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5.2 Sozialwissenschaftliche Biographieforschung

Die der Untersuchung zugrundeliegende Fragestellung nach der Handlungsfähigkeit von geduldeten Flüchtlingen erfordert ein Forschungsdesign, das in der Lage ist, subjektive Sichtweisen und Erfahrungen von Handlungsfähigkeit sowie soziale Zusammenhänge in den Blick zu nehmen. Aufgrund der Komplexität des Forschungsgegenstandes bietet sich deshalb eine rekonstruktive Herangehensweise im Rahmen einer qualitativen Forschung an. Eine solche Untersuchung verbietet es, mit bereits im Vorfeld generierten Hypothesen den Gegenstand zu untersuchen. Vielmehr verlangt sie eine verstehende und ganzheitliche Erfassung der sozialen Wirklichkeit, in deren Zentrum die Rekonstruktion der Weltsicht der dort Handelnden steht (vgl. Thielen 2009: 83). Dies soll in dieser Arbeit mit einem biographisch orientierten Zugang erfolgen. Die sozialwissenschaftliche Biographieforschung als Forschungsansatz der qualitativen Sozialforschung beschäftigt sich mit der Rekonstruktion von Biographien und Lebensverläufen. Dabei liegt die Überlegung zugrunde, durch biographisches Datenmaterial einen einzigartigen Zugang zu individuellen Deutungsmustern und Sinnkonstruktionen und damit zur sozialen Wirklichkeit und deren komplexen Zusammenhängen, zu erhalten (vgl. FuchsHeinritz 2009: 9). Der Ansatz findet in Deutschland vor allem seit den 1970er Jahren erneut Beachtung und Anwendung in den Sozialwissenschaften (vgl. ebd.: 116ff.; Sackmann 2013: 33ff.). [1] Biographie wird dabei als „sinnhaftes Handeln eines Subjektes in einer durch einen Lebensprozess vorgegebenen Zeitstruktur“ (Sackmann 2013: 53) verstanden. Das sinnhafte biographische Handeln umfasst dabei auch antizipierende Entscheidungen und Selbstreflexionen. Der Begriff biographische Kompetenz meint in diesem Rahmen die „praktische, meist nur halbbewusste Steuerung des Prozesses biografischen Handelns“ (vgl. ebd.). [2] Wolfgang Fischer und Martin Kohli (1987) plädieren dafür, eben dieses biographische Handeln im Spannungsfeld von gesellschaftlicher Abhängigkeit und individueller Selbstbestimmung zu verorten und zu analysieren (vgl. ebd.: 34). Nach Kohli wird mithilfe der biographischen Forschung Subjektivität in die Wissenschaft miteinbezogen und berücksichtigt. Darin sieht er als Konsequenz und Vorteil den Bezug auf Sinn, die wissenschaftliche Wahrnehmung von Sinnstrukturen der Befragten, von individuellen Besonderheiten in Lebensverhältnissen sowie von individuellen Handlungsbeiträgen des Subjekts (vgl. Fuchs-Heinritz 2009: 119). Diese Eigenschaften erscheinen als sinnvoll und notwendig für eine angemessene Betrachtung und Untersuchung von individueller Handlungsfähigkeit im Rahmen des AgencyKonzeptes.

Fuchs-Heinritz (2009) zählt eine Reihe von charakteristischen Forschungszielen auf, im Rahmen derer die biographische Forschung häufig verwendet wird (vgl. ebd. 128ff.). Hier sollen die für diese Untersuchung bedeutsamen Ziele und Zwecke knapp aufgezeigt werden, um die Entscheidung für den biographischen Ansatz zu verdeutlichen. Eines der genannten Ziele ist dabei, den untersuchenden SozialwissenschaftlerInnen Einblick in eine soziale Wirklichkeit zu geben, die ihnen weder durch persönliche Involvierung noch durch sozialwissenschaftliche Theorien und Begriffe anschaulich und in ausreichendem Maße präsent und zugänglich sind. Dabei kommt es idealerweise zu einer Erweiterung ihres „Verstehenshorizont“ (ebd.: 129) und damit zu neuen (wissenschaftlichen) Fragestellungen (vgl. ebd.: 130). Zudem soll im Rahmen einer biographischen Forschung in die „soziale und kulturelle Debatte über das richtige Leben und die Zukunft der Gesellschaft“ (ebd.: 130) eingegriffen werden. Dies kann durch die Veröffentlichung biographischen Materials bzw. dessen Interpretation geschehen. Dadurch soll das öffentliche Verständnis von z.B. stigmatisierten Gruppen und deren Sinnhorizonten und Lebensentwürfen durch Einblick in verschiedenartigen und von der eigenen Lebenswirklichkeit abweichenden Lebensrealitäten, erhöht werden. Biographisches Material und dessen Interpretation kann weiter dazu beitragen, das Handlungsverständnis und das Handeln einzelner Individuen innerhalb institutioneller Strukturen aufzuzeigen und eine Sicht ‚von innen', vom intentional strukturierten Handlungsraum der Beteiligten aus“ (ebd.: 134) zu erreichen. Aufgrund der Beschaffenheit ihrer Daten können mithilfe biographischer Forschung zeitliche Verläufe und damit die „Prozesshaftigkeit des sozialen Lebens“ (ebd.: 13) zugänglich gemacht werden.

Innerhalb dieser Forschungsziele lassen sich sowohl eine eher deskriptive Nutzung des biographischen Materials, welches dabei sowohl Datengrundlage und Forschungsergebnis darstellt, als auch eine interpretative Arbeit mit diesem, erkennen (ebd.: 146). Biographische Forschung erweist sich vor allem für Bereiche, in denen noch wenig gesicherte Ergebnisse vorliegen, als wichtig und sinnvoll, um die Theoriebildung voranzutreiben. Die oben dargestellten Prämissen eines einzigartigen Einblickes in soziale Wirklichkeiten durch biographisches Material verlangen dafür geeignete Erhebungsund Auswertungsverfahren. Dabei wird in der vorliegenden Arbeit vor allem auf Fritz Schützes narratives Interview, das Auswertungsverfahren der Narrationsanalyse und den damit verbundenen Annahmen, zurückgegriffen. Schütze spielte in der Zeit des Wiedererstarkens von biographischen Untersuchungen in den 1970er Jahren neben Werner Fuchs-Heinritz, Martin Kohli und Ulrich Oevermann vor allem im deutschsprachigen Raum eine wichtige Rolle zur Weiterentwicklung dieser (vgl. Sackmann 2013: 53). Zentral bei der Verwendung der Methoden ist die Annahme, dass Erlebnisse und Erfahrungen und damit deren Deutung und Bewertung von Individuen keiner direkten Beobachtung zugänglich sind, sondern nur durch dessen (narrative) Darstellung durch das Individuum.

  • [1] Für eine ausführliche Darstellung zur geschichtlichen Entwicklung siehe Fuchs-Heinritz (2009: 85ff.), welcher den Beginn der Biographieforschung in der Soziologie mit der Arbeit von Thomas und Znaniecki über den polnischen Bauern Wladnek aus dem Jahr 1918 sieht (vgl. Fuchs-Heinritz 2009: 88).
  • [2] An dieser Stelle wird nicht näher auf diese sowie weitere Konzepte innerhalb der Biographieforschung, wie beispielsweise die biographische Linie (vgl. Sackmann 2013: 54 ) eingegangen, da in der Arbeit zwar die Biographieforschung mit den dazu gehörigen Methoden als allgemeiner Rahmen dient, die analytisch untersuchten Konzepte jedoch die der Agency-Theorie darstellen.
 
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