Deutungsaushandlungen in der Kooperation Initiierte versus informelle Anlässe

Wie an den Szenen zu sehen ist, können die initiierten Anlässe kooperativen Lernens zu einer Interaktion über die mathematische Inhalte führen. Die Tätigkeiten des Vergleichens, Sortierens und auch des Gemeinsamen Arbeitens wirken als Anlässe des gegenseitigen Austausches, der Bewusstwerdung der Ergebnisse der anderen und der Diskussion über mathematische Beziehungen. Ebenso konnte dargestellt werden, dass sich auch informelle Anlässe zu produktiven, kooperativen Lernsituationen entwickeln können. Beides zeigt, dass sowohl kooperatives Lernen im Mathematikunterricht zwischen Kindern mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen möglich ist, als auch, dass die im Rahmen dieser Kooperation analysierten Interaktionen mathematisch gehaltvoll waren.

Gleichwohl verlaufen nicht alle Kooperationen auf diese produktive Art und Weise, sondern lediglich dann, wenn die Kinder sich auf die Fragestellung einließen und diese im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand. Natürlich nutzten die Kinder das kooperative Lernen auch immer wieder zu einem informellen Austausch über andere Dinge (Geschehnisse in der Pause, Verabredungen etc.) also in Form von "kommunikativen Lernsituationen" wie Wocken (1998) sie beschreibt, jedoch meist nur in sehr kurzen Sequenzen. Zudem konnte in einigen – aber wenigen Fällen – beobachtet werden, dass die Kinder das gemeinsame Arbeiten in dem Sinne interpretierten, dass einer arbeitete und der oder die andere (meist das zählend rechnende) Kind wartete, bis die Arbeit erledigt war. Dies war am häufigsten bei der gemeinsamen Bearbeitung eines Arbeitsblattes zu beobachten und hier insbesondere dann, wenn Auffälligkeiten notiert werden sollten. Nur sehr selten waren es die schwächeren Kinder, die etwas notierten; häufig wurde diese Rolle wie selbstverständlich von dem leistungsstärkeren Kind übernommen. Das führte oft auch dazu, dass nur dieses Kind überlegte, was notiert werden sollte. Diese Situationen ähnelten dann klassischen Formen informeller Kooperation, deren Wirkung wie in Kap. 3 aufgezeigt nicht eindeutig ist. Bei den Aufgaben zum Sortieren oder Vergleichen – also bei Formen kooperativen Lernens, die stärker strukturiert waren – war eine derartige Aufgabenverteilung seltener zu beobachten. Doch da diese Fragestellung nicht im Mittelpunkt des Interesses stand, stützen sich letztere Ausführungen auf unsystematische Beobachtungen, die bei der Frage nach der inhaltlich mathematischen Auseinandersetzung in den Phasen kooperativen Lernens gemacht wurden und erheben nicht den Anspruch eines empirische fundierten Forschungsergebnisses.

 
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