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3.2.3 Implikationen für die empirische Analyse von Agency

Maßgeblich bei der empirischen Untersuchung von Agency ist wie bereits dargelegt, die analytische Trennung von Struktur und Agency (vgl. Emirbayer/Mische 1998: 1004). Zentral ist hierbei die „double constitution of agency and structure“ (ebd.). Dabei gehen die AutorInnen davon aus, dass bestimmte zeitlich-relationale Kontexte bestimmte zeitliche Orientierungen als Antwort auf diese hervorrufen, welche wiederum die Beziehung und den Einfluss von AkteurInnen auf deren Umgebung verändern bzw. konstituieren (vgl. ebd.). Wichtig für die Analyse ist eine Unterscheidung der von den AutorInnen verwendeten Termini: so sind die zeitlichen Orientierungen als konkrete empirische Antwort auf gegebene Strukturen zu verstehen und variieren in ihrem Erscheinungsbild je nach Dominanz des Zeitbezuges (vgl. ebd.). Agency hingegen ist als Dimension zu konzipieren, die in jeder menschlichen Handlung und Situation zu finden ist. Die AutorInnen charakterisieren soziale Prozesse als bedingt und geformt von zeitlich-relationalen Kontexten auf der einen Seite sowie von menschlicher Handlungsfähigkeit auf der anderen Seite (vgl. ebd.: 963, 1004). Durch die Konzeption dieser Synthese sind soziale Prozesse also nie völlig losgelöst von Struktur und den Kontexten, in denen sie stattfinden, zu betrachten. Gleichzeitig sind sie aber auch nicht vollständig determiniert und (vor-) strukturiert von diesen, da Handlungsfähigkeit als dynamisches, temporal zu betrachtendes Element ebenso konstituierend wirkt (vgl.: ebd.).

Die Aufgabe und Herausforderung einer empirischen Analyse von Agency ist demnach zunächst die Analyse der zwei voneinander getrennten analytischen Elemente, um darauffolgend das Zusammenspiel und die Wechselwirkung von unterschiedlichen zeitlichen Orientierungen als Ausdruck von Agency bei Individuen und den Kontexten, in welchen diese beobachtbar sind, zu untersuchen (vgl. ebd.: 1005). Indem Veränderungen in den zeitlichen Orientierungen, die gemäß der double constitution of agency and structure wiederum Einfluss auf die Beziehung von AkteurInnen zu ihrer Umwelt ausüben, erklärt werden, kann Handlungsfähigkeit von sozial eingebetteten Akteuren entsprechend bestimmt werden (vgl. ebd.). Scherr (2013) sieht analog dazu die Bestimmung von Agency in der Untersuchung, „wie Akteure ihre jeweiligen Identitäten, Motive, Absichten und damit ihre jeweilige Handlungsfähigkeit in Abhängigkeit von ihrer Situierung in sozialen Strukturen bzw. sozialen Beziehungen hervorbringen.“ (ebd.: 234).

Emirbayer und Mische (1998) leiten aus den aufgeführten Überlegungen und ihrem Verständnis von Agency drei Fragen für eine empirische Analyse von Agency ab (vgl. ebd.: 1005ff.). In ihrer ersten Frage richten sie den Blick auf die spezifischen zeitlich-relationalen Kontexte, indem sie danach fragen, wie unterschiedliche Kontexte bestimmte zeitliche Orientierungen fördern (vgl. ebd.: 1005: „How do different temporal-relational contexts support (or conduce) particular agentic orientations?“). Dabei geht es darum, herauszufinden, welche Kontexte welche Ausprägung und damit welches Ausmaß an kreativer Handlungsfähigkeit ermöglichen und begünstigen (vgl. ebd.).

