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3.2.2 Konzeption von Agency

Zentral bei der Erfassung von Agency bei Emirbayer und Mische (1998) ist die genaue Untersuchung und Konzeption der internen Struktur von Agency. [1] Agency muss dabei als eigenständige analytische Kategorie, und nicht nur als Gegensatz von Struktur, untersucht werden (vgl. ebd.: 963). Mit dieser Herangehensweise grenzen sich Emirbayer und Mische (1998) von Giddens und Bourdieu ab. Diese leisten durch die Kritik und der partiellen Überwindung der Dichotomie von Struktur und Agency einen wichtigen Beitrag zur Agency-Diskussion (vgl. Emirbayer/Mische 1998: 1003). Innerhalb ihrer Konzeption sind jedoch die beiden sich konstituierenden Elemente so eng miteinander verschränkt, dass sie nicht als eigenständige Kategorien untersucht werden können. Dies erschwert bzw. macht eine Untersuchung der Wechselwirkung und des Zusammenspiels der beiden Seiten unmöglich (vgl. ebd.). Aber genau diese Wechselwirkung muss untersucht werden, um Agency als Fähigkeit von zeitlich und relational eingebetteten AkteurInnen angemessen zu bestimmen. So argumentieren die AutorInnen (1998) für eine Zerlegung von Agency in seine analytischen Komponenten, welche sie als zeitliche Orientierungen konzipieren (vgl. ebd.: 963). Erst wenn Agency in seiner inneren Beschaffenheit erfasst wird, kann auf angemessene Weise das Verhältnis dessen zu Struktur bestimmt werden.

Um einer erneuten Dichotomie von strukturellen Einschränkungen oder Ermöglichungen und subjektiven Dispositionen zu entgehen, wird Agency folglich bei Emirbayer und Mische (1998) in einer zeitlichen Perspektive betrachtet (vgl. Scherr 2012: 108f.). Dabei definieren die AutorInnen Agency

„as a temporally embedded process of social engagement, informed by the past (in its 'iterational' or habitual aspect) but also oriented toward the future (as a 'projective' capacity to imagine alternative possibilities) and toward the present (as a 'practical-evaluative' capacity contextualize past habits and future projects within the contingencies of the moment)“ (Emirbayer/Mische 1998: 962).

Denn die Agency-Dimension von sozialen Prozessen kann in seiner ganzen Komplexität nur gefasst werden, wenn sie analytisch „within the flow of time“ (Emirbayer/Mische 1998: 963) situiert wird, was ein zentrales Argument in der Konzeption von Emirbayer und Mische (1998) ist. Wenn davon ausgegangen wird, dass strukturelle Kontexte und Agency analytisch zu trennen sind, dann muss der Frage nachgegangen werden, wie AkteurInnen ihre Beziehungen und ihren Einfluss zu den Kontexten verändern und damit Einfluss auf die Bedingungen ihres Lebens nehmen können (vgl. ebd.: 964). Dies ist den AutorInnen zufolge möglich, indem man Agency unter dem Blickwinkel von drei zeitlichen Orientierungen untersucht. Durch diese Betrachtungsweise kann man untersuchen, wie das Individuum einerseits Struktur und Kontext verändert und seine Handlungsfähigkeit dadurch gleichzeitig bedingt und geformt wird (vgl. ebd.). Emirbayer und Mische (1998) unterscheiden wie in der oben aufgeführten Definition ersichtlich wird, einen habituellen Aspekt, der durch die Vergangenheit informiert ist, eine zukunftsbezogene „Fähigkeit, alternative Möglichkeiten zu imaginieren“ (vgl. ebd.: 963; Übersetzung bei Scherr 2012: 109) sowie drittens die „Fähigkeit, vergangenheitsbedingte Gewohnheiten und Routinen mit zukunftsbezogenen Projekten im Kontext der Kontingenzen der Gegenwart in Beziehung zu setzen“ (ebd.). Anlehnend an Mead wird jede Erfahrung, die in der Gegenwart stattfindet, von der Vergangenheit und der Zukunft beeinflusst (vgl. ebd.: 969). Jede dieser drei zeitlichen Orientierungen ist in jeder Handlung vorzufinden. Deshalb sprechen die AutorInnen von einem „akkordischen Dreiklang“ von Agency („chordal triad of agency“, ebd.: 972). Allerdings konstatieren Emirbayer und Mische (1998), dass sich in jeder Situation eine dominante Orientierung identifizieren lässt. Ebenso wie in einer Handlung bzw. Situation alle drei Töne zu hören sind, um im Terminus der AutorInnen zu bleiben, hat auch jede einzelne Orientierung eine innere Struktur aufzuweisen, in welcher neben einer dominanten Ausrichtung die jeweils anderen Aspekte, also eine Orientierung an der Vergangenheit, der Zukunft oder der Gegenwart, vorzufinden sind (ebd.). [2]

