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5.3 Datenerhebung

Im Folgenden wird zunächst das narrative Interview als zentrale Erhebungsmethode der Arbeit vorgestellt. Dabei werden allgemeine Charakteristika, die Fritz Schütze, auf den die Entwicklung der Interviewform zurückgeht, dem Interview zuschreibt, aufgezeigt sowie Kritikpunkte anderer AutorInnen daran, benannt. Außerdem werden Begründungen für die Wahl der Methode sowohl hinsichtlich des Agency-Konzeptes, als auch aufgrund von Besonderheiten des Forschungsgegenstandes, gegeben (vgl. 5.3.1). Danach wird der Zugang zu den Interviewpartnern und dabei aufgetretene Schwierigkeiten nachgezeichnet (vgl. 5.3.2). Das daraus resultierende Sampling ist auf das Verfahren des theoretical samplings zurückzuführen und wird in einem nächsten Punkt erläutert (vgl. 5.3.3). Im letzten Punkt wird auf die konkrete Durchführung der Interviews und hierbei zu beachtende Einschränkungen eingegangen (vgl. 5.3.4).

5.3.1 Das narrative Interview

Bei der Auswahl der Interviewmethode war vor allem der gewählte explorative Zugang zum Feld entscheidend. Da das Feld Handlungsfähigkeit von geduldeten Flüchtlingen wie bereits im Kapitel zum Forschungsstand ersichtlich wurde, noch relativ unerforscht ist, sollte möglichst offen und ohne viele Vorannahmen Handlungsfähigkeit der untersuchten Personen rekonstruiert werden können. Dabei ist die Vermeidung einer engen Interviewführung essentiell. Mit einer offenen Interviewmethode soll den individuellen Relevanzsystemen und Konstruktionen der Befragten genügend Raum gegeben werden, um damit zu neuen Erkenntnissen und weiterführenden Forschungsfragen zu gelangen (vgl. Bohnsack 2014: 20). Diesem Anspruch wird das narrative Interview von Fritz Schütze gerecht, indem es auf die „Technik“ des Erzählens und der Erzählung als Datenquelle basiert. Dabei wird versucht, den „Forschereinfluss“ (Schütze 1987: 254) so gering wie möglich zu halten, um somit zu einer adäquaten Erfassung und Analyse von Lebenswelten und ihrer subjektiven Sinndeutung aus Sicht der Erzählenden zu kommen. Dies soll durch die Gestaltung der Erhebungssituation erreicht werden, in welcher die interviewende Person durch einen anfangs gesetzten Erzählstimulus in Form einer Erzählaufforderung zunächst das Rederecht an die Befragten übergibt, die idealerweise daraufhin ihre Lebensgeschichte oder einen für die Untersuchung relevanten Ausschnitt, erzählen. Dadurch soll eine Stegreiferzählung mit alltäglichem Charakter geschaffen werden, welche sich durch ihr spontanes Zustandekommen auszeichnet (vgl. Thielen 2009: 90). Innerhalb dieser Interviewsituation kommt nach Schütze ein dreifacher narrativer Zugzwang zum Tragen: der Gestaltschließungszwang sorgt dafür, dass die Erzählenden den Gesamtzusammenhang der Geschichte und die einzelnen Etappen durch die Darstellung aller relevanten Ereignisse rekonstruieren bzw. abschließen. Aufgrund des Konditionierungszwanges erfolgt eine Fokussierung der Erzählung und im Rahmen des Detaillierungszwanges nehmen die Erzählenden eine Orientierung der Erzählung am tatsächlichen Ablauf sowie einer Verknüpfung einzelnen Ergebnisse und das Einfügen notwendiger Detaillierungen, vor (vgl. Glinka 2003: 86f.). Neben den Zugzwängen des Erzählens finden sich in Schützes Erzähltheorie die kognitiven Figuren des Erzählens, welche als konstitutive Elemente einer Stegreiferzählung gelten (vgl. Küsters 2009: 26). Dies sind ErzählträgerInnen, die meist identisch mit den Ereignisbzw. BiographieträgerInnen sind; Erzählketten, welche die Wahrnehmung der Befragten vom Verlauf und inneren Zusammenhang des erlebten Geschehens im Sinne eines Prozesses abbilden, Situationen und soziale Rahmen in Form von Darstellungen von beteiligten AkteurInnen aber auch sozialen Welten, sowie schließlich der Gesamtgestalt der Lebensgeschichte, welche die zentrale Problematik des Geschehens und ihre Entwicklung charakterisiert (vgl. ebd.: 26).

