Einleitung

Im Jahr 1927, nach dem Bruch mit der Kuomintang – der damals regierenden Partei in China – formulierte Mao Zedong eine für ihn zentrale Erkenntnis, die noch einmal Berühmtheit erlangen sollte: „Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen!“ 22 Jahre später setzte er diese Erkenntnis in politische Realität um und etablierte sein Regime mit militärischer Macht. Dieses „aus Gewehrläufen“ entspringende kommunistische System wurde in den 1980er und 1990er Jahren jedoch durch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in China erfolgreich untergraben: Die private Ökonomie verdrängte die staatliche Ökonomie, die Marktwirtschaft ersetzte die Planwirtschaft. Ganz im Gegensatz zu der Annahme Maos kam diese revolutionäre Veränderung der chinesischen Gesellschaft aber nicht aus den „Gewehrläufen“, sondern beruhte auf einer in den sozialen Beziehungen und Netzwerken des Alltagslebens wurzelnden informellen Macht, die gleichwohl entscheidende Veränderungen der ökonomischen und politischen Strukturen in China bewirkte.

Die Macht der „Gewehrläufe“ steht dabei nicht nur für die staatliche Macht, die sich unmittelbar auf militärische und polizeiliche Gewaltmittel stützt, sondern für die Organe der politischen Macht generell, die durch staatliches Handeln unmittelbaren Einfluss auf Menschen ausüben. Da sich diese Form der Machtausübung direkt wahrnehmen lässt, wird sie häufig als der wichtigste Bestimmungsfaktor für menschliches Verhalten und institutionelle Entwicklungen angesehen. Auf der anderen Seite werden die sozialen Kräfte, die im Alltagsleben durch zwischenmenschliche Interaktionen und Beziehungen erzeugt werden, bei der Untersuchung institutioneller Entwicklungen außer Acht gelassen. Diese Kräfte bilden eine „soziale“ Macht, eine „Macht ohne Gewehrläufe“, weil sie nicht auf militärischen, politischen oder ökonomischen Zwangsmitteln beruht. In meiner Studie gehe ich von der Annahme aus, dass gerade mit Hilfe dieser „Macht ohne Gewehrläufe“ die Pioniere der chinesischen Unternehmer in der Lage waren, das sozialistische politische System zu unterminieren und eine ökonomische „Revolution“ einzuleiten.

Um das Potential und die Wirkungsweise dieser Macht zu verstehen, ist ein Blick auf die Geschichte der 1980er Jahre in China besonders wichtig, als das Land einen überraschenden Aufschwung der privaten Ökonomie erlebte. Diese Entwicklung wird häufig als ein Ergebnis der wirtschaftlichen Reformen der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) angesehen – und zwar entweder als Folge eines gezielten Plans oder als ein unerwartetes Nebenprodukt. Aber die nähere Beschäftigung mit der chinesischen Geschichte in dieser Zeit zeigt, dass das ursprüngliche Ziel der 1978 begonnenen Reformen die Produktivitätssteigerung der Staatsökonomie war, der privaten Ökonomie hingegen nur ein Dasein am Rand der Volkswirtschaft erlaubt wurde, wenn sie nicht völlig verboten war. Die Pioniere der chinesischen Unternehmer sahen sich deswegen einer doppelten Gefahr gegenüber: Einerseits gab es keinen rechtlichen Schutz für Privateigentum auf dem Markt, andererseits galten private Transaktionen in der Lesart der Staatsund Parteiführung häufig als Verbrechen. Trotz dieser extrem ungünstigen politischen Rahmenbedingungen entwickelte sich in China die private Ökonomie in den 1980er Jahre sehr robust. Die Anerkennung der privaten Ökonomie und der rechtliche Schutz des Privateigentums erfolgten erst im Nachhinein, nachdem die privaten Transaktionen bereits einen nicht unerheblichen Teil einer nun zunehmend marktwirtschaftlich orientierten Nationalökonomie darstellten. Die offizielle Einführung der Marktwirtschaft war deswegen das Ergebnis des Aufstiegs der privaten Ökonomie und nicht umgekehrt.