Innerhalb der iterational dimension, also dem habituellen Aspekt von Agency, ist die Vergangenheit der am lautesten zu hörende Ton. Obwohl jede Erfahrung in der Gegenwart stattfindet, ist diese von vergangenen Ereignissen beeinflusst (vgl. ebd.: 975). Zentral ist die Schematisierung von sozialen Erfahrungen: AkteurInnen haben in vergangenen Interaktionen Handlungsschemata entwickelt, die sie wieder abrufen, auswählen und gezielt einsetzen können (ebd.). Obwohl dieser Aspekt oft eher mit Struktur und weniger mit Handlungsfähigkeit in Verbindung gebracht wird, betonen die AutorInnen, dass auch routinenhafte Handlungen als Agency angesehen werden müssen (vgl. ebd.: 975). Denn die Typisierung und Routinisierung von Erfahrungen sind aktive Prozesse, welche unter anderem Interaktionen zwischen AkteurInnen und Situation beinhalten, weshalb auch Gewohnheiten und Routinen als Dimension von Handlungsfähigkeit betrachtet werden müssen (vgl. ebd. 1998: 976). Bei näherer Betrachtung der internen Struktur der iterational dimension wird deutlich, dass es darum geht, in welcher Art und Weise die erworbenen Muster und Schemata zur Anwendung kommen.

Der zukunftsbezogene Aspekt von Agency findet sich bei Emirbayer und Mische (1998) in der projective dimension of agency wieder. Anlehnend an Meads Konzeption vom menschlichen Bewusstsein wird hierbei davon ausgegangen, dass Menschen sich von Gewohnheiten und Routinen distanzieren können und damit neue Möglichkeiten für zukünftige Handlungen entwerfen können (vgl. ebd.: 984). Durch die Vorstellung von sich selbst und seinem Leben in der Zukunft werden gegenwärtige Handlungen begründet (vgl. ebd.). Mit der Annahme eines solchen projektiven Elements grenzen sich Emirbayer und Mische (1998) von den Annahmen über menschliche Handlungsfähigkeit, wie sie im Habituskonzept von Bourdieu als auch bei Giddens zu finden sind, ab. Indem erworbene Denkund Handlungsmuster nicht schon im Voraus Wahrnehmungen und Handlungen von Situationen bestimmen, sondern sie „in kreativer Weise in Relation zu den zukunftsbezogenen Hoffnungen, Befürchtungen und Wünschen der Akteure rekonfiguriert werden“ (vgl. ebd. 971, Übersetzung bei Scherr 2012: 110), werden Strukturen nicht nur reproduziert und erhalten, sondern können durch die AkteurInnen verändert und geformt werden.

Die dritte zeitliche Orientierung wird von den AutorInnen als practical-evaluative dimension bezeichnet. Im Rahmen dieser Orientierung werden Anforderungen und Möglichkeiten der Gegenwart berücksichtigt, wobei gewohnheitsmäßige Routinen als auch die Vorstellung von neuen Projekten an aktuelle Gegebenheiten angepasst werden müssen (vgl. ebd.: 994). Der zentrale Punkt ist die Kontextualisierung von vergangenen Erfahrungen (vgl. ebd.). Betont wird hierbei Kommunikation bzw. Selbstreflexion, durch die AkteurInnen Entscheidungen treffen können, welche gewohnte Muster in Frage stellen.

