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4 Aktueller Forschungsstand

Nachfolgend wird die derzeitige Forschungslage in Hinblick auf das Forschungsinteresse aufgearbeitet. Dabei wird nicht auf die übergreifende Migrationsforschung eingegangen, welche sich interdisziplinär mit dem Phänomen der Migration auseinandersetzt, sondern sozialwissenschaftliche Literatur, die sich explizit mit Flüchtlingen beschäftigt und im Hinblick auf das Forschungsinteresse relevant ist, behandelt. Dazu wird skizzenhaft ein Überblick über die Literatur zum Forschungsgegenstand Flüchtlinge bzw. unterschiedlicher Personengruppen innerhalb von Flüchtlingen mit einem Schwerpunkt auf geduldete Flüchtlinge, gegeben. Danach werden die wenigen Studien zur Handlungsfähigkeit von (geduldeten) Flüchtlingen ausführlicher dargestellt. Aus dieser Überschaubarkeit von Forschung und der mangelnden empirischen Anwendung der hier verwendeten Agency-Konzeption in der deutschsprachigen Literatur lässt sich ein Forschungsbedarf ermitteln, der dieses Kapitel abschließt.

Betrachtet man das Forschungsfeld Flüchtlinge in Deutschland unter einem generelleren Blickwinkel, lassen sich Publikationen zu unterschiedlichen Lebensbereichen der Flüchtlinge aufzählen. Diesen Studien ist gemeinsam, dass sie häufig relativ beschreibend die Situation von Flüchtlingen darstellen und die Forschungsresultate selten mit theoretischen Überlegungen aus den Sozialwissenschaften verknüpft werden. Zudem wird oftmals keine Unterscheidung von Flüchtlingen mit sicherem und Flüchtlingen mit unsicherem Aufenthaltsstatus gemacht. Vielfach finden sich Veröffentlichungen, die rechtliche Rahmenbedingungen hinsichtlich alltagspraktischer Konsequenzen näher beleuchten (vgl. Täubig 2009: 76), wie Kühne (2001) in seiner Publikation „Zur Lage der Flüchtlinge in Deutschland.“ Häufig werden dabei einzelne Lebensbereiche wie etwa der Arbeitsmarkt sowie die Lage in einzelnen Städten bzw. Regionen betrachtet. Eine umfassende Betrachtung von beruflicher Integration geduldeter Flüchtlinge aus der Perspektive der Forschung, der Politik und der Projektpraxis findet sich beispielsweise im 2014 erschienenen Sammelband von Gag und Voges „Inklusion auf Raten. Zur Teilhabe von Flüchtlingen an Ausbildung und Arbeit“, welcher sich mit vielfältigen Ausgrenzungsmechanismen, die bei Flüchtlingen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus zum Tragen kommen, beschäftigt (vgl. Gag/Voges 2014). Des Weiteren sind vor allem Publikationen der Flüchtlingsräte der Bundesländer, Pro Asyl sowie den Wohlfahrtsverbänden zu nennen, welche sinnvoll aufbereitete Informationen über die Lage von Flüchtlingen in verschiedenen Lebensbereichen unter Berücksichtigung der rechtlichen Rahmenbedingungen, liefern. Literatur zum Thema psychischen und traumatischen Belastungen und Störungen finden sich wie weiter unten erwähnt häufig in Bezug auf minderjährige Flüchtlinge und Flüchtlingskinder (vgl. Johansson 2013), in Hinblick auf erwachsene Flüchtlinge sind diese eher in der Psychologie in Bezug auf psychotherapeutische Behandlungen zu finden (vgl. ebd.). Ein Werk, welches neben einer psychotherapeutischen auch eine psychosoziale Versorgung von MigrantInnen und Flüchtlingen vor dem Hintergrund von gesundheitlichen Beeinträchtigungen dieser Gruppe, eingeht, ist das von Wolfgang Bautz 2009 herausgegebene Werk „Entwurzelt, ausgegrenzt, erkrankt. Psychotherapeutische und psychosoziale Versorgung von Asylsuchenden.“