Es drängt sich deshalb die folgende Frage auf: Warum konnte sich die private Ökonomie in China ohne den Schutz eines Privateigentumsrechts und trotz der Unterdrückung von Seiten der KPCh dennoch so schnell und kräftig entwickeln? Eine Antwort ist nur möglich, wenn man erkennt, dass bei dem Wandel der chinesischen Wirtschaftsstruktur eine „Macht ohne Gewehrläufe“ die zentrale Rolle gespielt hat. Die Pioniere der chinesischen Unternehmer suchten nicht die direkte Auseinandersetzung mit der Regierung, sondern schwächten die staatliche Macht, indem sie mit Hilfe ihrer Fähigkeit, im Alltagsleben einen Mikrokosmos an sozialen Beziehungen und Netzwerken zu schaffen, die staatlichen und politischen Machtstrukturen unterlaufen haben. Auf diese Weise waren die chinesischen Unternehmer in der Lage, auch ohne „Gewehrläufe“ die Kader wirksam zu beeinflussen. Die in der Alltagswelt erzeugte Macht ermöglichte es ihnen, ihre privaten ökonomischen Transaktionen auch in einer feindseligen politischen Umwelt abzusichern.

Dass die einschneidenden institutionellen Entwicklungen in China vor allem durch personale Interaktionen in der Alltagswelt initiiert wurden, stellt besonders die Schule des ökonomischen Institutionalismus vor eine Herausforderung. In ihrem Zentrum steht die Annahme, dass institutionelle Entwicklungen von Interessengruppen bestimmt werden, denen handfeste politische oder ökonomische Machtmittel zur Verfügung stehen. Menschen ohne einen Zugang zu solchen Machtmitteln könnten demnach kaum bestehende Institutionen verändern und umwälzen. In China waren die chinesischen Kapitalisten dennoch in der Lage, das Fundament des sozialistischen Wirtschaftssystems auszuhöhlen und einen Marktmechanismus zu etablieren. Die einzige Macht in der Hand dieser Unternehmer war ihre Fähigkeit zu sozialer Interaktion, ihre „Soziabilität“. Das Beispiel China liefert auf diese Weise eine neue Perspektive für die Analyse von institutioneller Entwicklung und Persistenz: Für eine solche Analyse sind nicht nur die formellen politischen und rechtlichen Machtinstrumente zu berücksichtigen, sondern auch jene Einflüsse, die aus der Alltagswelt sozialer Beziehungen und Vernetzungen stammen und sich auf das gesamte politische und wirtschaftliche System auswirken können.

Vor diesem Hintergrund beschäftige ich mich in erster Linie mit den Normen und der Dynamik sozialer Interaktionen, um herauszufinden, wie die chinesischen Marktakteure durch die Entwicklung informeller sozialer Institutionen die Etablierung der Marktwirtschaft im sozialistischen China ermöglichten. Das generelle Ziel dieser Studie ist es, auf der Grundlage der empirischen Befunde zu den tiefgreifenden ökonomischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in China einen Beitrag zu den Theorien institutioneller Entwicklung zu leisten. Die Untersuchung gliedert sich wie folgt:

Im ersten Kapitel werde ich auf das sogenannte „Puzzle“ Chinas eingehen: 1. Wie konnte sich die Wirtschaft Chinas trotz einer ungünstigen politischen Rahmenordnung erstaunlich robust entwickeln? 2. Warum fördert die neue Elite der chinesischen Kapitalisten in China nicht die Fortentwicklung der marktwirtschaftlichen Ordnung und die Demokratisierung der Politik? Der Aufschwung der privaten Ökonomie in China einerseits und die fehlende Demokratie andererseits ziehen große Aufmerksamkeit aus verschiedenen Perspektiven auf sich. Manche Autoren gehen davon aus, dass Chinas Entwicklung allein mit einer Theorie rationalen Handelns erklärt werden kann. Die aktuelle Situation in China werde demnach von den strategischen Interaktionen von Kadern und Unternehmern bestimmt. Andere Autoren sind dagegen der Überzeugung, dass die chinesische Kultur einen besonderen Beitrag geleistet hat. Bei beiden Perspektiven werden jedoch die besonderen sozialen Beziehungsstrukturen in China, die Guanxi-Netzwerke – was auf Deutsch „soziale Beziehungen“ bedeutet – nicht hinreichend berücksichtigt. Sie spielen in China aber eine ganz besondere Rolle im Alltagsleben und auch in der Ökonomie. Es ist daher notwendig, nicht nur Strategien rationaler Anpassung oder den Einfluss der chinesischen Kultur bei der Untersuchung der chinesischen Entwicklungsdynamik einzubeziehen, sondern vor allem auch die soziale Institution der Guanxi-Netzwerke.