In dieser zeitlichen Konzeption von Agency und der Ausdifferenzierung in drei Orientierungen wird die Nähe zu Meads Idee vom menschlichen Bewusstsein und dessen Unterteilung in drei Ebenen deutlich. AkteurInnen bewegen sich innerhalb und zwischen unterschiedlichen Kontexten und verändern dabei auch ihre zeitlichen Orientierungen, wodurch sie Einfluss auf ihre Umgebung ausüben können (vgl. ebd.). Wie in Meads Konzeption bringt auch bei Emirbayer und Mische (1998) ein Wechsel in der zeitlichen Orientierung eine Veränderung im Grad der Reflexivität mit sich. So konzipieren die AutorInnen wie bereits erwähnt auch den habituellen Aspekt als Agency, allerdings wird dieser eher als unreflektiert und gegeben wahrgenommen (vgl. ebd.: 973). Wenn Gewohnheiten jedoch nicht mehr als Lösung aktueller Probleme greifen, müssen AkteurInnen alternative Projekte entwerfen oder Vorstellungen an die konkrete Situation anpassen. Dieser Vorgang fördert den Grad der Reflexivität und impliziert damit ein höheres Maß an Kreativität (vgl. ebd.: 973). Damit lässt sich „Agency als eine graduierte Qualität“ (Scherr 2012: 113) bestimmen, was zu einer Auflösung der „Scheinalternative (…) soziale Bestimmtheit vs. individuelle Selbstbestimmungsfähigkeit“ (ebd.) führt.

Der Mensch ist innerhalb dieses Konzeptes zwar somit immer handlungsfähig (vgl. ebd.), jedoch ist zu untersuchen, ob sich seine Handlungsfähigkeit lediglich auf die Bewältigung des Alltags beschränkt oder ob er innerhalb der gegebenen Bedingungen fähig ist, alternative Handlungsoptionen und Zukunftsperspektiven zu entwerfen (vgl. ebd.). Durch die zeitliche Konzeption und der Untersuchung des Zusammenspiels der drei Orientierungen erfasst das Konzept die Komplexität von menschlichen Handlungsentscheidungen und vermeidet dadurch einen Fokus auf gewohnheitsmäßige Handlungen wie bei Bourdieu und Giddens als auch eine Überbetonung von zielgerichteten Handlungen (vgl. Emirbayer/Mische 1998: 963).

Emirbayer und Mische (1998) sehen die Möglichkeit von Agency in den Strukturen und Prozessen des menschlichen Selbst angelegt (vgl. ebd.: 974). Agency kann von Kontexten behindert oder ermöglicht werden; der Ursprung von Handlungsfähigkeit muss jedoch beim menschlichen Selbst angesiedelt werden (vgl. ebd.). Das Selbst ist allerdings keine metaphysische Substanz oder Einheit, sondern als dialogische Struktur als vollständig relational zu betrachten (vgl. ebd.). Damit wird die Verortung des Konzeptes in die relationale Sozialwissenschaft als auch die Abgrenzung von Annahmen über Handlungsfähigkeit als gegebene Eigenschaft eines Akteurs, deutlich (vgl. Scherr 2013: 233f.). Identität wird selbst als „Moment bestimmter sozialer Konstellation“ (ebd.: 233) begriffen und ist damit sozial bedingt und beeinflusst. Agency ist also keine Eigenschaft eines Akteurs, sondern wird in bestimmten Situationen als Produkt des Zusammenspiels von persönlichen Dispositionen und strukturellen Bedingungen und in unterschiedlicher Ausprägung, erlangt (vgl. Biesta/Tedder 2006: 27; Scherr 2013: 108). Vor diesem skizzierten Hintergrund definieren Emirbayer und Mische (1998) Agency weiter

„as the temporally constructed engagement by actors of different structural environments – the temporal-relational contexts of action – which, through the interplay of habit, imagination, and judgment, both reproduces and transforms those structures in interactive response to the problems posed by changing historical situations.“ (ebd.: 970).

Agency bedeutet also die Fähigkeit von AkteurInnen, Einfluss auf relational-zeitliche Kontexte, in die sie selbst eingebettet sind, zu nehmen, indem sie (Handlungs-)Bedingungen als Antwort auf aktuell vorzufindende Probleme, reproduzieren oder verändern. Dies geschieht auf Grundlage ihrer, selbst als soziales Moment zu begreifender Identität und ihren Dispositionen im Zusammenspiel mit den kontextualen Bedingungen, auf die sie, durch eine dominante zeitliche Orientierung an Vergangenheit, Zukunft oder Gegenwart, mit ihren Handlung(-sentscheidungen) Einfluss nehmen können. Bei Scherr (2012) findet sich eine hilfreiche deutsche Übersetzung der Definition von Emirbayer und Goodwin (1994) demnach Agency als

„die Fähigkeit sozial eingebetteter Akteure, sich kulturelle Kategorien sowie Handlungsbedingungen auf der Grundlage persönlicher und kollektiver Ideale, Interessen und Überzeugungen anzueignen, sie zu reproduzieren sowie potentiell zu verändern“

definiert wird (Scherr 2012: 108).

