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5.3.3 Sampling

Die Auswahl der Interviewpartner orientierte sich an dem im Verfahren der gegenstandsbezogenen Theoriebildung nach Barney Glaser und Anselm Strauss in den 1960er Jahren entwickelten Vorgehen des theoretical samplings. Dies zeichnet sich durch eine entlang des Forschungsprozesses fortwährende Auswahl von InterviewpartnerInnen aus. Im Rahmen dieser Arbeit wurden zunächst zwei Fälle erhoben, die sich hinsichtlich der Fragestellung stark zu kontrastieren schienen (Raza und Arash). Da keine festen theoretischen Vorannahmen oder Hypothesen bestanden, wurden diese Fälle aufgrund von äußeren Kriterien, die hinsichtlich der Fragestellung und auf Basis des erarbeiteten Vorwissens der Autorin relevant erschienen, ausgewählt. Als gemeinsame Voraussetzungen dienten zunächst lediglich das Kriterium einer Flucht nach Deutschland, der aufenthaltsrechtlichen Situation einer Duldung, die Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht, [1] sowie Volljährigkeit. [2] Nach einer ausführlichen Auswertung des ersten Interviews von Raza wurden entlang der analysierten Kriterien sowie hinsichtlich der Fragestellung weitere, möglichst kontrastierende Fälle ausgesucht. Das Ziel des theoretical samplings ist die „theoretische Sättigung“ (Glinka 2003: 29). Diese impliziert ein angemessenes Abbild der Realität, was bedeutet, dass kein weiterer Fall mehr zu finden ist, der nicht durch die bereits gebildeten theoretischen Konzepte repräsentiert wäre (vgl. Hermanns 1992: 116). Glinka (2003) sieht eine „theoretische Sättigung“ bei einer Anzahl zwischen zwanzig und vierzig Interviews eintreten, was im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden kann (vgl. ebd.: 29). Wie unter

5.3.2 näher erläutert, ist der Zugang zum Forschungsfeld „geduldete Flüchtlinge“ problematisch, weshalb im Laufe des Forschungsprozesses Kompromisse bezüglich der Auswahl der Interviewpartner gemacht werden mussten. Schlussendlich konnten folgende fünf Personen befragt werden: Der 27-jährige Raza aus Pakistan, der 19-jährige Nazim aus dem Kosovo, der ebenfalls aus dem Kosovo stammende 18-jährige Fadil, der 30-jährige Shaikh aus Pakistan sowie der 21-jährige Arash aus Afghanistan. Die Anzahl der erhobenen Interviews überschreitet die Anzahl der am Ende ausführlich analysierten Interviews, was einen gewissen Spielraum bei der endgültigen Auswahl schafft und das Problem, dass vor der Befragung oft wenig Informationen zum Befragten vorliegen, partiell abzuschwächen vermag (vgl. Hummrich 2002: 48). Die letztendliche Entscheidung für die ausführliche Analyse der zwei Interviews mit Raza und Nazim resultiert aus theoretischen Überlegungen als auch praktischen methodischen Gründen. So weisen die beiden in einer ausführlichen Darstellung besprochenen Fälle eine deutliche Varianz hinsichtlich der Frage nach der Handlungsfähigkeit auf und lassen sich, unter Hinzunahme der anderen Interviews, auf gewinnbringende Weise gegenüberstellen. Damit ermöglichen sie einen Einblick in die Bandbreite des Forschungsgegenstandes, der jedoch keinesfalls eine theoretische Repräsentativität beansprucht, sondern vor allem weiteren Forschungsbedarf und erste Erkenntnisse aufzeigen soll. Gleichzeitig muss erwähnt werden, dass die Interviews von Arash und Fadil auf den ersten Blick bzw. nach dem ersten Interpretationsdurchgang mit (zu) wenig Informationsgehalt versehen sind, um eine ausführliche Falldarstellung zu realisieren. Bei einer ersten groben Interpretation des Interviews von Shaikh konnte eine ähnliche Struktur wie bei Raza festgestellt werden, weshalb eine weitere ausführliche Darstellung dessen als wenig ergiebig im Rahmen dieser Arbeit eingestuft wurde. Aufgrund von Gründen, die unter 5.3.2 beschrieben wurden, konnten an dieser Stelle innerhalb des vorhandenen zeitlichen Rahmens keine weiteren Interviewpartner mit den nötigen Voraussetzungen gefunden werden, weshalb sich für die Darstellung von zwei Interviews sowie die Behandlung aller fünf im Rahmen eines Vergleich entschieden wurde.

  • [1] Damit wurde hinsichtlich des Geschlechts Homogenität innerhalb der untersuchten Personen gewahrt womit das „Strukturprinzip Geschlecht“ (Täubig 2009: 84) als Erklärung für Unterschiede ausgeschlossen werden konnte (vgl. ebd.).
  • [2] Da das Thema minderjährige, vor allem unbegleitete, Flüchtlinge in der Literatur meist gesondert behandelt wird und mit weiteren bzw. anderen Problemlagen behaftet ist, wurde sich hier nur für Personen, die zum Interviewzeitpunkt über 18 Jahre alt sind, entschieden. Arash kam als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland; Nazim und Fadil kamen ebenso im Alter von 15 bzw. 13 Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland.
 
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