Generell lässt sich feststellen, dass eine fachliche Diskussion im Bereich Flüchtlinge und Flüchtlingssozialarbeit derzeit nicht sehr ausgeprägt ist. Im Gegensatz zur Lebenswelt anderer AdressatInnen der Sozialen Arbeit, welche eingehender beleuchtet wird, finden sich vergleichsweise wenige Studien zur Lebenslage und Alltagsbewältigung von Flüchtlingen, die über eine Beschreibung der prekären ausländerrechtlichen Situation hinausgehen. In diesem Zusammenhang ist auf Fritz und Groner (2004) zu verweisen, welche die Beschreibung der Rahmenbedingungen mit konkreten Lösungsund Handlungsansätzen für die Soziale Arbeit verknüpfen. Eine größere Anzahl an Veröffentlichungen im Bereich der Flüchtlingssozialarbeit findet sich vor allem in den 1990er Jahren, was sich unter anderem auf die damals rasant ansteigende Zahl von Asylsuchenden im Zusammenhang mit dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens und den Balkankriegen zurückführen lässt (vgl. Täubig 2009: 77). Aus dieser Beobachtung und der derzeitigen Entwicklung der Zahl der Asylsuchenden lässt sich die Vermutung ableiten, dass in nächster Zeit eine umfassendere und ausführlichere wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema stattfinden wird, ganz zu schweigen von einer Notwendigkeit dieser.

Seit der Jahrtausendwende findet sich verstärkt Literatur zu unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Zu nennen sind aus rechtlicher Perspektive aktuell beispielsweise Schmieglitz (2013) und Ehring (2013), welche die rechtliche Stellung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Deutschland ermitteln. Eine Vielzahl der Publikationen zielt auf Spezifika und Standards der Sozialen Arbeit mit minderjährigen Flüchtlingen ab, wie beispielsweise das neu erschienene Werk von Schöning (2014), das viel zitierte Sammelwerk von Balluseck (2003) sowie die Veröffentlichungen von Stauf (2012) und Hargasser (2013), welche sich mit institutionellem Handeln in der Jugendhilfe mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen beschäftigen. Die wissenschaftliche Behandlung von begleiteten Flüchtlingskindern konzentriert sich bis jetzt vor allem neben rechtlichen Analysen wie die von Kauffmann und Riedeslheimer (2010) zur Situation der Kinder nach Rücknahme der Vorbehalte, [1] auf psychische Belastungen, Traumata und deren Bewältigung (vgl. Johannson 2013). Ebenso finden sich Studien über den Zugang zu Bildung von jungen Flüchtlingen wie bei Krappmann et al. (2009), welche in einer umfangreichen Publikation Grundlagen und Perspektiven der Umsetzung des Menschenrechtes auf Bildung für junge Flüchtlinge in Deutschland aufzeigen, bei Studnitz (2011) sowie im Aufsatz von Barth (2011) zur Bildungssituation von jungen Flüchtlingen aus der Sicht der Betroffenen. Umfangreichere systematische sozialwissenschaftliche Studien zu Lebenslagen, zum Aufwachsen sowie zu Entwicklungsverläufen, welche verstärkt die Wahrnehmung der betroffenen Kinder und Jugendlichen einbeziehen, stehen jedoch noch aus (vgl. ebd.).

Eine weitere Gruppe von Flüchtlingen stellen Personen ohne legalen Aufenthaltstitel dar, die in der rechtlichen Illegalität in Deutschland leben. Die Charakteristika des Forschungsgegenstandes erschweren den Zugang zum Feld, weshalb sich in diesem Teilbereich wenig generelle Literatur, sondern vorrangig kleinere qualitative und lokal begrenzte empirische Studien, findet (vgl. Worbs 2005: 4). Einen umfassenden Einblick in die Lebensbedingungen von Flüchtlingen ohne legalen Aufenthaltstitel in Berlin, München und Leipzig vermittelt beispielsweise die Feldstudie von Alt (2003), welcher mithilfe von einer Vielzahl von Interviews und teilnehmender Beobachtung unterschiedliche zentrale Aspekte der illegalen Migration und vom „Leben in der Schattenwelt“ (ebd.) erstmalig in einem solchen Umfang, herausarbeitet.

