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8 Diskussion der Ergebnisse

Ziel der vorliegenden Arbeit war es, den Forschungsgegenstand „geduldete Flüchtlinge“ unter einem anderen Blickwinkel zu betrachten, um damit Aussagen über die spezifisch ausgeprägte Handlungsfähigkeit dieser zu treffen und dabei einen Beitrag zur Klärung der Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Struktur zu leisten.

Gezeigt werden konnte das Bild von jungen Männern, welche in manchen Bereichen zwar von den übermächtigen Strukturen ihrer aufenthaltsrechtlichen Situation beherrscht sind, dabei jedoch nicht als passive Objekte angesehen werden dürfen. Es zeigten sich vielmehr unterschiedliche Strategien und Praktiken der Befragten, sich partiell und zeitenweise der „Entfremdungsmacht der sozialen Strukturen“ (Seukwa 2010: 6) zu entziehen. Dabei konnten unterschiedliche Formen von Handlungsfähigkeit identifiziert werden. So beschränkt sich bei Nazim etwa die faktische Handlungsfähigkeit auf die Bewältigung des Alltages, der sich beim Besitz einer Duldung vor allem um existentielle Fragen wie eine eigenständige Sicherung des Lebensunterhalts, dreht. Nichtsdestotrotz lassen sich auch bei diesem entworfene Zukunftspläne feststellen, deren Realisierung mit erweiterten Handlungsoptionen verbunden ist. Diese können jedoch aufgrund der tatsächlichen Strukturen und Kontexte (noch) nicht oder nur teilweise umgesetzt werden. Gleichzeitig zeigen sich bei Raza Formen von Handlungsfähigkeit, welche nicht die direkte Fähigkeit zur kreativen Handlung meint, sondern durch Unterstützungsprozesse oder Inanspruchnahme von Hilfeleistungen auf eine in der Zukunft gesteigerte Handlungsfähigkeit abzielt. Es lässt sich erkennen, dass Handlungsfähigkeit eben nicht mit Handlung gleichgesetzt werden kann und darf, sondern die Fähigkeit meint, innerhalb gegebener Strukturen Wege und Möglichkeiten zu finden, diese zu verändern und damit seine Beziehung zu dieser zu verändern. Inwiefern dies in die Tat umgesetzt werden kann und damit eine faktisch gesteigerte Handlungsfähigkeit erlangt wird, hängt einerseits von dem Ausmaß der strukturellen Beschränkungen und andererseits von den zeitlich-relationalen individuellen Handlungsdispositionen ab.

Im Rahmen der Untersuchung konnten soziale Strukturen und Prozesse untersucht werden, innerhalb derer Individuen kontextabhängige Identitäten und Handlungsfähigkeit hervorbringen (vgl. Scherr 2013: 236). Dabei wurde in einem Vergleich der fünf Interviews vor allem die Dimension der Arbeit, der sozialen Beziehungen sowie der Wohnsituation herausgearbeitet, innerhalb derer sich unterschiedliche Motive und Absichten sowie ein unterschiedliches Ausmaß an Handlungsfähigkeit der Befragten erkennen lässt. Dabei konnte die Verschränkung von Individuum und Strukturen aufgezeigt werden: Erstere können weder als vollständig determiniert von letzteren noch als vollständig losgelöst von diesen betrachtet werden. Mithilfe einer zeitlichen Betrachtung und Konzipierung von Handlungsfähigkeit ließ sich auch im Rahmen der Untersuchung ein Dualismus auflösen, indem gezeigt werden konnte, dass Individuen sich in unterschiedlichen zeitlichrelationalen Kontexten befinden und dabei in unterschiedlicher Art und Weise von den Strukturen beeinflusst werden, diese jedoch aufgrund von ebenfalls veränderbaren Handlungsdispositionen ebenso verändern können. Vor allem bei der Betrachtung der Erzählung von Raza lässt sich die Feststellung, dass Strukturen auch ermöglichend sein können, bekräftigen. Handlungsfähigkeit kann somit wie bei Scherr (2013) zu finden als ein „Gemengenlage von sozial bedingten Handlungsdispositionen und kreativer Handlungsfähigkeit“ (ebd.: 236) entwerfen werden. Weiter konnte mithilfe der Analyse gezeigt werden, dass Handlungsentscheidungen sowohl von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft geprägt sind und sich damit die Reflexivität und Kreativität derer verändert. Zudem konnten wichtige Ressourcen zur Herstellung von Handlungsfähigkeit innerhalb der Erzählungen erarbeitet werden. Dabei sind vor allem ausreichende Sprachkenntnisse zu nennen. Aufgrund der Duldung gestaltet sich der Zugang zu dieser Ressource für die Befragten oft schwierig, was eine erhebliche Einschränkung des Handlungsspielraumes mit sich bringt. Können Sprachkenntnisse erworben werden, vergrößert sich die Handlungsfähigkeit der Befragten. Weitere identifizierte Ressourcen sind unterschiedliche Möglichkeiten zur Herstellung von Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, wobei Arbeit eine zentrale Rolle spielt. Vor allem in der Zeit nach der Ankunft stellen soziale Kontakte eine wichtige Ressource für die Befragten dar, sich in Deutschland zurechtzufinden und handlungsfähig zu werden.

