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6.1.1.3 Arbeit als Medium zur Unabhängigkeit und gesellschaftlichen Teilhabe

Razas erstes Jahr in Stadt A ist gekennzeichnet durch das ihm auferlegte Arbeitsverbot und den damit eingeschränkten finanziellen Mitteln. Raza betont an mehreren Stellen, dass er nicht arbeiten „durfte“ (Z. 289, Z. 308, Z. 328) wobei deutlich wird, dass er dies gerne getan hätte. Dies hatte zur Folge dass er „sehr sehr (…) wenig(…) Geld für [sich]“ (Z. 289f.) hatte. Er gibt allerdings gleichzeitig an, dass ihm das Geld „eigentlich schon [gereicht]“ (Z. 303) hat. Jedoch erläutert er weiter, dass es eben nur zur Deckung des Existenzminimums ausreichend ist und beispielsweise jemand, der „raucht und Alkohol trinkt“ (Z. 310), sich diese Lebensweise nicht leisten kann ohne „immer“ (Z. 310) Schulden bei anderen Leuten zu machen (vgl. Z. 310 f.). Es wird ersichtlich, welche geringen Ansprüche und damit Lebenshaltungskosten der Erzählende in dieser Zeit hat. Raza schildert das Gefühl, das entsteht, wenn der Mitbewohner, der schon arbeiten darf, sein Gehalt zählt (vgl. Z. 303f.). Dies erweckt bei Raza den Wunsch nach ebenso „viel Geld“ (Z. 305) und dem Wunsch, arbeiten zu dürfen. Der Vergleich mit seinem Mitbewohner und dessen Geldzählen ruft Neid bei Raza hervor und verdeutlicht die Hilflosigkeit, die er gegenüber dieser Situation besitzt. Diese Ohnmacht gegenüber der verordneten Arbeitslosigkeit wird nochmals offensichtlich mit dem Satz „durftest du einfach [1] nicht arbeiten“ (Z. 308), welcher auch sein Unverständnis gegenüber dieser Regelung zeigt. Indem er an späterer Stelle des Interviews erzählt, wie er nach einem Jahr eine Arbeitserlaubnis bekommen hat und dann direct auch eine Arbeit angefangen hat, wird die Bedeutung der Arbeit offensichtlich. Der zentrale Punkt für Raza war bzw. ist, dass er seit Erhalt der Arbeitserlaubnis, also circa fünf Jahre, auf keine finanzielle Unterstützung des Staates mehr angewiesen ist (Z. 317). Demgegenüber betont er mehrfach, dass er „gerne“ (Z. 332) Steuern zahlen „will“ (Z. 332) und damit gleichberechtigt mit deutschen StaatsbürgerInnen, am Arbeitsmarkt teilnimmt. In der Zukunft sieht er sich und seine Frau in festen Arbeitsverhältnissen, was mit einer in Deutschland herrschenden Auffassung von einer „normalen“ Lebensführung kompatibel ist.

  • [1] Die Kursivsetzung ist an dieser Stelle eine Hervorhebung der Autorin und dient zur Verdeutlichung der getroffenen Aussage.
 
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