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2.1 Zum Begriff „geduldete Flüchtlinge“

Im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) vom 28. Juli 1951 und ihrem Zusatzprotokoll von 1967 ist ein Flüchtling eine Person, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will“ (Art. 1 A Abs. 2 GFK). Die Verfolgung kann von staatlicher Seite bzw. staatsähnlichen Akteuren, als auch nichtstaatlicher Seite ausgehen, wenn der Staat keinen Schutz vor dieser Bedrohung bieten kann (BAMF 2014c). Damit ist der in dieser Arbeit verwendete Begriff „geduldete Flüchtlinge“ im asylrechtlichen Sinne nicht korrekt, da Personen, die eine Duldung besitzen, nach Prüfung ihres Asylverfahrens nicht der Flüchtlingsstatus nach der Definition der GFK bzw. nach § 3 Abs. 1 AsylVfG zugesprochen wurde und sie auch nicht wie Asylberechtigte die gleiche Rechtstellung wie Flüchtlinge genießen. Doch auch wenn diese Personen im asylrechtlichen Sinn nicht als Flüchtlinge anerkannt sind, werden innerhalb einer erweiterten Flüchtlingsdefinition bzw. im allgemeinen Sprachgebrauch auch andere Personengruppen, die ihr Heimatland bzw. ihren derzeitigen gewohnheitsmäßigen Wohnort verlassen mussten, als Flüchtlinge bezeichnet. Wird in dieser Arbeit von geduldeten Flüchtlingen gesprochen, werden Personen, die aus ihrem Heimatland nach Deutschland geflohen sind und hier mit einer Duldung leben, verstanden. Diese werden häufig auch „de-facto-Flüchtlinge“ (Die Bundesregierung 2015) bezeichnet. Nuscheler (2004) äußert sich zu dieser Diskrepanz zwischen der asylrechtlichen Bezeichnung und der tatsächlichen Wirklichkeit, und bezeichnet den Flüchtlingsbegriff „ [als] ein Sammelbegriff, der sehr unterschiedliche Typen von Flüchtlingen mit jeweils spezifischen Fluchtmotiven umgreift. Dem asylrechtlichen Flüchtlingsbegriff liegt dagegen ein Idealtypus des Flüchtlings mit ganz besonderen Eigenschaften, nicht der Realtypus heutiger Massenfluchtbewegungen, zugrunde“ (ebd.: 107).

Der Gebrauch des Begriffs des „Flüchtlings“ muss neben diesen Anmerkungen zusätzlich unter einem kritischen Licht betrachtet werden. So verweist Hemmerling (2003) auf die damit verbundene Gefahr der „Naturalisierung der Flüchtlingsexistenz“ (ebd.:15). Dabei wird die Flucht als zentrales Merkmal der Personen herausgestellt, wodurch andere Charaktereigenschaften dieser sowie (rechtliche) Rahmenbedingungen, welche dazu beitragen, dass sie in diesem Zustand verbleiben, ausgeblendet werden (vgl. ebd.: 15f.). „Flüchtling“ ist nach Seukwa (2010) „(…) kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein Rechtskonstrukt, das als eine Folge institutionellen Handelns in der Ankunftsgesellschaft gesehen werden muss“ (vgl. ebd.: 3). Es ist folglich „der Umgang mit Flucht und ‚Flüchtlingen' im Zielland (…) [der] dazu beiträgt, ob diese Menschen ‚Flüchtlinge' bleiben oder die Flucht für sie ein Ende findet und ein Neuanfang möglich wird“ (Hemmerling/Schwarz 2004: 5). [1]

  • [1] Zur Konstituierung einer sozialen Gruppe von Flüchtlingen und dessen Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit der Personen siehe Hemmerling/Schwarz (2004). –Bei der Verwendung des Begriffes in dieser Arbeit wurden Überlegungen wie diese miteinbezogen und berücksichtigt. Durch den Fokus auf individuelle Geschichten und die Handlungsfähigkeit der befragten Personen wird jedoch versucht, trotz der Verwendung des Begriffes, die Personen nicht auf ihre Flüchtlingseigenschaft zu reduzieren.
 
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