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6.2.1.4 Arbeit und Ausbildung als zentrales Moment

Das Suchen bzw. Finden einer Arbeitsoder einer Ausbildungsstelle stellt sich als derzeit drängendste Angelegenheit in Nazims Leben dar. Bereits bei der Kontaktaufnahme erwähnte der Befragte sofort, dass er zurzeit sehr viel „Stress“ habe, weil er einen Ausbildungsplatz suchen muss. Mit dem Erhalt einer Ausbildung bzw. einer Arbeitsstelle würde Nazim der angedrohten Abschiebung entkommen können und hofft damit langfristig auf eine Aufenthaltserlaubnis (vgl. Z. 159f.). Es wird deutlich, dass der Befragte lieber eine Ausbildung beginnen, gegebenenfalls aber auch direkt zu arbeiten anfangen würde (vgl. Z. 162ff.). Er merkt an, dass es schwierig ist, einen Ausbildungsplatz zu finden, wenn man den ArbeitgeberInnen nur eine Duldung für jeweils drei Monate vorweisen kann (vgl. Z. 155), womit die Einschränkungen und der Einfluss einer Duldung auf aktive Bemühungen des Befragten bei der Suche nach einer Arbeit deutlich werden. Neben der Möglichkeit, in Deutschland bleiben zu können, erfüllt eine Arbeit bzw. eine Ausbildung weitere Funktionen für den Befragten: So geht Nazim davon aus, dass er mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung eine Arbeit findet und damit nicht mehr abhängig von seinem Vater ist (vgl. Z. 159). Zusätzlich würde er dessen Erwartung an einen Sohn, der nicht jeden Tag zuhause ist, sondern wie andere „Leute“ (Z. 185) arbeiten geht, erfüllen. Neben einer, vor allem finanziellen, Unabhängigkeit, der Erfüllung der väterlichen Erwartung und dem Erhalt eines Passes ist auch die Möglichkeit zur Familiengründung mit einer Arbeitsoder Ausbildungsstelle verknüpft. Nazim erzählt vom Brautpreis in Höhe von 15 000 Euro, den der Vater seiner ehemaligen Freundin von seiner Familie forderte (vgl. 195ff.). Da Nazims Familie diesen nicht bezahlen kann, hat er sich von seiner Freundin getrennt und will erst, wenn er einen sicheren Aufenthalt und vor allem Arbeit und damit Geld hat, eine Frau „finden“ (Z .212f). Mit Nazims Erwähnung, dass „Wenn das passt und dann .. alles gut“ (Z. 380) wird ersichtlich, wieviel sich bei ihm um die Frage nach einer Arbeit bzw. einer Ausbildung zentriert. Nazim hofft, wenn er eine Ausbildung macht, „dass man mein Lieben [Leben] zu werden besser.“ (Z. 163ff.). Eine Ausbildung respektive Arbeit vergrößert in der Wahrnehmung des Befragten dessen Handlungsspielraum sowie Einflussmöglichkeiten auf unterschiedliche Bereiche seines Lebens immens.

 
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