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3.1 Agency im sozialwissenschaftlichen Diskurs

Das Konzept von Agency ist ein vages und vielseitiges Konstrukt, welches innerhalb der Sozialwissenschaften unterschiedlichen Lesund Spielarten ausgesetzt ist (vgl. Emirbayer/Mische 1998: 963). Der dazugehörige Agency-Begriff wird in unterschiedlichen Disziplinen wie der Soziologie, der Anthropologie oder der Politikwissenschaft in vielfältiger Weise aufgefasst und konzeptualisiert, wodurch eine analytisch-systematische und stringente Bestimmung dessen fehlt (vgl. ebd. : 963; Helfferich 2012b: 9f.; Raitelhuber 2008: 18). In deutschsprachigen Arbeiten wird der Begriff Agency wahlweise mit Handlungsbefähigung, Handlungsfähigkeit oder Handlungsmächtigkeit übersetzt und verwendet; andere AutorInnen setzen ihn mit Handeln an sich gleich (vgl. Raitelhuber 2008: 18). [1] Diese unterschiedlichen Übersetzungen sind jedoch nicht nur sprachlicher Natur, sondern verweisen auf die diversen Begrifflichkeiten und damit verbundenen Auffassungen. Im Kern geht es um die in den Sozialwissenschaften angesiedelte elementare Frage nach der Beziehung von Individuum und Gesellschaft, von Struktur und Handeln und einer Bestimmung des Verhältnisses von gesellschaftlicher Beschränkung und individueller Selbstbestimmung (vgl. Scherr 2012: 99f.; Scherr 2013: 232). Gemeinsam ist den unterschiedlichen theoretischen Konzeptualisierungen der Versuch einer „theoretischen Integration von Strukturtheorien einerseits [und] Handlungsund Subjekttheorien andererseits“ (ebd. 2013: 231). Erstere schreiben Strukturen und Systemen vor allem beschränkende Funktionen zu, welchen der Mensch unterworfen ist und sich seine Handlungen deshalb überwiegend als systemfunktional und begrenzt durch externe Gegebenheiten erfassen lassen können (vgl. Raitelhuber 2012: 126). Als prominentester Vertreter sei hier Talcott Parsons Strukturfunktionalismus erwähnt, welcher bis in die 1960er Jahre als dominanter Ansatz galt (vgl. ebd. 2008: 19). Aufgrund einer zu starken Fokussierung auf strukturdeterministische Prozesse und der Vernachlässigung einer Konzeption eines interaktiv handelnden Menschen, geriet dieser ab den späten 1960er Jahren immer mehr in Kritik. Als Folge dieser Kritik traten vermehrt Theorien hervor, welche Handlungen von individuellen Menschen und Gruppen in den Blick nehmen. Diese gehen meist von einem Individuum aus, das „jenseits sozialer Begrenzungen und Einflüsse“ (Scherr 2012: 99) reflexiv und aktiv Einfluss auf seine Umgebung nehmen kann. Dem Akteur wird Handlungsfähigkeit per se zugesprochen (vgl. ebd. 2013: 231, 233). Kritik an diesen Ansätzen wurde in der fehlenden Erklärung für die Beziehung von menschlichen Handlungen auf der Mikroebene und Strukturen auf der Makroebene laut (vgl. Raitelhuber 2008: 20). Seit den 1970er Jahren finden Bemühungen statt, diese zwei Positionen zu verbinden und den strukturzentrierten als auch den subjektzentrierten Blick auf das Zusammenspiel und die Wechselwirkung der beiden Seiten zu lenken (vgl. Raitelhuber 2012: 127). Seitdem tritt Agency vor allem im anglophonen Sprachraum in der „structure/agency-Debatte“ (Raitelhuber 2008: 27) hervor. Seit Mitte der 1990er Jahre werden die dort zu findenden unterschiedlichen Beiträge zusammengefasst und einem systematischen Vergleich unterzogen und hinsichtlich ihres theoretischen Gewinns bewertet (vgl. ebd. 2008: 27). In den Diskursen geht es um die Überwindung des beschriebenen Dualismus, welcher auf der einen Seite Handlungen als sozialdeterminiert, auf der anderen Seite Individuen als autonome Subjekte konzipiert (vgl. Scherr 2013: 231). Anstatt dessen wird versucht, Struktur und Agency aufeinander zu beziehen. Soziale und gesellschaftliche Strukturen werden dabei als Rahmen für individuelle und kollektive Handlungen ebenso wie als Produkt derer aufgefasst (vgl. Raitelhuber 2012: 127). Es geht darum, „sozial nicht determinierte Handlungsfähigkeit von Individuen und sozialen Gruppen selbst als sozial ermöglicht“ (Scherr 2013: 231) zu verstehen und damit „das Soziale“ (ebd. 2012: 231) nicht nur als beschränkend wahrzunehmen. Der Diskurs zielt somit auf eine theoretisch angemessene Bestimmung von Handlungsfähigkeit von individuellen und kollektiven Akteuren im Zusammenspiel mit strukturellen Kontexten (vgl. Scherr 2012: 232).

