Fallbezogene Entwicklung und Ausdifferenzierung der Deutungen

Auch wenn nicht alle Ziele der unterrichtsintegrierten Förderung zur Ablösung vom zählenden Rechnen bei allen Kindern erreicht wurden, lassen sich auf der individuellen Ebene bei allen Kindern Entwicklungen sehen. Analysiert wurden exemplarisch am „Fall Mary“ die Art und Weise der Anzahlerfassung, die Verfügbarkeit von Kernaufgaben, die verwendeten Rechenstrategien sowie das Erkennen und Nutzen von Zahlund Aufgabenbeziehungen.

Dabei wird deutlich, dass innerhalb der Förderung eine Entwicklung in Bezug auf die strukturierte Anzahlerfassung beobachtet werden konnte: Zunehmend werden dekadische Strukturen gesehen und genutzt. Dabei liegt der Fokus auf der Zerlegung in Zehner und Einer. Zu einer quasi-simultanen Anzahlerfassung ist es jedoch notwendig auch weitere Gliederungen vorzunehmen,

z.B. gemäß der Kraft der Fünf. Diese scheint von vielen zählend rechnenden Kindern bei größeren Zahlen, insbesondere bei der Erweiterung zum Hunderterraum noch aufgebaut werden zu müssen und nicht als verlässliche und bekannte Struktur aus dem ersten Schuljahr bekannt zu sein.

In Bezug auf die Verfügbarkeit der Kernaufgaben können, bedingt durch das Design der vorliegenden qualitativen Studie, nur eingeschränkt Aussagen darüber gemacht werden, ob und inwiefern sich die Anzahl der als Faktenwissen verfügbaren Aufgaben im Rahmen der Förderung erhöht hat (vgl. 8.3). Sowohl bei Mary als auch bei den anderen zählend rechnenden Kindern zeigt sich, dass alle einige Kernaufgaben faktenmäßig verfügbar haben. Im Fall von Mary gehören Verdopplungsaufgaben, Additionsaufgaben im Zahlenraum bis zwanzig mit Summanden eins und zehn sowie Subtraktionsaufgaben mit Subtrahend eins dazu. Deutlich wird, dass zum Aufbau von Faktenwissen nach einer Phase des grundlegenden Verstehens am Material genügend Zeit gegeben werden muss, um diese Aufgaben gestützt zu üben. Ein zu schnelles Übersetzen auf die symbolische Ebene scheint dazu zu führen, dass auch "einfache" Aufgaben wie ZE – E zählend gelöst werden (vgl. 8.3).

Die Analysen der Fallstudie stützen den aus der Forschung durch punktuelle Datenerhebungen bekannten Befund (vgl. Kap. 2.1.2), dass unterschiedliche Strategien zur gleichen Zeit zum Lösen von Aufgaben benutzt werden. Dabei scheinen sowohl das soziale Setting der Aufgabenbearbeitung (individuelles Lösen vs. Lösen im Klassenverband) als auch die Art und Weise der Aufgabenpräsentation (Darstellung als klassische Aufgabe vs. alternative Aufgabenpräsentation) die Lösungsstrategie zu beeinflussen. Dies zeigt das unterschiedliche Vorgehen der zählend rechnenden Kinder bei ein und demselben Baustein.

Bei der struktur-fokussierenden Deutung von Mustern stehen Beziehungen zwischen Zahlen im Vordergrund während Beziehungen zwischen Aufgaben nicht ausreichend erkannt und formuliert wurden. Die Fallstudie zeigt, wie Mary Zahlbeziehungen struktur-fokussierend als Beziehungen zwischen Zahlen kardinal interpretiert, diese beschreiben kann und die erkannten Strukturen weiterführt um bspw. operative Muster zu bilden. Diese beziehungsorientierten, struktur-fokussierenden Deutungen sind ein Hinweis darauf, dass erste Schritte zur Ablösung vom zählenden Rechnen stattgefunden haben (vgl. 8.3).

Darüber hinaus macht die Fallstudie deutlich, dass im Verlauf des Unterrichtsgeschehens nicht immer alle Elemente der Bausteine von allen Kinderpaaren bearbeitet wurden. Während in den ersten Förderbausteinen Mary und ihre Partnerin ausreichend Zeit und den klaren Auftrag hatten, auf die Muster zu schauen, verkürzte sich diese Phase im Verlauf der Förderung und fiel sogar aus. Dadurch hatte Mary in einigen Förderbausteinen kaum Gelegenheit von den Deutungen ihrer Mitschülerin zu profitieren und über die Aushandlungen von Differenzen ihre Sicht auf Zahlbeziehungen zu erweitern. Das Design der Studie spiegelt damit alltägliches Unterrichtshandeln. Gerade für leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler ist jedoch zentral, dass sie auch bei einem evtl. langsamen Bearbeiten von Aufgabenstellungen zu Phasen des Austausches mit anderen kommen, da gerade hier das Potential für die individuelle Weiterentwicklung liegt.

 
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