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6.2.1.2 Leben in der Gemeinschaftsunterkunft als multiple Einschränkung

Nach der anfänglichen Verwunderung und Irritation, in eine Gemeinschaftsunterkunft und nicht in eine Wohnung zu ziehen, resümiert Nazim das Leben in der Unterkunft mit der Feststellung, dass man „hier (…) nicht wohnen [kann]“ (Z. 11f.). Die derzeitige Wohnsituation des Befragten wirkt einund beschränkend auf verschiedene Bereiche des Lebens. Nazim erwähnt die schwere Krankheit seines Vaters, aufgrund dessen dieser Ruhe bedarf. Dies stößt jedoch auf Unverständnis bei den NachbarInnen, mit denen man ständig „Stress“ (Z. 31) hat und keine Rücksicht auf den kranken Vater nehmen, sondern dauernd Lärm verursachen (vgl. Interviewprotokoll). Dies wirkt kontraproduktiv auf die Genesung des Vaters, um den der Befragte sich große Sorgen zu machen scheint. Vor allem nach dem Interview bringt Nazim weitere Argumente, warum ein richtiges Leben in der Unterkunft unmöglich ist (vgl. Interviewprotokoll): Da ihre direkten NachbarInnen Christen sind, wird in der gemeinsamen Küche Schweinefleisch gekocht, was sich behindernd auf die Praktizierung des muslimischen Glaubens der Familie des Befragten auswirkt. Aufgrund des herumliegenden Mülls und der Ratten erlebt Nazim das Leben in der Unterkunft wie das eines „Schweines“ (vgl. Interviewprotokoll), was im Widerspruch zu seinem Wunsch, wie ein „Normaler“ (vgl. ebd.) zu leben, steht. Zu einem „normalen“ Leben gehört für ihn beispielsweise auch die Möglichkeit, eine Freundin mit nach Hause bringen zu können. Dies ist jedoch unter diesen Umständen für den Befragten nicht möglich. Diese massiven Einschränkungen und Benachteiligungen scheinen derzeit für Nazim nur mit der Hoffnung und Aussicht, bald in eine Wohnung ziehen zu können, erträglich zu sein (vgl. Z. 34).

 
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