Als wichtiger früher Vertreter bei der Entwicklung einer theoretischen Synthese gilt der französische Soziologe Pierre Bourdieu, der das menschliche Handeln mit dem Konzept des Habitus begründet. [2] Der Habitus als „dauerhaft wirksames System von (klassenspezifischen) Wahrnehmungs-, Denkund Handlungsschemata“ (Schwingel 1995: 73), gegründet auf inkorporierten Erfahrungen, liegt gemäß Bourdieu der menschlichen Wahrnehmung sowie dessen Handlungen zugrunde. Beeinflusst werden diese außerdem durch die dem Akteur zur Verfügung stehenden Ressourcen, die Bourdieu in vier unterschiedliche Kapitalsorten differenziert und welche Einfluss auf die Positionierung im sozialen Raum haben. Mit seiner Konzeption fokussiert Bourdieu vor allem die Bedeutung der Vergangenheit und darin erworbene Schemata für gegenwärtige und zukünftige Handlungen. Aufgrund dessen und einer unbewussten Erwartungshaltung gegenüber der Zukunft reproduziert der Mensch vor allem Strukturen und wirkt damit klassenerhaltend (vgl. ebd.: 59ff.). Bourdieu schließt in seiner Argumentation eine verändernde Wirkung von Handlungen auf Strukturen nicht vollständig aus, jedoch bietet seine Konzeption keine Möglichkeit, dies adäquat zu analysieren und empirisch zu erfassen (vgl. Emirbayer/Mische 1998: 983f.). In Bourdieus Arbeit ist das AgencyKonzept folglich nicht weit entwickelt und ausgearbeitet (vgl. Raitelhuber 2008: 22), jedoch konzipiert er, entgegen der dualistischen Vorstellung, Struktur und menschliches Handeln als sich gegenseitig konstitutive Elemente (vgl. Emirbayer/Mische 1998: 1003).

Diese Vorstellung von Struktur und Handlung findet sich auch bei Anthony Giddens wieder, [3] welcher als prominenter Agency-Theoretiker gilt und in seiner „Theorie der Strukturation“ eine genauere Ausarbeitung des Agency-Konzeptes liefert. In dieser konzipiert der Autor Struktur sowohl beschränkend als auch ermöglichend (vgl. Raitelhuber 2008: 22; Scherr 2012: 235). Agency wird als Fähigkeit des Individuums verstanden, Einfluss auf Struktur zu nehmen, welche wiederum aber auch Medium dieser Konstitution ist (vgl. Raitelhuber 2008: 239). Dabei charakterisiert Giddens Agency als ein grundlegendes menschliches Vermögen und sieht dabei das menschliche Individuum als den „einen wirklichen, wahren ‚agent' “ (zitiert nach ebd. 2012: 129). Der Autor verortet somit Agency als analytische Kategorie innerhalb des Handelnden selbst, der immer auch hätte anders handeln können (vgl. ebd.: 130). Das von dem Autor vertretene individualistische Agency-Verständnis war und ist Gegenstand zahlreicher Kritik als auch Neuinterpretation und Weiterentwicklung (vgl. ebd. 2008: 22; ebd.: 2012: 128). Giddens konzeptualisiert Handeln vor allem, in Übereinstimmung mit Bourdieus Habituskonzeptes, als Rückgriff auf etablierte Routinen und Gewohnheiten (vgl. mirbayer/Mische 1998: 963, 978). [4] Damit lässt er ebenso wie Bourdieus Konzept wenig konzeptuellen Spielraum für trukturverändernde kreative Handlungsentscheidungen.

  • [1] In der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe „Agency“ und „Handlungsfähigkeit“ synonym verwendet. Dies ergibt sich aus dem engen Bezug zur Theorie von Emirbayer und Mische (1998), in welcher Agency als Handlungsfähigkeit (in Abgrenzung zu „structure“ und „action“) verstanden wird (vgl. ebd.: 1004). Bei Scherr (2013) findet sich ebenfalls eine Übersetzung von „Agency“ als „Handlungsfähigkeit“. Im Theorieteil wird aufgrund des engen Bezugs zu Emirbayer und Mische (1998) vor allem von „Agency“ gesprochen, wohingegen im weiteren Verlauf der Arbeit verstärkt das deutsche Wort „Handlungsfähigkeit“ verwendet wird.
  • [2] Es gäbe an dieser Stelle etliche weitere AutorInnen zu nennen, die in diesem Bereich wichtige Beiträge leisteten, wie beispielsweise Jürgen Habermas sowie die britische Soziologin Margaret Archer, die bei Raitelhuber (2008) zu finden sind (vgl. ebd.: 27). Dieser behandelt zudem ausführlich die Theorie von Barry Barnes der Agency unter einer relational-relativistischen Perspektive untersucht (vgl. Raitelhuber 2008: 28ff.) Scherr (2012) geht in seinem Beitrag unter anderem auf die Bedeutung der Systemtheorie von Luhmann sowie der Objektiven Hermeneutik bei Ulrich Oevermann ein und erwähnt ebenso wie Raitelhuber (2008) weitere AutorInnen wie beispielsweise Judith Butler und Norbert Elias, auf die er jedoch nicht weiter eingeht (vgl. ebd.: 99). –Der Fokus der vorliegenden Arbeit liegt nicht auf der theoretischen Einordnung und Präzisierung der Agency-Debatte. Es wird das Agency-Konzept von Emirbayer und Mische (1998) als gewinnbringender Rahmen für die empirische Analyse angesehen, weshalb dieses ausführlich behandelt wird. Da die AutorInnen in ihrer Ausführung an einigen Stellen Bezug auf Bourdieu und Giddens nehmen (vgl. z.B. Emirbayer/Mische 1998: 963), scheint es sinnvoll, deren Konzepte an dieser Stelle knapp, wie bei Emirbayer und Mische (1998) zu finden, wiederzugeben.
  • [3] Innerhalb Giddens Theorie ist es nicht eindeutig, ob er seiner eigenen Anforderung, den Dualismus zu überwinden, gerecht wird (vgl. Scherr 2013: 233; Raitelhuber 2008: 24).
  • [4] An dieser Stelle wird auf eine weitere kritische Auseinandersetzung dieser Ansätze verzichtet, da dies unter 3.2.2 vorgenommen wird.
 
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