Die hier getroffenen Aussagen im Rahmen der empirischen Ergebnisse müssen mit einigen methodischen Anmerkungen und Einschränkungen versehen werden. Aufgrund der geringen Fallanzahl, welche sich wie unter 5.3.3 aufgeführt, unter anderem aus dem erschwerten Zugang zum Feld ergibt, sind die Ergebnisse als erste Erkenntnisse in einem weiter zu erforschenden Bereich anzusehen. Um zu einer theoretischen Sättigung zu gelangen und infolge dessen eine sinnvolle Kategorisierung von Ergebnissen in Form von theoretischen Modellen oder einer Typologie vorzunehmen, ist eine Vielzahl an weiteren Fällen zu erheben und zu analysieren.

Das Sampling der Arbeit birgt die Gefahr eines Bias, der hier knapp thematisiert werden soll. So werden durch die Tatsache, dass nur Personen mit ausreichenden Deutschkenntnissen befragt wurden, wichtige Personen vom Sampling ausgeschlossen. Wie bei den einzelnen Interviews deutlich wird, spielt Sprache eine zentrale Rolle zur Herstellung von Handlungsfähigkeit bzw. beim Erleben von Ohnmacht. Somit fehlen in dieser Arbeit Einsichten in das Leben von geduldeten Flüchtlingen ohne diese sprachlichen Kenntnisse und daraus folgenden Problemlagen.

Der Kontakt zu den Befragten wurde wie oben nachgezeichnet über deutsche Bekannte der Autorin, welche die Interviewten entweder aus der Freizeit oder aufgrund von Arbeitsverhältnissen bzw. sozialen Angeboten, kennen, hergestellt. [1] Dies impliziert, dass die Befragten diesen Personen bekannt sind, was die Gefahr birgt, damit nur Personen zu erreichen, die bereits zu einem gewissen Grad in die deutsche Gesellschaft integriert sind und Kontakt mit und zu deutschen Personen haben. [2] Diese Tatsache würde bedeuten, dass Personen, die eher zurückgezogen und ohne viel Kontakt zur restlichen Gesellschaft leben, keinen Eingang ins Sampling finden und damit ein verzerrtes Bild von Handlungsfähigkeit von geduldeten Flüchtlingen wiedergegeben wird. [3]

Die Interviewsituation betreffend bleibt anzumerken, dass ein offensichtlich eher gering ausgeprägtes Vertrauensverhältnis zwischen der Autorin und den Befragten, was sich zumeist auf die kurze Dauer der Bekanntschaft zurückführen lässt, Einfluss auf den erhaltenen, teils eher geringen und oberflächlichen, Informationsgehalt hatte. Andererseits kann es auch als Vorteil gesehen werden, wenn Interviewerin und Befragte keine zu große Verbindung miteinander haben, da dies eventuelle Selbstdarstellungstendenzen seitens der Befragten verstärken kann (vgl. Bender et al. 2013: 269). Die begrenzten Informationen im Rahmen der Interviews haben zur Folge, dass an manchen Stellen interpretative Vermutungen nicht durch weiterführende Informationen der Befragten gestützt werden konnten und deshalb aufgrund der Gefahr von „Überinterpretation“ davon abgesehen wurde, diese Vermutungen weiter zu verfolgen. Generell ist dies jedoch keine Kritik an der Verwendung des narrativen Interviews, welches sich als Erhebungsform bezüglich des Forschungsinteresses sehr gut eignet. Wie in der Arbeit ersichtlich wurde, kann damit der Zeitlichkeit des Agency-Konzeptes Rechnung getragen werden und Raum für die „Subjektivierung von Handlungsfähigkeit“ (Bender et al. 2013: 264) geschaffen werden.

