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7 Handlungsfähigkeit von geduldeten Flüchtlingen: Zentrale Dimensionen

Im Folgenden werden drei relevante Dimensionen, die im Zusammenhang mit Handlungsfähigkeit in allen fünf Interviews herausgearbeitet wurden, ausgeführt. Dabei findet anhand der Anordnung der Dimensionen bereits eine Abstufung hinsichtlich der Möglichkeit für kreative Handlungsfähigkeit statt, wobei sich bezüglich der Dimension „Soziale Beziehungen“ im Gegensatz zur „Wohnsituation“ in allen betrachteten Interviews eine erweiterte Möglichkeit für Handlungsfähigkeit feststellen lässt. Da drei der fünf Interviews lediglich in diesem Vergleich in die Arbeit einfließen, wird auf diese explizit mit Beispielen verwiesen. Damit wird die Varianz, die sich innerhalb der fünf Interviews in Bezug auf die Dimensionen herauskristallisiert, erkenntlich gemacht.

7.1 Soziale Beziehungen

Soziale Kontakte und Beziehungen werden von allen Befragten thematisiert und erfüllen unterschiedliche Funktionen bei der Herstellung und hinsichtlich der Ausprägung von Handlungsfähigkeit. Vor allem in der ersten Zeit nach der Ankunft in Deutschland, die von Erfahrungen der Fremdheit geprägt ist, wirken soziale Kontakte als unterstützende Hilfe (vgl. Interview Raza Z. 23; Interview Nazim Z. 7; Interview Shaikh Z. 57f.). Die neue und unbekannte Situation impliziert den Verlust oder die Verringerung einer Erwartungssicherheit bezüglich Handlungen der Mitmenschen, mit denen zudem oftmals aufgrund einer fehlenden gemeinsamen Sprache nicht kommuniziert werden kann sowie gegenüber Konsequenzen eigener Handlungen, welche in einem neuen und unbekannten Kontext ausgeführt werden (vgl. Interview Raza Z. 17f.; vgl. auch „expectation maintenance“ bei Emirbayer/Mische 1998: 980). Das Kennenlernen von Freunden und Bekannten kann helfen, einen Teil dieser Erwartungssicherheit wieder zu erlangen, vor allem aber dem Gefühl der Fremdheit und der Einsamkeit entgegenzuwirken. Die Befragten sind sich ihrer anfänglichen Angewiesenheit auf Hilfe und der damit verbundenen Stärkung bzw. Wiederherstellung von Handlungsfähigkeit durch unterstützende Dritte bewusst und erwähnen diese explizit (vgl. Interview Raza Z. 24; Interview Shaikh Z. 57). Dies kann in Form von beruhigenden Ratschlägen in Situationen der Verzweiflung, aber auch in Form praktischer Unterstützung bei der Bewältigung des Alltages oder dem Sprachenerwerb sein. Dabei lässt sich eine unterschiedliche Herangehensweise erkennen: Shaikh nutzt Kontakte aktiv, um mit den Personen Deutsch zu sprechen und damit seine Sprachkenntnisse zu verbessern (vgl. Interview Shaikh Z. 67). Raza genießt vor allem die Gemeinschaft mit anderen Personen aus seinem Heimatland (vgl. Interview Raza Z. 202ff.) und Nazim findet in einem Freund aus der Schule einen „Bruderersatz“ (vgl. Interview Nazim Z. 345).