Tragen diese Studien zu einem erweiterten Verständnis von Lebensund Problemlagen von Flüchtlingen und damit verbundenen sozialarbeiterischen und politischen Konsequenzen bei, ist der Forschungsstand zur Handlungsfähigkeit von (geduldeten) Flüchtlingen rar (vgl. Täubig 2009: 76). Untersuchungen vom Alltag von Personen mit ungesichertem Aufenthaltsstatus gehen von einem „hohen Bedarf an psychosozialer Betreuung“ (ebd.) dieser aufgrund des Fluchthintergrundes und der multiplen rechtlich-sozialen Ausgrenzungen, aus. Dabei wird den Flüchtlingen häufig eine Opferrolle zugeschrieben (vgl. ebd.: 77; Seukwa 2010: 4). Studien, die explizit positive Handlungsmöglichkeiten und subjektive Handlungsfähigkeit von Personen mit ungesichertem Aufenthaltstitel, welche unter erschwerten Bedingungen in Deutschland leben, thematisieren, finden sich kaum. Marion Lillig (2004) ermittelt mithilfe eines biographischen Zuganges die Handlungsmöglichkeiten von AsylbewerberInnen in Deutschland. Dabei untersucht sie die Partizipation der Flüchtlinge in Anlehnung an den Gesellschaftsbegriff nach Hillmann (1991) in den gesellschaftlichen Teilkomponenten Arbeit, Kommunikation und „stabile soziale Kooperation mit den Faktoren Wohnsituation, Grundleistungen, Gesundheitsvorsorge und Schule“ (ebd.: 21). Nach Auswertung der 14 episodischen Interviews schlussfolgert sie, dass „Asylbewerber (…) in unserer Gesellschaft keine legalen Handlungsmöglichkeiten [haben]“ (ebd.: 129) und man allenfalls von „Bewältigungsstrategien des Alltags“ (ebd.) sprechen kann. Die Autorin konzipiert die persönliche Handlungsfähigkeit als unterbunden und reglementiert durch eine restriktive Asylpolitik.

Vicky Täubigs (2009) viel zitiertes Werk „Totale Institution Asyl. Empirische Befunde zu alltäglichen Lebensführungen in der organisierten Desintegration“ stellt im Bereich der Untersuchung von Handlungsmöglichkeiten von Flüchtlingen Neuland dar. Die Autorin fasst die Lebenssituation von AsylbewerberInnen in Deutschland als „organisierte Desintegration“, was durch die Verortung der Lebenssituation „Asyl“ im Dreieck zwischen der restriktiven rechtlichen Situation, der totalen Institution nach Erving Goffmann und der Migrationserfahrung, hergeleitet und begründet wird. Täubig (2009) greift auf Giddens Dualität von Struktur und Handeln zurück, indem sie Strukturen als menschliches Handeln beeinflussend, aber ebenso strukturiert durch dieses, beschreibt (vgl. ebd.: 67). Zur Bearbeitung der Frage, wie AsylbewerberInnen ihr Leben führen, wird auf das sozialwissenschaftliche Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ nach Werner Kudera und Günter Voß zurückgegriffen. Die alltägliche Lebensführung ist in die drei Kategorien „Raum-, Zeitund Beziehungsmachen“ unterteilt (vgl. ebd.: 69ff.), welche ausführlich in den sechs durchgeführten narrativen Interviews mit AsylbewerberInnen untersucht und dargestellt werden. Positiv hervorzuheben ist hierbei der subjektorientierte Zugang der Autorin, welcher die „Alltäglichen Lebensführungen von Asylbewerbern und ‚Geduldeten' als individuelle Leistung und nicht die organisierte Desintegration“ (ebd.: 75) in den Vordergrund stellen. Im Ergebnisteil arbeitet Täubig (2009) ein Tätigkeitsrepertoire innerhalb der untersuchten Kategorien der Interviewten heraus, welches im Gegensatz zur Wahrnehmung des „Nichtstun“ durch die AsylbewerberInnen selbst, steht. Dennoch betont die Autorin die durch das Wohnen in einem Asylbewerberheim entstehende Segregation zwischen AsylbewerberInnen und der deutschen Bevölkerung, welche sich auf die alltägliche Wahrnehmung der InterviewpartnerInnen von ihrer Zeit in Deutschland negativ auswirkt. Hinsichtlich der Migrationstheorien, welche Emigration als entscheidendes Erlebnis konzipieren, konstatiert die Autorin bei ihren Interviewpartnern eine andere Wahrnehmung: so sehen die InterviewpartnerInnen ihre Flucht und Emigration als biographischen Bruch, ihre gegenwärtige Situation jedoch als biographische Ausnahmesituation. So zeigen die Ergebnisse, dass die befragten AsylbewerberInnen bei ihrer Ankunft in Deutschland nicht jegliche Handlungsorientierungen im Sinne einer absoluten Entwurzelung verlieren, sondern dass bereits in der Vergangenheit vorherrschende Sinnbezüge wirksam sind und diese die „Alltägliche Lebensführung“ konstituieren (vgl. ebd.: 228f.). Indem die Autorin die Flüchtlinge als ihr Leben „Führende“ (vgl. ebd.: 252) betrachtet und eine Entwurzelung dieser in Frage stellt (sondern eher eine biographische Konsistenz entdeckt), leistet sie einen wichtigen Beitrag zu einem Perspektivenwechsel in der Forschung sowie im praktischen Umgang mit Flüchtlingen.

