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9 Fazit

Die Beantwortung der Forschungsfrage, wie und in welcher Form geduldete Flüchtlinge in Deutschland unter den gegebenen Strukturen handlungsfähig sind, wurde in dieser Arbeit anhand von fünf Flüchtlingen aus drei verschiedenen Herkunftsländern exemplarisch unternommen. Die bereits diskutierten Ergebnisse zeigen die Bedeutung und die Notwendigkeit auf, den oft einseitigen Blick von den ungünstigen Bedingungen hin zu dessen Verschränkung mit dem Individuum und dessen Bemühungen, zu lenken. Damit entsteht, außerhalb eines Opferdiskurses, ein differenziertes Bild von Personen, deren Lebensrealität man weder durch die Darstellung ihrer riskanten Fluchtwege und den in den Herkunftsländern zurückgelassenen Grausamkeiten, noch durch eine alleinige Aufzählung der lebenswidrigen Umstände, gerecht wird. Wie sowohl die Erzählungen der Befragten als auch die gegenwärtige politische Situation zeigen, ist Duldung für viele Personen kein kurzfristiger vorübergehender Status, sondern oft jahrelange Wirklichkeit. Es gilt deshalb, diese von der Asylund Integrationspolitik diskriminierten Personen verstärkt zu betrachten und zu untersuchen, um daraus angemessene Hilfsangebote und notwendige politische Veränderungen abzuleiten. Dabei ist es essentiell, den einzelnen Personen innerhalb der heterogenen, aber trotzdem oftmals als eins wahrgenommenen Gruppe der Flüchtlinge, ein Gesicht zu geben und Einzelschicksale aufzuzeigen. Hierbei wird offensichtlich, dass die Personen viel mehr als „Geflohene“ sind, die in vollbesetzten Booten in Europa Schutz suchen und in überbelegten Unterkünften die deutsche Verwaltung herausfordern. Mithilfe angemessener Herangehensweisen und Theorien, wie etwa des Agency-Konzeptes, kann gezeigt werden, wie die einzelnen Personen versuchen, Einfluss auf ihre Situation zu nehmen, Strukturen zu verändern, zu ihren Gunsten zu nutzen oder zu umgehen und ihnen damit nicht völlig ausgeliefert zu sein. Es können Personen gezeigt werden, die Talente und Fähigkeiten besitzen und (ganz normale) Zukunftspläne haben. Die Herausforderung und Aufgabe der Politik und der Gesellschaft ist es, diesen Personen auf einer Augenhöhe zu begegnen, dabei Unterstützungsbedarf zu erkennen und diesem nachzukommen. Flüchtlinge brauchen Unterstützungsangebote, welche ihre Selbstverantwortung stärken, vor allem aber brauchen sie die dazugehörigen Bedingungen, unter denen sie ihre vorhandenen und kreativen Kompetenzen und Fähigkeiten gewinnbringend einsetzen können und somit Teil unserer Gesellschaft werden können, der nicht abgeschottet in Gemeinschaftsunterkünften und abhängig von Sozialleistungen lebt. Denn wie die Interviews gezeigt haben, fehlt es den Personen nicht am Willen oder an Ideen, sich in Deutschland ein Leben aufzubauen. Vielmehr wurde offensichtlich, dass diese im Zusammenspiel mit den rechtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen, oftmals nicht oder nicht in gewünschtem Maße realisiert werden können weil die Personen zu viel Zeit und Energie für die alltägliche Bewältigung ihres herausfordernden Alltages aufwenden müssen. Es müssen somit Bedingungen geschafft werden, die, im Gegensatz zur jetzigen Praxis, den Personen von Anfang an mehr Mitbestimmung und Selbstständigkeit zugestehen – sei es was die Art der Unterkunft als auch die Suche nach einer Arbeit und damit einer Verantwortung für das eigene Leben, angeht. Die betroffenen Personen müssen realistische Chancen auf eine Integration vorfinden und dürfen nicht aufgrund der Ablehnung ihres Asylgesuchs diskriminiert und nach den Erfahrungen in ihren Herkunftsländern erneut zu Leidtragenden der Umstände werden (vgl. Seukwa 2010: 3). Die derzeitige Politik, von Kritikern als „Anti-Flüchtlingspolitik“ (Prantl 2014b) bezeichnet, darf nicht durch die Verteilung von Duldungen Personen jahrelang den Zugang zu einem menschenwürdigen Leben, angefangen bei den Grundbedürfnissen nach Sicherheit, Gesundheit und Privatsphäre, verwehren. Es müssen politische und öffentliche Debatten geführt werden, welche die dauerhafte Anwesenheit der Personen und daraus folgende Aufgaben für Politik und Gesellschaft und nicht ihre schnellstmögliche Zurückweisung zum Gegenstand haben. Dabei muss eine soziale Anerkennung der Personen als gleichberechtigte Gesellschaftsmitglieder angestrebt werden. Dies fängt bei der Wortwahl „Duldung“, welche eine Anerkennung und Gleichberechtigung bereits im Kern verhindert, an und führt dabei zur konkreten Aufhebung von vielfältigen Ausgrenzungsmechanismen und Beschränkungen, die sich aus einem aufenthaltsrechtlichen Status ergeben.

„Ich geh wieder in Schule, dann ich mach Schulabschluss und weiter Ausbildung“ (Interview Arash, Z. 198f.), damit endet das bereits in der Einleitung zitierte Interview mit Arash aus Afghanistan. Dies ist seine Antwort auf die Frage der Autorin, was er gerne machen würde, wenn er in Deutschland bleiben dürfte. Wie in dieser Arbeit deutlich wurde, ist dies vor allem ein Appell an einen Wandel in der Flüchtlingsund Asylpolitik, welche einen entscheidenden Teil dazu beiträgt, ob Arashs Plan und damit eine bessere Zukunft in Deutschland nur eine hypothetische Vorstellung bleibt oder von ihm realisiert werden kann. Denn, um diese Arbeit mit den Worten von Johann Wolfgang von Goethe zu beschließen: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen" (zitiert nach Holzinger 2013: 104).

 
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