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5 Fragestellung und Methodik

Nach der vorgenommenen Darstellung der theoretischen Grundlagen der Asylpolitik sowie des Agency-Konzeptes werden diese in der Darlegung des Forschungsinteresses und den Forschungsfragen zusammengeführt und nochmals deren Bedeutung für die Untersuchung erkenntlich gemacht (vgl. 5.1). Daraufhin folgt eine Erläuterung der in dieser Arbeit maßgeblichen Methodik. Da die Analyse in den allgemeinen Rahmen der Biographieforschung eingeordnet werden kann, wird auf diese unter 5.2 eingegangen, um danach auf relevante Aspekte und Schritte bezüglich der Datenerhebung und -auswertung einzugehen (vgl. 5.3 und 5.4).

5.1 Das Agency-Konzept und geduldete Flüchtlinge: Forschungsfragen und Ziele der Untersuchung

Ausgehend von der Überlegung, dass, wie unter 2.3 dargestellt, die Situation der Duldung vor allem durch massive Einschränkungen, Fremdbestimmung und geringen Handlungsspielräumen zur Verwirklichung eines selbstbestimmten Lebens gekennzeichnet ist, erscheint es als lohnenswert und ertragreich, ein solches Feld bzw. die sich darin bewegenden Individuen, auf Handlungsfähigkeit zu untersuchen. Eine solche Herangehensweise findet sich wie unter 4. dargestellt, kaum in der derzeitigen Forschung. Die Verwendung der oben dargestellten Agency-Konzeption, welche Agency als kontextuell situierte Fähigkeit des Individuums entwirft, ermöglicht eine Untersuchung jenseits von vorschnellen Zuschreibungen von Passivität und Ohnmacht der Befragten, determinierenden einschränkenden Strukturen als auch der Annahme von Handlungsfähigkeit als dauerhaft vorhandene individuelle Eigenschaft eines Individuums und ist damit geeignet, einen differenzierteren Blick auf den Forschungsgegenstand zu erhalten. Dies scheint bei Betrachtung des Forschungsgegenstandes essentiell: so reicht ein einseitiger Blick auf prekäre und einschränkende Lebensbedingungen nicht aus, um den vorhandenen Fähigkeiten und Potentialen der Flüchtlinge gerecht zu werden. Gleichzeitig darf diesen nicht eine von Strukturen losgelöste individuelle Selbstbestimmung unterstellt und damit die alleinige Verantwortung für das Gelingen ihres Lebens in Deutschland bzw. die Schuld am Scheitern dessen, übertragen werden. Vielmehr ist es nötig, sowohl für Soziale Arbeit als auch die Politik, (soziale) Bedingungen zu identifizieren, die ermöglichend auf die Handlungsfähigkeit von hier in Deutschland lebenden Flüchtlingen wirken. Indem eine Betonung auf das Konzept und den Begriff der Handlungsfähigkeit gelegt wird, soll ein Perspektivenwechsel stattfinden. Es soll kein weiterer Beitrag zur Verdeutlichung der prekären Lebenssituation von geduldeten Flüchtlingen und den daraus entstandenen Mängeln erfolgen, [1] sondern es soll vor allem die unterschiedlich ausgeprägte Handlungsfähigkeit der Befragten, deren Herstellung, Aufrechterhaltung und Einschränkung und die jeweiligen Kontexte, welche diese ermöglichen oder begrenzen, untersucht werden. Vor diesem Hintergrund kann die der Arbeit zugrunde liegende Forschungsfrage im Sinne einer explorativen Herangehensweise als sehr offen und wie folgt formuliert werden:

Wie und in welcher Form sind geduldete Flüchtlinge in Deutschland innerhalb der vorzufindenden Strukturen handlungsfähig?

Um diese übergreifende Forschungsfrage zu beantworten, zielt die Arbeit auf das Verhältnis zwischen den Individuen und den Strukturen in denen diese sich befinden ab, indem untersucht werden soll, welchen Einfluss konkrete Rahmenbedingungen und Kontexte auf die Handlungsfähigkeit der Befragten haben und in welchem Ausmaß diese, entgegen langer Zeit vorherrschender Ansichten, ebenso ermöglichend auf die Handlungsfähigkeit der Individuen wirken können. Es wird betrachtet, unter welchen Voraussetzungen die befragten Personen Handlungsfähigkeit (wieder-)herstellen oder erhalten können und durch welche Bedingungen dies erschwert bzw. verhindert wird. Dabei werden die vorhandenen und genutzten Ressourcen der Personen in den Blick genommen und auf ihren Beitrag zur Handlungsfähigkeit analysiert. Bei der Herausarbeitung von Handlungsfähigkeit wird nach der „Qualität“ (Scherr 2013: 113), also dem (kreativen) Ausmaß und der Ausprägung dieser in den unterschiedlichen Kontexten, gefragt und untersucht, ob und wann Handlungsfähigkeit von geduldeten Flüchtlingen über die „alltägliche lebenspraktische (…) Selbsterhaltung“ (Scherr 2013: 240) hinausgeht und dabei kreative alternative Handlungsmöglichkeiten realisiert werden können. Um die übergreifende Forschungsfrage angemessen beantworten zu können, muss ebenso die Frage nach Prozessen und Strategien zur Erlangung von Handlungsfähigkeit bearbeitet werden. Durch die Wahl der folgend aufgeführten Methoden kann außerdem die Wahrnehmung, Deutung und Interpretation von Handlungsfähigkeit durch die Individuen selbst berücksichtigt werden, welche nach Emirbayer und Mische (1998) Aufschluss über aktuelle und vergangene Handlungsfähigkeit sowie deren Herstellung gibt (vgl. ebd.: 1009).

Die Ziele der Untersuchung, die sich aus dem Forschungsstand bzw. –bedarf und den daraus abgeleiteten Forschungsfragen, ergeben, können somit wie folgt zusammengefasst werden: Es soll ein Einblick in den Alltag und die Lebensrealität von geduldeten Flüchtlingen in Deutschland erfolgen. Dabei wird von einer defizitorientierten Perspektive Abstand genommen und explizit die Handlungsfähigkeit in ihren unterschiedlichen Ausprägungen und die Sichtweise der Betroffenen selbst fokussiert. Die Arbeit knüpft dadurch an einen Diskurs in der Sozialen Arbeit an, in welchem verstärkt Augenmerk auf die Handlungsoptionen der Akteure gerichtet wird, um somit von einer defizithin zu einer ressourcenorientierten Sozialen Arbeit zu kommen (vgl. Aliena/Hirschler 2008: 246).

Durch die Verwendung des Agency-Konzeptes als theoretischen sowie methodischen Bezugsrahmen wird zudem zu einer Empirisierung dessen beigetragen (vgl. Bender 2013: 257). In einem umfassenden Sinn soll somit ein Beitrag zur Beantwortung der sozialtheoretischen Frage nach dem Verhältnis von individueller Selbstbestimmung und sozialer Determiniertheit und einer angemessenen Bestimmung dessen geleistet werden.

  • [1] Auch wenn dies als „Nebenprodukt“ in den Ergebnissen auftaucht, sind das nicht Fokus und Erkenntnisinteresse der Arbeit.
 
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