Konstruktives Forschungsinteresse

Da die Ablösung vom zählenden Rechnen eine, wenn nicht die zentrale, Hürde (Häsel-Weide & Nührenbörger, 2013a; Meyerhöfer, 2008) auf dem Weg zu einem verständnisvollen Mathematiklernen ist, sollte eine Prävention der Verfestigung zählender Strategien bzw. Anregungen zur Ablösung vom zählenden Rechnen im Mathematikunterricht angesiedelt sein. Hierzu gilt es aus der Grundlage der herausgestellten zentralen Aspekte Förderbausteine zu entwickeln, die sowohl zählend rechnende Kinder zur Entwicklung alternativer Strategien anregen als auch Kinder auf dem Weg zu einer weiteren Flexibilisierung ihrer Vorgehensweisen und Bewusstwerdung der genutzten Strukturen unterstützen.

Wie die Analysen zur Interaktion und Kooperation im Mathematikunterricht aufgezeigt haben, können die in interaktiven Situationen entstehenden Differenzen in der Deutung mathematischer Zeichen fundamentale Wissensprozesse auflösen. Dabei reicht es nicht aus, die Kinder im Sinne informeller Kooperation zusammen arbeiten zu lassen, sondern die empirischen Erkenntnisse zeigen, dass formale Kooperationsformen förderlich sind, um alle Kinder in die Interaktion einzubinden und so auch leistungsschwächere, zählend rechnende Kinder zu Aktivitäten herauszufordern, mit denen die mathematische Struktur in den Blick genommen werden kann. Aufgrund der guten Erfahrungen des gemeinsamen Lernens im Rahmen des jahrgangsübergreifenden Lernens (Nührenbörger, 2009) und der Herausforderung des Unterrichtens in heterogenen Lerngruppen in Zeiten der Inklusion sollte die Förderung im gesamten Klassenverband durchgeführt werden. Sowohl empirische Befunde als auch pädagogische Überlegungen sprechen dafür, die Deutungsvielfalt in der Klasse und der miteinander kooperierenden Schülerinnen und Schüler zu nutzen, um zählend rechnende Kinder mit alternativen Deutungen zu konfrontieren und auf diese Weise einen produktiven Diskurs anzuregen.

Zusammenfassend ergibt sich die Notwendigkeit, eine Förderung zu konstruieren, die einerseits auf die Zahlund Operationsvorstellungen sowie auf das Rechnen mit Beziehungen den Schwerpunkt legt, um eine Ablösung vom zählenden Rechnen anzuregen. Andererseits sollte sie als unterrichtsintegrierte, kooperativ ausgerichtete Förderung konzipiert werden. Im Sinne der Mathematikdidaktik als Design Science (Wittmann, 1992a, 1995b, 1998) ist ein Kern der Studie die Konstruktion von substantiellen Lernumgebungen mit Elementen kooperativen Lernens auf der Grundlage mathematikdidaktischer Überlegungen zur Ablösung vom zählenden Rechnen.

Zentrale Fragestellung, die bei der Konstruktion der Lernumgebung beantwortet bzw. berücksichtig werden müssen sind:

(1) Wie können Lernumgebungen konstruiert werden, die aus Sicht der Mathematikdidaktik zentralen Kompetenzen (vgl. 2.3.1) bei zählend rechnenden Kindern anzuregen?

(2) Welche Formen formalen kooperativen Lernens können dazu beitragen, dass die zählend rechnenden Kinder zu Deutungen angeregt und Deutungsdifferenzen zwischen kooperierenden Kindern in der Interaktion initiiert werden?

(3) Wie können im Rahmen der unterrichtsintegrierten Förderung die Lernumgebungen so gestaltet werden, dass zählend rechnende Kinder zentrale Kompetenzen erwerben und zugleich weiterführende Ziele für leistungsstärkere Kinder angesprochen werden?

 
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