Fuchs-Heinritz (2009) spricht zusätzlich drei Gründe auf Seiten der Befragten an, weshalb narrative Interviews nicht in ihrer idealtypischen Form zustande kommen können. [4] Er spricht von Personen, welche eine Auffassung von sich selbst als eine starke und selbstbestimmte Persönlichkeit haben. Eine tiefergehende Erzählung ihrer Lebensgeschichte oder Teile davon könnten zum Zusammenbrechen dieses eventuell konstruierten Selbstbildes führen und verdrängte Problemlagen sichtbar werden lassen (vgl. ebd.: 311). Zweitens erwähnt er Personen, welche aufgrund von externen Einflüssen oder langjährigen Aufenthalten in totalen Institutionen eingeschränkt in ihrer selbstständigen Lebenspraxis sind und damit eine beschränkte Erzählbarkeit der persönlichen Lebensgeschichte vorzufinden ist. Schließlich sind Prozesse und Ereignisse auf Seiten der Befragten zu beachten, durch welche deren Lebensgestaltung gewaltsam unterbrochen und gefährdet worden ist. Dadurch ist eine (Re-)Konstruktion der erlebten Geschichte oft zu schmerzhaft oder aufgrund der traumatischen Erlebnisse kaum möglich (vgl. ebd.). Diese Einwände sind hinsichtlich der Befragten von hoher Relevanz. So wurde beispielsweise bei Shaikh das Motiv „Das Beste aus der Situation machen und sich dabei auf die eigenen Kompetenzen konzentrieren“ als Umgang mit der vorzufindenden oft problematischen Situation, identifiziert. Um beurteilen zu können, inwieweit dabei Ängste und Nöte verdrängt werden, ist das vorhandene Datenmaterial nicht ausreichend, jedoch kann es wie bei Fuchs-Heinritz (2009) erläutert zur Ausgestaltung der Erzählung beitragen. Vor diesen genannten Hintergründen ist es verständlich, dass die Befragten der Autorin, zu welcher sie kein enges Vertrauensverhältnis haben, nicht alle Zweifel anvertrauen bzw. aufgrund der geforderten Erzählung (verdrängte) Problemlagen ansprechen. [5] Gleichzeitig sind geduldete Flüchtlinge einer hohen Fremdbestimmung ausgesetzt, wodurch sich zu einem Teil die vielen beschreibenden Passagen erklären lassen, welche nicht den Befragten, sondern oft äußere Umstände, zum Erzählgegenstand haben. Die Untersuchung kann und muss in dem begrenzten Rahmen vorrangig als deskriptiv betrachtet werden. Aufgrund des Forschungsbedarfs im Bereich Handlungsfähigkeit von geduldeten Flüchtlingen stellt dies jedoch eine sinnvolle erste Arbeit dar. Es wurde versucht, mit dem Agency-Konzept unterschiedliche Ausprägungen von Handlungsfähigkeit in, auf den ersten Blick, sehr einschränkenden Strukturen, zu identifizieren. Dies fand in enger Verknüpfung mit dem AgencyKonzept statt. Ein weiterer Schritt in der Forschung, welche sich auf die Fähigkeiten anstatt der Defizite der Personen konzentriert, ist eine vertiefte Klärung der Gründe für die unterschiedlichen Ausprägungen und dem Auftreten von Handlungsfähigkeit. Dabei muss das Wechselund Zusammenspiel von individueller Selbstbestimmung und sozialen Strukturen weiter betrachtet werden, um nicht, in der Tradition von deterministischen Sozialtheorien bzw. individualistischen Subjekttheorien, vorschnell einschränkende Strukturen bzw. das Verschulden der „autonome[n] Subjekte“ (Scherr 2013: 241) für begrenzte Handlungsfähigkeit verantwortlich zu machen.

Es müssen die ansatzweise erarbeiteten Dimensionen genauer auf ihre Funktion untersucht werden und Differenzen zwischen den Befragten analysiert werden. Dies kann unter anderem mithilfe der Auswahl der InterviewpartnerInnen geschehen. So ist es beispielsweise interessant und notwendig, auch Personen mit einer Duldung heranzuziehen, welche im Gegensatz zu den hier Befragten in ihrem Herkunftsland bereits eine Ausbildung absolvierten bzw. in einem Beruf arbeiteten. Damit verbunden ist ein auf den ersten Blick noch stärkerer sozialer Abstieg in Deutschland, der sich nicht nur auf den Flüchtlingsstatus mit eingeschränkten Rechten, sondern auch auf die gewohnte Ausübung eines Berufes und der Teilhabe am Arbeitsmarkt bezieht. Weiter müssen in das Sampling Personen aufgenommen werden, welche beispielsweise als Familienvater neben der Verantwortung für das eigene Leben und dessen Gelingen konkret Verantwortung für andere Personen, respektive Familienmitglieder, tragen. Auch bezüglich der Wohnsituation gilt es, eine heterogenere Zusammensetzung des Samples herzustellen, um unterschiedliche Ausprägungen von Handlungsfähigkeit in diesem Zusammenhang zu erarbeiten. Natürlich sind auch Frauen in das Sample aufzunehmen, um potentielle Unterschiede in der Handlungsfähigkeit zwischen den Geschlechtern zu erkennen.