Eine weitere relevante Studie, die in dieselbe Richtung weist, stellt die von Henri Louis Seukwa im Rahmen eines DFG-Sonderforschungsbereiches durchgeführte und 2006 als „Der Habitus der Überlebenskunst“ erschiene Studie, dar. In dieser wird der Kompetenzbegriff vor dem Hintergrund von in Hamburg lebenden afrikanischen Flüchtlingen und deren Bildungsbemühungen, behandelt. Exemplarisch zeigt Seukwa (2006) den Fall eines jugendlichen Flüchtlings, welcher sich erfolgreich im Hamburger Bildungssystem behauptet. Im Rahmen der Untersuchung kristallisiert Seukwa vielfältige Operationsmodi und Aktionsschemata heraus, welche Flüchtlinge unter repressiven Rahmenbedingungen entwickeln, um handlungsfähig zu bleiben bzw. zu werden. Diese Kompetenz, „selbst in Situationen extremer Fremdbestimmung Formen der Selbstgestaltung zu entfalten und Bildungserfolge zu erzielen“ (Seukwa 2010: 7) bezeichnet der Autor als „Habitus der Überlebenskunst“ (vgl. ebd.). In der Untersuchung wird die Bedeutung von mitgebrachten Kompetenzen und deren Aktualisierung und Kontextualisierung ersichtlich. Mit diesen Erkenntnissen und der Konzeption von Flüchtlingen als handlungsfähige Subjekte innerhalb repressiver Bedingungen, trägt auch Seukwa zu einer Umorientierung des Blickwinkels auf Flüchtlinge, bei.

Eine konkrete Anwendung des sozialwissenschaftlichen Agency-Konzeptes in Bezug auf die Lebensrealität von Flüchtlingen findet sich bei Bender et al. (2013), welche im Rahmen eines Forschungsprojektes zur Bedeutung von transnationalen Verbindungen für die Lebenssituation und -bewältigung von Menschen mit Migrationshintergrund untersuchen, wann innerhalb biographischer Verläufe sowie konkreten Lebenssituationen Agency eingeschränkt, vorhanden oder wiederhergestellt wird. Bei der Auswertung der zehn durchgeführten qualitativen LeitfadenInterviews mit Personen, welche nach Deutschland geflüchtet sind, zielen sie vor allem auf das subjektive Erleben von Agency durch die Akteure, ab (vgl. ebd.: 257). Im Laufe ihrer Analyse arbeiten sie dabei vier Dimensionen zur Analyse von Agency heraus: die „Dimension des Erlebens, aktuell über Möglichkeiten selbstständigen Handelns zu verfügen“ (ebd.: 262), welche sie als „Autonomiedimension“ (ebd.) fassen. Eine zweite Dimension stellt die „Dimension des Wissens über erschließbare Möglichkeiten der (Wieder-)Herstellung von Agency“ (ebd.), gefasst als „Ressourcendimension“ (ebd.), dar. Quer dazu liegend konzipieren die Autorinnen zwei weitere Dimensionen, die „Empfindungsdimension“ (ebd.) als „Dimension des Erlebens“ (ebd.) sowie die „Perspektivbzw. Orientierungsdimension“ (ebd.) als „Dimension der Ziele“ (ebd.). Diese adressieren das Erleben der Akteure in Bezug auf die Erreichung ihrer Ziele. Als Ergebnis halten sie fest, dass Agency als „multidimensionaler Prozess“ (ebd.: 271), der sich aus den vier identifizierten Dimensionen konstituiert, verstanden werden muss. Dies impliziert eine mögliche Diskrepanz zwischen dem Erleben von Agency durch die Akteure und der Fremdwahrnehmung dessen. Zentral ist die Identifizierung unterschiedlicher Formen von Agency, welche Bender et al. (2013) als „kollektive, stellvertretende und individuelle Agency-Formen“ (ebd.) beschreiben. Mit dieser Studie leisten die Autorinnen einen wichtigen Beitrag zur Empirisierung des AgencyKonzeptes, welches ihnen zufolge immer noch ein erhebliches Forschungsdesiderat in der deutschsprachigen Forschung darstellt (vgl. ebd.: 257). Sie zeigen die Relevanz der Berücksichtigung von Perspektiven des Erlebens und Fühlens der Betroffenen auf. Bezüglich der hier vorliegenden Arbeit ist zu erwähnen, dass die Befragten geflüchtete Personen mit unterschiedlichem rechtlichen Aufenthaltsstatus sind. Hinsichtlich der Agency von Personen mit unsicherem Aufenthaltsstatus stellen die Autorinnen fest, dass dieser „sämtliche Lebensbereiche tangier[t] und das eigene Handlungspotential untergraben [kann]“ (ebd.: 264).