Eine wichtige Rolle spielen soziale Beziehungen ebenso bei der Möglichkeit, ein Hobby auszuüben. So betreiben Raza und Arash Sport mit Freunden, Nazim und Fadil spielen mit anderen Romas in einer Band. Vor allem in der erzählerischen Darstellung der Personen, in der sich verstärkt Subjektbezüge und positiv assoziierte Wörter finden, lässt sich erkennen, dass der Bereich der Freizeitgestaltung und der Ausübung eines Hobbies ein Ort ist, an welchem sich die Personen als aktiv Handelnde skizzieren lassen. Dabei agieren sie in anderen Lebensbereichen als sehr eingeschränkt und passiv, was die These von Emirbayer und Mische (1998), sich gleichzeitig in unterschiedlichen Kontexten zu befinden, bestätigt. Bei genauerer Betrachtung der Hobbies und Freizeitbeschäftigungen kristallisiert sich ein habitueller, an die Vergangenheit orientierter Aspekt, heraus. Die Personen üben oft den Sport, den sie bereits in ihrem Herkunftsland betrieben haben, aus oder sind auch nach der Flucht weiterhin im künstlerischen Bereich tätig (vgl. Interview Raza Z. 234; Interview Nazim Z. 272; Interview Fadil Z. 96ff.). Gleichzeitig lässt sich jedoch ebenso eine Orientierung an die Zukunft erkennen, indem Befragte in ihrem Hobby Ambitionen für zukünftige Projekte formulieren (vgl. Nazims Wunsch, beim Tanzen immer besser zu werden bzw. seine SchülerInnen besser zu trainieren). Um den „Dreiklang“ zu vervollständigen, bleibt die Identifizierung des gegenwartsbezogenen Aspekts, welcher sich dadurch ausdrückt, dass mithilfe der Freizeitbeschäftigung, Normalität in der oft vorherrschenden Abnormalität geschaffen wird (indem „ganz normale“ Aktivitäten wie ein Treffen mit Freunden in der Stadt, unternommen werden), Ablenkung und Abwechslung vom Alltag erreicht wird und dadurch schwierige Zeiten erträglicher gestaltet werden (vgl. Interview Raza Z. 202ff., Interview Nazim Z.333ff.; Interview Arash Z. 109). Nehmen sich die Personen in einem Bereich, sei es in der Freizeit oder bei der Bewältigung des Alltages, handlungsfähiger und kompetenter als andere Personen bzw. Freunde wahr, wird die Situation genutzt, um durch die Unterstützung, Anleitung und Hilfe der anderen Personen sein eigenes Selbstvertrauen zu stärken und seine eigene Handlungsfähigkeit zu reflektieren und damit gegebenenfalls, zumindest in diesem Bereich, zu vergrößern (vgl. Interview Raza Z. 448; Interview Nazim Z.300; Interview Fadil Z. 142ff.).

In vielen Fällen sind die in Deutschland erworbenen neuen Freundschaften und Bekanntschaften mit Personen aus dem gleichen Herkunftsland. Dies ist einerseits darauf zurückzuführen, dass der Kontakt zu Deutschen vor allem während dem Wohnen in einer Gemeinschaftsunterkunft oft kaum möglich ist und damit selten besteht (vgl. Interview Raza Z. 221; Interview Arash Z. 118). Andererseits kann mit Personen, die aus dem gleichen Land kommen, schneller ein Gefühl von Zugehörigkeit und Gemeinschaft hergestellt werden, da vor allem die gemeinsame Sprache, aber auch ähnliche Geschichten und Hintergründe, das gegenseitige Verständnis erhöhen können (vgl. Interview Raza Z. 230ff.; Interview Shaikh Z. 70; Interview Nazim Z. 56, 343).

Es zeigt sich, dass im Freizeitkontext, der Hobbyausübung und der sozialen Kontakte, die Personen, handlungsfähiger als in anderen Bereichen erscheinen. Es lassen sich jedoch auch hier unterschiedliche Ausprägungen in Form von aktiven Prozessen der Nutzung von Kontakten zur (Wieder-)Herstellung von Handlungsfähigkeit (vgl. Interview Shaikh Z. 73) genauso wie passives Abwarten auf neuankommende potentielle Freunde (vgl. Interview Raza Z. 227) erkennen. Dabei ist zu bemerken, dass dieser Bereich nur indirekt, wie in Form von mangelnden finanziellen Mittel, der Art der Unterbringung und der stets zu berücksichtigenden dauerhaften Unsicherheit, von einschränkenden Regelungen und aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen betroffen sind. Damit stellt dieser Kontext eine günstige Umgebung dar, in der Entscheidungen getroffen, eigene Interessen verfolgt und damit Einfluss auf die Situation genommen werden kann.

 
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