieht unter dem Blickwinkel des bei den amerikanischen AutorInnen Mustafa Emirbayer und Ann Mische in ihrer 1998 erschienenen Publikation „What is Agency?“ vorzufindende sozialwissenschaftliche Agency-Konzept, das versucht, Handlungsfähigkeit von Individuen zu erfassen. Dabei geht es auf das Zusammenspiel und die Wechselwirkung von individueller Selbstbestimmung und struktureller Bestimmtheit ein, indem es Handlungsfähigkeit als kontextuell situierte Fähigkeit zeitlich verortet und damit eine Perspektive eröffnet, die jenseits einer Dichotomie von Individuum und Struktur eine sinnvolle Untersuchung von Handlungsfähigkeit ermöglicht (vgl. Emirbayer/Mische 1998: 963). In der Literatur sowie der Sozialen Arbeit werden Flüchtlinge in vielen Fällen als Opfer ihrer Verhältnisse und beherrscht von repressiven Strukturen dargestellt und wahrgenommen (vgl. Seukwa 2010: 5). Dies führt häufig zu Mitleid gegenüber dieser marginalisierten Gruppe sowie einem defizitorientierten Umgang. Damit entsteht ein einseitiges Bild von Menschen, welche neben ihres „Flüchtlingsstatus“ als Subjekte mit individuellen Handlungsorientierungen und der Fähigkeit, ihre Situation zu überwinden bzw. damit umzugehen, konzipiert werden müssen. Denn wie einige wenige Studien (vgl. Seukwa 2010) sowie von Flüchtlingen initiierte oder durchgeführte Projekte bezeugen, [6] finden viele der Flüchtlinge trotz der vorherrschenden Einschränkungen und repressiven Strukturen, Wege und Mittel, handlungsfähig zu bleiben oder zu werden. Wie und in welcher Form geduldete Flüchtlinge in Deutschland innerhalb der gegebenen Strukturen handlungsfähig sind, wird in dieser Arbeit untersucht. Dabei soll der Blickwinkel von der Beschreibung der offensichtlichen prekären Lebenslage hin zu Prozessen und spezifischen Ausprägungen von Handlungsfähigkeit gelenkt werden.

Zur Umsetzung dieses Zieles wurden im Rahmen der hier gewählten explorativen biographieanalytischen Herangehensweise fünf geduldete Flüchtlinge aus unterschiedlichen Herkunftsländern mithilfe von narrativen Interviews befragt. Die Erzählungen der jungen Männer gewähren Einblick in die Lebenswirklichkeit von geduldeten Flüchtlingen in Deutschland. Eine Analyse der erhobenen Interviews gibt das Bild von Personen wieder, die sich in massiv einschränkenden Strukturen und Regelungen des rechtlichen Aufenthaltsstatus der Duldung bewegen. Dabei lässt sich jedoch trotzdem, von Fall zu Fall unterschiedlich, ein gewisses Maß an Handlungsfähigkeit im Sinne des verwendeten Agency-Konzeptes identifizieren, welches die befragten Personen im Zusammenspiel mit den sie umgebenden Strukturen anhand von unterschiedlichen Strategien und mithilfe von verschiedenen Ressourcen (wieder-)herstellen oder aufrechterhalten.