Der Verwendung von Erzählungen als Primärdaten liegt bei Schütze der angenommene Zusammenhang zwischen Erzählung und Erfahrung zugrunde. Dabei nimmt er eine Homologie zwischen der strukturierten Ordnung der Erfahrung und der Struktur der Erzählung an (vgl. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2010: 222). Er sieht das Schema der Sachverhaltsdarstellung in der Erzählung als eine Reproduktion der kognitiven Aufbereitung des erlebten Ereignisablaufs, der „innere[n] Form der Erlebnisaufschichtung“ (Schütze 1987: 49). Demnach kann durch eine Erzählung Zugang zu erlebter Geschichte, Ereignisverwicklungen und realen Handlungen sowie deren subjektiver Deutung, Bewertung und Wahrnehmung durch das Individuum auf eine beispielslose Weise erfolgen. Entscheidend ist der Prozesscharakter des zu erforschenden Gegenstands, welchen die Erzählenden aus ihrer Perspektive rekonstruieren können (vgl. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2010: 222).

Nach der Eingangserzählung des Befragten, welcher dieser idealerweise mit einer Ergebnissicherung beendet, schließt der Teil der immanenten Nachfragen an. Dabei soll das Erzählpotential weiter ausgeschöpft werden, indem bezugnehmend auf die erfolgte Erzählung weitere erzählgenerierende Fragen zu angesprochenen Themen gestellt werden (vgl. Glinka 2003: 15). Scheint das Erzählpotential durch immanente Nachfragen ausgeschöpft, schließt sich der letzte, der exmanente Nachfragteil, an. Hier kann die bzw. der Interviewende beispielsweise Nachfragen zu Beschreibungen von und Kommentaren zu erwähnten AkteurInnen oder sozialen Rahmen stellen sowie eigene Themen einbringen (vgl. ebd.: 148).

Neben der Tatsache, dass der Methode des narrativen Interviews bei der Entwicklung der Biographieforschung eine tragende Rolle zukommt, wird diese in ihren Annahmen ebenso mit Kritik konfrontiert (vgl. Küsters 2009: 29ff.). Diese adressiert unter anderem die Behauptung von der Herstellung einer alltagsweltlichen und natürlichen Kommunikationssituation. Indem jedoch ein überproportional großer Redeanteil bei dem Befragten liegt und damit die in alltäglichen Sprechsituationen gegebene Reziprozität nicht stattfindet, muss auch die Interviewsituation innerhalb eines narrativen Interviews als besonders und künstlich hergestellt, betrachtet werden (vgl. Fuchs-Heinritz 2009: 178). Eine weitere kritische Anmerkung betrifft die Fähigkeit des Erzählens, die laut Schütze als menschliche Basiskompetenz von nahezu allen Personen beherrscht wird und er damit ein NichtZustande-Kommen von Stegreiferzählungen vorrangig aus der Interaktionssituation heraus erklärt (vgl. Küsters 2009: 31). Fuchs-Heinritz (2009) weisen dahingegen auf eine mögliche unterschiedliche verteilte Kompetenz bei Personen hin. Als möglichen Grund führen sie „schichtspezifische Voraussetzungen“ (ebd.: 181) auf, welche jedoch nie systematisch untersucht worden sind. Eine weitere häufig geäußerte Kritik betrifft die Annahme des Verhältnisses zwischen Erzählung und Erlebtem und stellt eine Abhängigkeit bzw. den von Schütze postulierten Zusammenhang der Erzählgestalt und des Erzählgegenstandes in Frage (vgl. Küsters 2009: 33). Aufgeführt werden dahingegen in der Interaktionssituation hergestellte Identitätskonstruktionen sowie kommunikative Aspekte, welche die Erzählung anstatt dessen strukturieren (vgl. ebd.). Außerdem wird auf Reflexionsprozesse verwiesen, die zwischen der damaligen Erfahrung und der aktuellen Erzählung liegen und welche eine authentische Reproduktion der damaligen Erfahrungskonstitution verhindern (vgl. ebd.: 34). Trotz der Kritik am Verfahren, die bei der Verwendung und vor allem der Interpretation und Auswertung der Interviews bedacht werden muss, ist das narrative Interview eines der am häufigsten verwendeten Erhebungsmethoden innerhalb der biographischen Forschung (vgl. FuchsHeinritz 2009: 116).