In der zweiten Frage verlegen die AutorInnen den Fokus von den Kontexten hin zu den zeitlichen Orientierungen von Agency. Sie fragen danach, wie sich eine Änderung der zeitlichen Orientierung auf die Beziehung des AkteurInnen zu ihrer Umwelt auswirkt (vgl. ebd.: 1008: „How do changes in agentic orientations allow actors to exercise different forms of mediation over their contexts of action?“). Es geht also darum zu schauen, wie AkteurInnen versuchen, Einfluss auf den strukturellen Kontext zu nehmen, indem sie ihre Handlungen verändern und diese wahlweise eher an der Vergangenheit, an der Zukunft oder der Gegenwart ausgerichtet sind. Agency wird hier als die Fähigkeit zur Änderung der zeitlichen Orientierung als Reaktion auf Situationen, verstanden. Die AutorInnen erwähnen hier wieder die Möglichkeit der AkteurInnen, sich gleichzeitig in unterschiedlichen Kontexten zu bewegen. Dies führt zu der Tatsache, dass AkteurInnen in manchen Situationen sehr kreativ und strukturverändernd sind, gleichzeitig in anderen Kontexten Strukturen reproduzieren (vgl. ebd.: 1008). Ein weiteres Stichwort innerhalb dieser Fragestellung sind nicht intendierte Konsequenzen, die unter anderem durch Handlungen hervorgerufen werden, die in einem Kontext als angemessen und effizient erscheinen, jedoch unerwartete Auswirkungen in anderen Kontexten mit sich bringen (vgl. ebd.). Zusätzlich bleibt die Diskrepanz zwischen der vermuteten und gewünschten Wirkung einer Handlung und des tatsächlichen Erfolgs (im Sinne einer Erhöhung von Handlungsfähigkeit) zu untersuchen.

In der dritten Frage geht es Emirbayer und Mische (1998) um die Wahrnehmung und Selbstreflexion der eigenen Handlungsfähigkeit. Dabei fragen sie, wie AkteurInnen ihre zeitlichen Orientierungen rekonstruieren und bewerten und dabei, durch eine mögliche Änderung derer, wiederum ihren Einfluss auf den strukturellen Kontext verändern können (vgl. ebd.: 1009: „How do actors reconstruct their agentic orientations and thereby alter their own structuring relationships to the contexts of action?“). Dabei gehen sie von Individuen aus, die ihre eigenen Handlungen als Reaktionen auf bestimmte Situationen einer reflexiven und kritischen Betrachtung unterziehen können (vgl. ebd.: 1010). Abschließend formulieren Emirbayer und Mische (1998) die Annahme, dass sich AkteurInnen durch Beurteilung ihrer eigenen Handlungen bzw. der dort vorzufindenden zeitlichen Orientierungen, von gewohnheitsmäßigen Mustern lösen können und damit wiederum die Fähigkeit erhöhen, Strukturen nicht nur zu reproduzieren, sondern zu verändern.

Folglich ist festzuhalten, dass bei einer Analyse von Agency also die Verschränkung von Struktur und Individuum, genauer gesagt von sozialer Bestimmtheit und individueller Selbstbestimmung, zu untersuchen ist. Die Handlungen von AkteurInnen müssen analytisch detailliert betrachtet werden, um Veränderungen erfassen und verstehen zu können und damit Einblick in die Formen und Ausprägungen von Agency sowie dessen Bedingtheit durch und ihren Einfluss auf strukturelle Kontexte, zu erhalten. Es müssen Bedingungen untersucht werden, welchen Akteuren ermöglichen, auf kreative Art ihre Handlungsfähigkeit auszuüben und sich von gewohnheitsmäßigen Handlungsschemata zu lösen. Emirbayer und Mische (1998) geben dabei mit ihrer Konzeption einen hilfreichen Anhaltspunkt, anhand dessen empirische Forschung betrieben werden kann. Scherr (2013) sieht den Gewinn einer solchen Perspektive wie sie bei Emirbayer und Mische (1998) zu finden ist,

„in der Aufforderung (…), die sozialen Strukturen und Prozesse zu analysieren, durch die Individuen und soziale Gruppen als je besondere Akteure mit je kontextabhängigen Identitäten, Interessen und Motiven mit einer je kontextabhängigen Handlungsfähigkeit hervorgebracht werden sowie zu untersuchen, was jeweilige Ausprägungen von Agency als in sich widersprüchliche Gemengenlage von sozial bedingten Handlungsdispositionen und kreativer Handlungsfähigkeit kennzeichnet“ (Scherr 2013: 236). [1]

  • [1] Wie dies konkret am Forschungsgegenstand „geduldete Flüchtlinge“ mithilfe von narrativen Interviews geschieht, wird unter 5.4 näher beleuchtet.
 
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