Rekonstruktives Forschungsinteresse

Wie oben erläutert ist wenig darüber bekannt, wie genau zählend rechnende Kinder mit Angeboten im Mathematikunterricht umgehen, auf welche Weise sie sich in den Lernumgebungen verhalten und welche Deutungen von ihnen in der Interaktion mit anderen Kindern vorgenommen werden. In den theoretischen Ausführungen wurde die Bedeutung des Erkennens und Nutzens von mathematischen Strukturen für die Ablösung im zählenden Rechnen herausgestellt. Es fehlen aber einschlägige Erkenntnisse darüber,

• wie zählend rechnende Kinder Zahlen, Operationen und Muster deuten,

• ob und wie sich diese Deutung im Verlauf einer Förderung mit gezieltem Blick auf Strukturen ändert.

Um auf der einen Seite die Deutungen verfestigt zählend rechnender Kinder noch besser zu verstehen und auf der anderen Seite mögliche Ablöseprozesse auch auf der Mikroebene zu erfassen, ist es von Interesse zu erforschen, inwieweit sich die von zählend rechnenden Kindern vorgenommenen Deutungen von Zahlen auf die Referenzkontexte Zählen bzw. Anzahlen beziehen. Ebenso steht im Fokus, wie Operationen gedeutet werden und mit welchen Strategien diese bearbeitet werden. Das Konstrukt der struktur-fokussierenden Deutung, also einer Deutung, die auf mathematische Strukturen abzielt und nicht im Referenzkontext Zählen angesiedelt ist, soll im Sinne eines abduktiven Prozesses zur Bildung einer Theorie (Brandt & Krummheuer, 2000) über Deutungen bei der Ablösung vom zählenden Rechnen beitragen. Was macht eine strukturfokussierende Deutung für (zählend rechnende) Kinder aus? Welche Strukturen werden fokussiert, welche nicht? Auf welche Weise werden Deutungen vorgenommen, welche Zeichen werden dabei berücksichtigt? Inwiefern verändern sich die Deutungen? Längsschnittlich kann dann über das Konstrukt der Struktur-fokussierung auf der Mirkroebene untersucht werden, inwiefern sich diese Deutungen im Verlauf der Förderung ändern und ob es dazu Anlässe gibt.

Durch die Betrachtung von Interaktionen zwischen den Kindern bei Situationen kooperativen Lernens sowie im Unterrichtsgespräch mit der Klasse können die Deutungen in der Interaktion rekonstruiert werden und es kann untersucht werden, inwiefern die Aushandlungen von Deutungen zu einer Erweiterung der Perspektiven bei den zählend rechnenden Kindern und ihrer Partner führt. Dazu sollte im Sinne der interpretativen Unterrichtsforschung vorgegangen werden (Jungwirth, 2003; Jungwirth, Steinbring, Voigt, & Wollring, 1994; Maier & Beck, 2001), um herauszufinden, welche Bedeutung die zählend rechnenden Kinder mathematischen Zeichen zuschreiben und wie diese Deutungen in der Interaktion ausgehandelt werden (vgl. Kap. 4.2.2). Im Hinblick auf die aufgezeigten Chancen des kooperativen Lernens bei Regelschulkindern ermöglicht die Analyse der Kooperationsund Interaktionsprozesse zwischen zählend rechnenden Kindern und Kindern, die nicht-zählend rechnen, Erkenntnisse darüber, inwiefern ein Austausch für beide Seiten zu einer Erweiterung individueller Deutungen führt – ggf. zu einer (vertieften) struktur-fokussierenden Sicht auch beim zählend rechnenden Kind.

Das heißt, ein zweiter Kern der Studie ist die Rekonstruktion der sich in der Interaktion manifestierenden Deutungen zählend rechnender Kinder bei der Auseinandersetzung mit den konstruierten Lernumgebungen.

Im Mittelpunkt dieses Forschungsinteresses stehen folgende Fragestellungen:

(1) Welche struktur-fokussierenden Deutungen nehmen Kinder ein und wie differenzieren sie diese im Laufe des Einsatzes der Unterrichtsbausteine aus?

(2) Inwiefern werden struktur-fokussierende Deutungen durch den Diskurs mit Mitschülern oder durch die Lehrkraft geprägt?

 
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