In dieser Arbeit spielten neben den eingangs erwähnten Gründen vor allem Überlegungen bezüglich der befragten Personen sowie relevante Aspekte der Theorie eine Rolle in der Entscheidung für ein narratives Interview. [1] Im Zusammenhang mit der Befragung von geduldeten Flüchtlingen sollte eine Ähnlichkeit und damit Erinnerung an Interviewsituationen auf der Ausländerbehörde und vor allem der mündlichen Anhörung im Asylverfahren, vermieden werden. Diese sind bei den Befragten, deren erzählte (Flucht-)Geschichte als nicht glaubwürdig oder „ausreichend“ für eine Gestattung des Asylantrages eingestuft wurde, vermutlich mit negativen Erinnerungen besetzt. Deshalb wurden die Befragten im Rahmen dieser Arbeit nicht wie in der mündlichen Anhörung gebeten, ihre (möglicherweise traumatisierenden) Fluchtgeschichte und Erfahrungen im Herkunftsland möglichst detailgenau und lückenlos zu erzählen. Thielen (2009) spricht dabei von einer „Funktionalisierung der lebensgeschichtlichen Erzählung“ (ebd.: 96) die der Bearbeitung der Asylanträge dient und damit existentielle Bedeutung innehat. Es wurde deshalb bewusst nur nach dem Leben in Deutschland gefragt, wobei vermutet werden kann, dass die Personen selten, zumindest von MitarbeiterInnen staatlicher Behörden, danach gefragt werden, da ihr derzeitiger Aufenthaltsstatus eigentlich kein Leben in Deutschland vorsieht. Im Sinne der Interviewform sollten sie dabei nur erzählen, was sie für erzählenswert und wichtig empfinden bzw. in dieser Situation von sich preisgeben möchten. [2]

Das narrative Interview bietet sich neben der Berücksichtigung von Besonderheiten des Forschungsgegenstandes „Flüchtlinge“ für eine Untersuchung im Rahmen des Agency-Konzeptes von Emirbayer und Mische (1998) an. Die Forderung der AutorInnen, Agency als eigenständige analytische Kategorie in ihrer internen Struktur zu untersuchen, erfordert eine dafür geeignete Herangehensweise. Wie oben dargestellt, identifizieren Emirbayer und Mische (1998) unterschiedliche Orientierungen, an denen die Akteure ihre Handlungen ausrichten. Handlungsorientierungen dieser Art und damit die Ausprägung von Agency sowie deren Herstellung lassen sich nur durch einen Einblick in erlebte Erfahrungen und der Deutung durch die Akteure rekonstruieren. Es wird angenommen, dass in den Erzählungen der Befragten Subjektpositionierungen stattfinden, anhand denen Umgangsweisen mit vorzufindenden Problemlagen und damit Handlungsfähigkeit herausgearbeitet werden kann (vgl. Thielen 2009: 84). In ihrer Theorie betonen die AutorInnen die Rolle der Reflexion und Wahrnehmung der eigenen (vergangenen) Handlungsfähigkeit zur (Wieder-)Herstellung dieser (vgl. Emirbayer/Mische 1998: 1001). Diese Reflexionsprozesse und damit hergestellte Handlungsfähigkeit können idealerweise in Erzählungen, die nach Schütze mit der Erfahrungsaufschichtung korrespondieren, identifiziert werden (vgl. Biesta/Tedder 2006: 12; Bender et al. 2013: 259).

  • [1] Unter 5.3.4 wird darauf eingegangen, dass die Interviews in der praktischen Umsetzung schließlich mehr als eine Mischform zwischen problemzentriertem Interview und narrativem Interview gesehen werden müssen. An dieser Stelle sollen jedoch methodische und theoretische Überlegungen innerhalb des Forschungsprozesses aufgezeigt werden.
  • [2] Dieser sensible Umgang mit den Personen und deren Erzählungen impliziert natürlich einen stellenweise eingeschränkten Informationsgehalt.
 
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