Neben dieser empirischen Anwendung bei Bender et al. (2011) findet sich wenig konzeptuelle Empirisierung von Agency (vgl. ebd.). [2] Zu nennen ist in diesem Zusammenhang der von Bethmann et al. 2012 erschienene Sammelband „Agency. Qualitative Rekonstruktionen und gesellschaftstheoretische Bezüge“, welche vor dem Hintergrund der Tagung „Handlungsfähigkeit, Handlungsmacht, Agency. Ein Symposium zu Agency-Analyse in der qualitativ-rekonstruktiven Forschung“ entstand. [3] Dort werden neben kritischen Theoriebezügen und methodischen Reflexionen konkrete empirische Umsetzungen von Agency-Analyse in der qualitativ-rekonstruktiven Forschung behandelt. Dabei werden Studien und die dabei entwickelten bzw. verwendeten Auswertungsverfahren in Bezug auf Handlungsmächtigkeit von unter anderem psychisch kranken Personen oder Opfern von Menschenhandel aufgezeigt (vgl. Bethmann et al. 2012).

Aus dieser Darstellung lässt sich ein Forschungsbedarf ableiten, auf den diese Arbeit abzielt: So müssen einerseits verstärkt Studien über Flüchtlinge aus einem anderen Blickwinkel durchgeführt werden, um diesen als handelnde Subjekte in sowohl einschränkenden als auch ermöglichenden Strukturen gerecht zu werden und daraus unter anderem eine angebrachte Soziale Arbeit ableiten zu können. Andererseits sind weitere empirische Anwendungen des Agency-Konzeptes anhand von unterschiedlichen Gruppen von Nöten

  • [1] Im Mai 2010 nahm die Bundesregierung die 1992 getroffenen Vorbehalte bei der Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention zurück. Damit gelten, zumindest rechtlich betrachtet, Kinderrechte nach der UN-Konvention nun auch für Flüchtlingskinder und –jugendliche (vgl. PRO ASYL e.V. 2010).
  • [2] Weder in der Publikation von Homfeldt et al. (2008) „Vom Adressaten zum Akteur“, welche sich kritisch mit dem Begriff der „Adressatenorientierung“ in der Sozialen Arbeit befasst, noch in dem von Glöckler (2011) erschienenen Band „Soziale Arbeit der Ermöglichung – ‚Agency'-Perspektiven und Ressourcen des Gelingens,“ in welcher sich der Autor mit dem professionellen Handeln in der Sozialen Arbeit vor dem Hintergrund von Agency als Handlungsmächtigkeit auseinandersetzt, werden Beispiele oder Hinweise zur empirischen Untersuchung von Handlungsfähigkeit gegeben (vgl. Bender et al. 2011: 258).
  • [3] Die Tagung des Instituts für qualitative Sozialforschung e.V. fand im November 2010 an der Evangelischen Hochschule in Freiburg statt.
 
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