Die Zusammenhänge zwischen Rationalität, Kultur und sozialen Beziehungen werden im zweiten Kapitel der Studie näher untersucht. Es wird verdeutlicht, dass alle drei Faktoren in den verschiedenen Varianten des Institutionalismus verwendet werden, um institutionelle Entwicklung und Persistenz zu erklären: Im „Calculus Approach“ steht die Rationalität im Vordergrund, während im „Culture Approach“ Traditionen und Werteinstellungen im Zentrum sind. Die neue ökonomisch-soziologische Perspektive vertritt einen Standpunkt zwischen diesen beiden Positionen. Danach verhalten sich Akteure weder ausschließlich rational noch ausschließlich kulturell orientiert, vielmehr sind ihre Handlungsweisen stark kontextabhängig.

Die Hauptunterschiede zwischen diesen drei Perspektiven können darauf zurückgeführt werden, dass sie sich jeweils mit verschiedenen Arten von Institutionen beschäftigen. Deshalb ist es wichtig, über eine aussagekräftige Typologie von Institutionen zu verfügen. Ich schlage vor, zwischen formellen staatlichen und rechtlichen Institutionen sowie informellen sozialen und kulturellen Institutionen zu unterscheiden.

Das dritte Kapitel behandelt die Entstehung des Kapitalismus in China in den 1980er Jahren, bei der Guanxi eine zentrale Rolle spielte. Am Anfang dieses Kapitels werde ich kurz den chinesischen Familismus darlegen und einige Kernbegriffe erläutern – z.B. Guanxi (soziale Beziehung), Mianzi (was wörtlich „Gesicht“ bedeutet, häufig aber als Reputation und Ehre verstanden wird), Renqing (persönliche Zuneigung) und Ganqing (Emotion). Diese Phänomene leisten einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis, wie sich die private Ökonomie in China in den 1980er Jahren entwickeln konnte, obwohl die politische Umgebung gegenüber dem Kapitalismus feindlich gesonnen war: Indem die chinesischen Marktakteure durch Renqing und Mianzi kontinuierlich Vertrauensbeziehungen und gegenseitige Verpflichtungen produzierten, sicherten sie ihre Transaktionen und ihr Privateigentum ab, obgleich ihre Geschäftstätigkeiten nicht nur keinen Schutz durch eine kodifizierte rechtliche Ordnung genossen, sondern in den Augen des sozialistischen Staates sogar illegale Handlungen darstellten. Besondere Aufmerksamkeit soll dem Umstand geschenkt werden, dass in den 1980er Jahren die verbreitete Korruptionspraxis einen nicht unerheblichen Beitrag zur Entwicklung der privaten Ökonomie geleistet hat. Die lokalen Kader haben eine Art Schutzschirm geboten, durch den sie die Marktakteure vor einem Zugriff durch die Zentralregierung bewahrt haben. So konnten die Marktakteure offizielle rechtliche Normen umgehen oder sogar direkt dagegen verstoßen.

Obwohl personale Netzwerke bei der Erzeugung von Solidarität innerhalb kleiner Gruppen in der Regel sehr effizient sind, wird häufig die Frage gestellt, ob sie unter modernen Marktbedingungen, die durch hohe Mobilität und Anonymität charakterisiert sind, weiterhin eine wichtige Funktion erfüllen können. Im vierten Kapitel werden die Rolle und der Mechanismus von Guanxi in der etablierten Marktwirtschaft Chinas diskutiert. In der 1990er Jahren ersetzte die Marktwirtschaft allmählich die Planwirtschaft und wurde zur offiziellen Grundlage der chinesischen Volkswirtschaft. Manche Autoren sind deshalb der Ansicht, dass Guanxi an Bedeutung auf dem Markt verlieren wird, während formelle Institutionen – wie etwa die Rechtsordnung – eine immer wichtigere Rolle spielen werden. Dies entspricht aber nicht der empirischen Evidenz, weil Guanxi für eine reibungslose Abwicklung von Geschäften nach wie vor eine große Bedeutung hat. Zwei Prozesse werden in diesem Kapitel erläutert: Erstens werde ich aufzeigen, dass viele Marktbeziehungen immer noch durch Guanxi vermittelt sind. Die über Jahre hinweg angesammelten Ressourcen und Kenntnisse im Zusammenhang mit Guanxi machen es auch unter den neuen Bedingungen oft effizienter, Probleme durch Guanxi zu lösen. Wegen dieser Pfadabhängigkeit werden die neuen Möglichkeiten, z.B. durch offene Märkte Lieferanten und Kunden zu suchen oder durch Gesetze und Rechtsprechung Konflikte zu lösen, nur zurückhaltend in Anspruch genommen. Zweitens werde ich darlegen, dass Guanxi erfolgreich an die veränderten Marktbedingungen angepasst wird. Da es sich in einer entwickelten Marktwirtschaft lohnt, sein persönliches Netzwerk so weit wie möglich zu vergrößern, werden vielfältige Strategien entwickelt, um einerseits die eigenen Guanxi-Kreise auszuweiten und andererseits das Risiko zu reduzieren, von Trittbrettfahrern ausgenutzt zu werden.