Die vorliegende Arbeit ist auf der Mikroebene anzusiedeln, da sie sich intensiv mit der Lebensgeschichte bzw. einem Ausschnitt derer, von geduldeten Flüchtlingen, beschäftigt. Zur Herausarbeitung von Handlungsfähigkeit werden individuelle Handlungsdispositionen und soziale Situierungen betrachtet. In Verbindung mit einer Makroebene erscheint es als erkenntnisreich, den möglichen Einfluss der Herkunftsländer und darin zu findende Unterschiede, zu untersuchen. Dabei kann beispielsweise untersucht werden, welchen Einfluss das Leben in einer Diktatur, welche von Fremdbestimmung und fehlenden Rechten gekennzeichnet ist, auf die (längerfristige) Handlungsfähigkeit der Individuen hat. Ebenso können dabei Personen aus Herkunftsländern, in denen Bürgerkrieg herrscht, befragt werden oder Personen, welche aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit jahrelanger massiver Diskriminierungen ausgesetzt waren. In diesem Zusammenhang ist es hilfreich und sinnvoll, die Befragung innerhalb des narrativen Interviews nicht nur auf die Zeit in Deutschland zu beschränken, sondern auszuweiten auf die gesamte Lebensgeschichte. Damit kann verstärkt auf die Handlungsfähigkeit bzw. vor allem die wahrgenommene Handlungsfähigkeit im Zeitverlauf, Bezug genommen werden.

  • [1] Der Kontakt zu Shaikh wurde wie beschrieben durch den bereits befragten Raza hergestellt. Das sogenannte „Schneeballverfahren“ (Przyborski/Wohlrab-Sahr 2010: 180) zeichnet sich durch die Verweisung von InterviewpartnerInnen auf potentielle weitere InterviewpartnerInnen aus. Innerhalb des Verfahrens ist kritisch zu bemerken, dass man sich dadurch im „Kontext bestimmter Netzwerke“ (ebd.) bewegt und dass die InterviewpartnerInnen sich möglicherweise über die Interviews austauschen und damit Erzählbereitschaft und –richtung beeinflussen (vgl. ebd.). Das Schneeballverfahren sollte somit nicht als einziges Verfahren verwendet werden; stellte sich aber in diesem Fall aufgrund des Zuganges zum Feld als sehr hilfreich dar.
  • [2] Nazim und Fadil beispielsweise sind den im Wohnheim B arbeitenden Sozialpädagoginnen durch ihr musikalisches Engagement im Rahmen des Romabüros von Stadt B bekannt.
  • [3] Da diese Arbeit keine theoretische Repräsentativität beansprucht, stellen sich die erwähnten Punkte zunächst nicht als problematisch dar.
  • [4] Im Zuge einer methodischen Reflexion hinsichtlich der Interviewführung muss dabei erwähnt werden, dass die Autorin nicht sehr vertraut in der praktischen Umsetzung von narrativen Interviews ist und aufgrund dessen, entgegen der Theorie zum narrativen Interview, an manchen Stellen ungewollt Suggestivfragen gestellt wurden oder Nachfragen, die nicht an Erzähltes anknüpften, sondern neue Themen einführten. Dies wurde jedoch bei der Auswertung der Interviews mitberücksichtigt (vgl. 5.4).
  • [5] Ein anschauliches Beispiel hierfür liefert das durchgeführte Interview mit Arash. Die Autorin wusste bereits im Vorfeld, dass der Befragte als traumatisiert gilt, sich nach einem versuchten Suizid in psychologischer Behandlung befindet und sehr introvertiert ist. Beim Interview selbst war die Person, durch die der Kontakt hergestellt wurde und die Arash im Rahmen eines Patenschaftsprojektes bereits seit 1,5 Jahren begleitet, anwesend, da Arash dies wünschte. Obwohl der Befragte schon vor dem Termin mehrmals die Gesprächsbereitschaft zusicherte und auch mit dem Interviewverfahren vertraut gemacht wurde, konnte keine wirkliche Erzählung seinerseits generiert werden. In einem nachfolgenden Gespräch mit dem Paten wurde nochmal klar, dass der Befragte selbst dieser Person erst nach ungefähr 1,5 Jahren einige wenige persönliche Dinge anvertraute und dieser die Gesprächsbereitschaft innerhalb des Interviews als bereits sehr hoch für den Befragten einschätzte.
 
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