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7.3 Wohnsituation

Das Wohnen und Leben in einer Gemeinschaftsunterkunft stellt einen Kontext dar, in welchem die Befragten die einschränkenden Strukturen, die sich aus ihrer aufenthaltsrechtlichen Situation ergeben, deutlich wahrnehmen und deren Veränderung und Beeinflussung durch die Personen kaum möglich zu sein scheint. In einer Umgebung, die geprägt von dauernden Konflikten ist, die sich aus dem Zusammenleben mit unterschiedlichen Personen auf engstem Raum ergeben, und massiver Einschränkungen der Privatsphäre und der Erfüllung der Grundbedürfnisse nach Ruhe, Schlaf und Gesundheit, lässt sich kaum Handlungsfähigkeit, die über die Bewältigung des Alltages hinausgeht, ausmachen. Vielmehr lässt sich ein Bild von Personen zeichnen, welche sich dieser Situation ausgeliefert fühlen und deren Handlungsfähigkeit sowohl durch tatsächliche Beschränkungen in der Unterkunft als auch damit verbundenen psychischen Belastungen außerordentlich begrenzt ist. Dabei haben die Einschränkungen Auswirkungen auf weitere Bereiche des Lebens, wie z.B. die Schwierigkeit, sich in seinem Zuhause aufgrund des Lärmes dem Spracherwerb zu widmen und einem damit verbundenen Schulabbruch (vgl. Interview Arash Z. 33), Freundschaften mit Personen die nicht in der Gemeinschaftsunterkunft wohnen zu schließen (vgl. Interview Arash Z. 118; Interviewprotokoll Nazim) sowie ausgeschlafen und damit leistungsfähig an seinem Arbeitsplatz zu erscheinen (vgl. Interview Raza Z. 116f.). Somit lässt sich eine Beschränkung erkennen, die es schwierig macht, Maßnahmen zu ergreifen und Ressourcen zu nutzen, um zukünftige Handlungsfähigkeit wiederherzustellen bzw. zu erlangen.

Es lassen sich unterschiedliche Abstufungen des Erlebens von Ohnmacht und Passivität erkennen. Ein entscheidender Grund scheint hierbei die Zusammensetzung der direkten Nachbarschaft bzw. MitbewohnerInnen in den Zimmern zu sein. Die restriktiven Bedingungen lassen sich besser und mit einer positiveren Grundeinstellung ertragen, wenn man sich mit den einen unmittelbar umgebenden Personen versteht und damit die Anzahl und das Ausmaß der ständigen Konflikte minimieren kann (vgl. Interview Raza Z. 198ff.; Interview Shaikh Z. 113; Interview Arash Z. 152ff.; Interview Fadil Z. 5f.; Interviewprotokoll Nazim).

Als einzige Möglichkeit, sich diesen „krankmachenden“ Strukturen (vgl. Interview Raza Z. 146) zu entziehen, stellen sich, sobald rechtlich möglich, der Auszug aus der Unterkunft und der Umzug in eine eigene Wohnung dar. Der Versuch, sich aus diesen übermächtigen und auf alle Lebensbereiche tangierenden Strukturen zu „befreien“, ist ein Versuch der Herstellung einer Situation, in der Handlungsfähigkeit überhaupt erst wieder möglich zu sein scheint. Dieser Versuch scheitert dabei jedoch häufig ebenso an den vorzufindenden strukturellen Gegebenheiten bzw. aufgrund einzelner Charakteristika ihrer aufenthaltsrechtlichen Situation, welche die Befragten auf dem freien Wohnungsmarkt antreffen (vgl. Interview Arash Z. 49f.; Interview Shaikh Z. 131). Dort minimiert die Unvorhersehbarkeit ihres Aufenthaltes die Möglichkeit, eine Wohnung mieten zu können, wodurch sich ein Gefühl der Benachteiligung gegenüber Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit bzw. sicherem Aufenthaltsstatus einstellt.

Es findet sich jedoch auch ein pragmatisches Verhältnis zum Wohnen in einer Gemeinschaftsunterkunft, durch welches Geld gespart werden kann (vgl. Interview Raza Z. 148ff.) oder man mit neuangekommenen Familienmitgliedern zusammen sein kann: So ist Shaikh nach der Ankunft seines Bruders aus seiner Privatwohnung wieder zurück in Wohnheim A gezogen. Jedoch wird auch in diesen Fällen das Wohnen in einer Gemeinschaftsunterkunft nur als vorübergehende Option und der Umzug in eine eigene Wohnung als langfristige Perspektive gesehen (vgl. Interview Shaikh Z. 131).

Es lässt sich resümieren, dass das Leben in einer Gemeinschaftsunterkunft eine Umgebung darstellt, in der es schwierig ist, die Strukturen zu verändern bzw. zu überwinden. Die Befragten arrangieren sich in unterschiedlicher Weise mit der Situation. Das Ziel aller ist jedoch der Auszug aus der Gemeinschaftsunterkunft und damit der Möglichkeit auf (Lebens-)Bedingungen, in welcher sie nicht zusätzlich mir Problemen anderer konfrontiert sind (vgl. Interview Arash Z. 154) und sich ein Leben in Deutschland mit einer längerfristigen Perspektive aufbauen können (vgl. Interview Arash Z. 33, Interview Nazim Z. 364ff.).

 
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