Den Ausgangspunkt der Arbeit bildet die Beschreibung des Feldes, um damit den Forschungsgegenstand vor der empirischen Untersuchung klar zu umreißen und theoretische Grundlagen darzustellen. Nach einer Erläuterung des Begriffs des Flüchtlings (vgl. 2.1) wird eingehender auf den Status der Duldung und damit einhergehenden Problematiken, Kontroversen und Schwierigkeiten eingegangen (vgl. 2.2). Danach wird auf das Agency-Konzept Bezug genommen, das dieser Untersuchung als theoretischer Rahmen dient. Dabei erfolgt zunächst eine knappe Darstellung des sozialwissenschaftlichen Agency-Diskurses (vgl. 3.1) um dann ausführlich auf das Agency-Konzept von Emirbayer und Mische (1998) einzugehen (vgl. 3.2). Nachdem die Entwicklung des Ansatzes aufgezeigt wurde (vgl. 3.2.1), wird das hier verwendete Verständnis von Agency erläutert (vgl. 3.2.2). Zudem wird die Verbindung zwischen der Theorie und der Empirie hergestellt, indem im abschließenden Punkt Implikationen der Theorie für die empirische Forschung aufgezeigt werden (vgl. 3.2.3). Im letzten Punkt des Theorieteils findet eine Darstellung des aktuellen Forschungsstandes und daraus folgendem Forschungsbedarf im Bereich Handlungsfähigkeit von geduldeten Flüchtlingen, statt (vgl. 4.). Im methodischen Teil der Arbeit werden zunächst Fragestellung und Ziel der Arbeit formuliert (vgl. 5.1). Daraus ergibt sich die Wahl der Methoden, welche in den nächsten Punkten begründet und dargestellt wird. So folgt zunächst eine Betrachtung von Biographieforschung, die dieser Arbeit als übergreifender Forschungsansatz dient (vgl. 5.2). Anschließend wird die methodische Vorgehensweise des narrativen Interviews und der Narrationsanalyse, anlehnend an Fritz Schütze, entlang des Forschungsprozesses erläutert und begründet (vgl. 5.3 und 5.4). Diese methodischen Vorüberlegungen münden im empirischen Teil der Arbeit. Dort werden die zwei analysierten Fälle detailliert dargestellt, indem zunächst eine fokussierte Falldarstellung des Interviews geschieht (vgl. 6.1.1 und 6.2.1), um danach zu jedem Fall eine zusammenfassende Rekonstruktion der Handlungsfähigkeit vorzunehmen (vgl. 6.1.2 und 6.2.2). Nach der Darstellung der Einzelfallanalyse finden sich die Ergebnisse der kontrastiven Vergleiche der fünf Interviews in Form von zentralen herausgearbeiteten Dimensionen und ihrer Bedeutung hinsichtlich Handlungsfähigkeit (vgl. 7.). In der darauffolgenden Diskussion werden die Ergebnisse der Arbeit im Zusammenhang mit dem verwendeten Agency-Konzept besprochen, methodische Reflexionen und Einschränkungen vorgenommen sowie weiterer Forschungsbedarf aufgezeigt (vgl. 8.). Das Ende der Arbeit bildet das Fazit, in welchem Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen der Arbeit sowohl für die Forschung als auch für Politik und Gesellschaft gezogen werden (vgl. 9.).

  • [1] Alle Befragten erhielten ein Pseudonym (vgl. 5.4).
  • [2] Stand vom 31.12.2013.
  • [3] Diese Zahl setzt sich aus Erstsowie Folgeanträgen, die in Deutschland von Januar bis Ende November 2014 gestellt wurden, zusammen (vgl. BAMF 2014b: 2).
  • [4] Im ersten Halbjahr 2014 stellten 264 000 Menschen einen Asylantrag in Europa (vgl. UNHCR 2014b: 8).
  • [5] Scherr (2007) geht in seinem Vortrag auf den problematischen Begriff „Integration“ ein. Dabei sieht er Integration als „Inklusion in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt“ (ebd.: 4) als nicht ausreichend, wenn dabei weiterhin strukturelle Benachteiligung anstatt Chancengleichheit vorherrscht. Neben der „Integration als Inklusion in Teilsysteme“ (ebd.: 5) der Gesellschaft spricht er die „lebensweltliche Integration“ (ebd.: 5) an, welche „Integration auf der Ebene von Nachbarschaften, Freundschaftsbeziehungen, Familien und im Bereich der Freizeit“ (ebd.: 5) meint. Wie bereits angesprochen und ausführlicher unter 2.2.2 erläutert, stellt sich bei geduldeten Flüchtlingen sowohl die Inklusion in gesellschaftliche Teilbereiche als auch die Herstellung von sozialen Kontakten außerhalb ihres direkten Umfeldes, was meist aus anderen (geduldeten) Flüchtlingen besteht, als sehr schwierig dar.
  • [6] Vgl. beispielsweise das Projekt „Jugendliche ohne Grenzen“, welches ein bundesweiter Zusammenschluss von jugendlichen Flüchtlingen in Deutschland ist (jogspace.net/, zuletzt geprüft am 13.01.2015).
 
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