Agency muss dabei als Interaktionsprozess gesehen werden, da Agency immer „agency toward something“ (Emirbayer/Mische 1998: 973) ist. [3] Die AkteurInnen treten in Beziehung mit Menschen, Orten oder Ereignissen in ihrer Umwelt und befinden sich damit in dauerhafter Konversation und Auseinandersetzung mit den ihn umgebenden Kontexten (vgl. ebd.). Agency ist folglich ein dialogischer Prozess, „mit dem und durch den Handelnde in zeitliche Übergänge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit Anderen im Rahmen von Handlungskontexten und –optionen (ein-)treten“ (Aliena/Hirschler 2008: 241; vgl. auch Emirbayer/Mische 1998: 974).

Der Mehrwert der Konzeption von Emirbayer und Mische (1998) lässt sich zusammenfassend also in der Schaffung der Möglichkeit, soziale Bedingungen differenziert und im Zusammenspiel mit individuellen Dispositionen zu untersuchen, beschreiben. Dies geschieht durch eine Verzeitlichung von Agency, wodurch eine „sich widersprüchliche(…) Gleichzeitigkeit von sozialer Bestimmtheit und Selbstbestimmungsfähigkeit“ (Scherr 2012: 111) angenommen wird. Damit beziehen die AutorInnen klar Position zwischen einer subjekttheoretischen Überbetonung von individueller Selbstbestimmung und einer deterministischen Sichtweise von sozialen Strukturen. Sie erlauben damit eine Untersuchung von Handlungsfähigkeit, die in unterschiedlichen Strukturen auf Grundlage von persönlichen Dispositionen in unterschiedlicher kreativer Ausprägung ermöglicht oder eingeschränkt wird.

  • [1] In ihrer Publikation „What is Agency?“ fokussieren die AutorInnen vor allem die interne Struktur von Agency und vernachlässigen eine analytische Zerlegung des Kontexts (vgl. Emirbayer/Mische 1998: 970). Sie erwähnen dies jedoch kurz und beziehen sich dabei auf eine ihrer früheren Arbeiten sowie auf Autoren wie Pitirim Soroking, Talcott Parsons und Edward Shils sowie Jeffrey Alexander. Dabei unterscheiden sie einen kulturellen, einen sozial-strukturellen (social-structural) sowie einen sozial-psychologischen (social-psychological) Kontext (vgl. ebd.). Ersterer beinhaltet unter anderem kulturelle Symbole und Vorstellungen, welche die Wahrnehmung der Welt der AkteurInnen und damit deren Handlungen normativ beeinflussen und beschränken. Zweiter bezieht sich auf soziale Netzwerke. Letzter beschreibt psychische Strukturen der AkteurInnen, welche Handlungen einschränken und ermöglichen. Diese eigenständigen Kategorien sind gemeinsam mit den gesellschaftlichen Institutionen wie dem bürokratischen Verwaltungsapparates eines Staates, einer kapitalistisch ausgerichteten Wirtschaft und der Zivilbevölkerung, zu sehen (vgl. ebd.)
  • [2] Die AutorInnen beschreiben in ihren Ausführungen detailliert die einzelnen Prozesse, welche innerhalb der drei Dimensionen in Bezug auf Handlungsentscheidungen zu identifizieren sind und zeigen dabei auf, inwiefern Bezüge zu anderen zeitlichen Orientierungen hergestellt werden können (vgl. Emirbayer/Mische 1998: 979ff. für eine genaue Beschreibung der iterational dimension; 988ff. für die projective dimension und 997ff. für die practical-evaluative dimension).
  • [3] Auch in diesem Punkt wird der relationale Ansatz von Emirbayer und Mische (1998) deutlich. Bei Homfeldt et al. 2008 findet sich eine Unterscheidung von drei konzeptuellen Zugängen zu Agency. Dabei wird das Konzept von Emirbayer und Mische (1998) als interaktionistisches Konzept, Giddens Konzept als strukturorientiertes Konzept und schließlich das Konzept von Amartya Sen (2000), welches sich vor allem mit Agency im Zusammenhang von Bewältigung und Bekämpfung von Armut beschäftigt, als sozialpolitisches Konzept eingeordnet (vgl. Homfeldt et al. 2008: 9f.).
 
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