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6.1.1.5 Leben in der Gemeinschaftsunterkunft als dauerhafte Konfliktsituation

Der Alltag in der Gemeinschaftsunterkunft, in der sich Raza, abgesehen von der Zeit in der er allein mit seinem oben beschriebenen Mitbewohner befindet, mit zwei Personen ein nach seinen Aussagen zwischen zwanzig und dreißig Quadratmetern großes Zimmer teilt, ist geprägt von Konflikten. Die Schilderungen von fünf Konfliktsituationen stehen exemplarisch für die dauernden Auseinandersetzungen und können als Alltagssituationen des Befragten interpretiert werden. So herrschen ständige Interessenskonflikte zwischen den Mitbewohnern: Wenn einer krank ist, wollen die anderen im Zimmer trotzdem rauchen und Fernsehschauen (vgl. Z. 113f.). Wenn nur einer der drei eine Arbeit hat, stellt es für diesen sehr schwierig dar, früh ins Bett zu gehen und zu schlafen (Z. 116ff.). Dreckiges Geschirr wird selbst auf Nachfrage nicht gewaschen (vgl. Z. 123) und geraucht wird wie selbstverständlich auf dem Zimmer (Z. 127). Das grundlegende Problem ist die Auffassung jedes Mitbewohners, in seinem Zimmer alle Rechte zu haben (vgl. Z. 117f.: „die andere sind auch in gleiche Zimmer angemeldet“; Z. 128: ich bin doch hier in (…) meine Zimmer“). Es herrscht eine rücksichtslose Atmosphäre in der jeder macht, wonach ihm der Sinn steht (vgl. Z. 130) und in der nicht einmal die Grundbedürfnisse des Einzelnen nach Schlaf, Ruhe und Gesundheit berücksichtigt werden. Doch ungeachtet dieser Tatsache „muss“ (Z. 133, Z. 136) der Befragte dort wohnen und sogar dafür noch Miete bezahlen. Der Gedanke an die dreckigen sanitären Einrichtungen scheinen den Befragten so sehr zu ekeln, dass er dies nicht in Worte fassen will und die Beschreibung mitten im Satz abbricht (vgl. Z. 136f.: „Dusche und Toilette sind die so ähm also (…)“). Diese „will [er] einfach nicht (…) sehen“ (Z. 137), „muss(…)“ (Z. 137) aber dort duschen und sich waschen. Die Befriedigung der Grundbedürfnisse, nämlich die Benutzung der Dusche und Toilette, ist für den Befragten mit einem absoluten Unwillen verbunden, was die Unfreiheit dieser Situation offensichtlich werden lässt. Dem Befragten bleibt schlussendlich jedoch „[keine andere] Möglichkeit“ (Z. 138), als gegen seinen Willen die ihm zur Verfügung stehenden sanitären Anlagen zu benutzen.

Raza distanziert sich von den anderen BewohnerInnen („die Leute“ [Z. 139, Z. 148]) in der Gemeinschaftsunterkunft. Diese erhalten seiner Meinung nach finanzielle Leistungen ohne etwas dafür zu tun (Z. 175) und nebenbei sparen sie Geld, mit dem sie sich später die Miete einer eigenen Wohnung finanzieren können (Z. 152). Der Befragte versteht das Verhalten der anderen nicht, die diesen Zuwendungen offensichtlich keine Wertschätzung oder Dankbarkeit entgegenbringen, sondern nur „rauchen“ (Z. 175), „trinken“ (Z. 175) und „schlafen“ (Z: 175) und sich zudem rücksichtlos verhalten. Nicht eingehaltene Ruhezeiten und die Weigerung, gemeinsame Räume zu putzen, lösen bei Raza Unverständnis aus. Er wundert sich, dass in diesen Situationen „niemand was sagt“ (Z. 143) und wünscht sich eine Autorität, da seine Bitten nach Ruhe anscheinend nicht gehört werden und er wenig bzw. keinen Einfluss auf das Verhalten der anderen und damit auf seine direkte Umwelt, hat (vgl. Z. 117, Z, 123, Z. 127). Raza hingegen nutzt die Zeit und die ihm zur Verfügung gestellten Ressourcen, mit denen man seiner Meinung nach „viel machen“ (Z. 174) und folglich weiterkommen kann. Trotz denkbar ungünstigen Rahmenbedingungen wie einer fehlenden Arbeitserlaubnis und dem Zusammenwohnen mit fremden Leuten auf engstem Raum versucht er, die Gelegenheit und die wenigen Handlungsoptionen zu nutzen, um beispielsweise sein Deutsch zu verbessern (vgl. Z. 167).

Trotz dieser Einstellung, „das Beste aus der Situation“ zu machen, fasst Raza sein Leben in der Gemeinschaftsunterkunft als „dort leben ist… äh (4) ähm .. macht krank.“(Z. 145f.), zusammen. Diese Aussage kann, neben der wörtlichen Bedeutung aufgrund der fehlenden Bedürfnisbefriedigung nach Schlaf und Ruhe, metaphorisch für ein Leben an einem Ort, dem man ohne Mitbestimmungsrechte zugewiesen wurde und folglich wenig Möglichkeit auf eine baldige „Genesung“ hat, gesehen werden.

 
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