Im fünften Kapitel werde ich noch einmal auf die in China herrschende Korruption eingehen. Während die Korruptionspraxis in den 1980er Jahren die wirtschaftliche Entwicklung in China gefördert hat, zeigt sie nach der Etablierung der Marktwirtschaft sehr ungünstige Auswirkungen. Obwohl sich die Korruption im heutigen China immer mehr mit hohen Summen und negativen Konsequenzen verbindet, ist sie immer noch in Guanxi eingebettet. Sowohl das Geben als auch das Nehmen von Bestechungsgeldern soll auf eine bestimmte Art und Weise erfolgen, so dass es nicht ausschließlich instrumentell erscheint und Renqing und Mianzi beschädigt. Die Einbettung der Korruption in Guanxi führt dazu, dass die politische Macht von Kadern nicht willkürlich genutzt, sondern nach GuanxiNormen ausgeübt wird. Die Marktakteure, die die Kunst des Gebens und von Guanxi – also die „Macht ohne Gewehrläufe“ – beherrschen, sind in der Lage, die jeweiligen Kader in ihrem Sinne zu beeinflussen. Wegen ihres Vertrauens auf die eigenen Guanxi-Fähigkeiten sind viele chinesische Unternehmer deshalb nicht daran interessiert, die institutionelle Strukturen Chinas zu reformieren und die Demokratie zu fördern, sondern vor allem daran, das defiziente politische System für die eigenen Interessen zu manipulieren. Sie konkurrieren um politische Macht, anstatt um Kunden. Auf diese Weise wird der Marktmechanismus im heutigen China von den Marktakteuren selber gefährdet und die Nationalökonomie beeinträchtigt.

Im letzten Kapitel der Untersuchung versuche ich, die unterschiedlichen Fäden zusammenzuführen, um ein Gesamtbild der institutionellen Entwicklung in China zu skizzieren. Zu diesem Zweck wird eine Typologie interinstitutioneller Beziehungen entwickelt. Insgesamt vier Beziehungen zwischen informellen sozialen Institutionen und formellen staatlich-rechtlichen Institutionen lassen sich feststellen: Informelle Institutionen können formelle Institutionen ergänzen (komplementäre Funktion), ersetzen (substitutive Funktion), umgehen (vermittelnde Funktion) oder untergraben (konkurrierende Funktion). Alle vier Funktionen finden sich in der Geschichte Chinas von 1980 bis zur Gegenwart wieder.

Abschließend werde ich die Rolle der Kultur bei institutionellen Entwicklungen diskutieren. Kultur kann zwar unser Denken und Verhalten strukturieren, jedoch den Pfad der Entwicklung kaum allein bestimmen. Menschen haben immer die Möglichkeit, ihre Kultur neu zu interpretieren und sich entsprechend dem neuen Verständnis zu verhalten, wenn sie allzu große Nachteile der alten Denkschulen und Verhaltensweisen wahrnehmen. Die unterschiedlichen Interpretationen und sozialen Einbettungen des Familismus in den diversen Epochen der chinesischen Geschichte sind ein guter Beleg dafür.

Die Entwicklungspfade von Gesellschaften werden wesentlich von den dynamischen Beziehungen zwischen staatlichen, kulturellen und sozialen Institutionen geprägt. Eine stabile gesellschaftliche Ordnung ergibt sich, wenn effiziente und effektive formelle Institutionen mit den informellen sozialen Institutionen konvergieren. Die gegenwärtige Situation Chinas ist jedoch eine andere: Die sozialen Institutionen ersetzen die mangehaften formellen Institutionen oder untergraben sie sogar. Das Fortdauern dieser Situation beruht auf dem Irrtum, dass man von den eigenen Guanxi-Fähigkeiten und Ressourcen in einer defizitären politischen Rahmenordnung mehr profitieren könne als von einer wirksamen rechtsstaatlichen Ordnung. Eine weitere institutionelle Veränderung und Reform wird erst in Gang kommen, wenn die Chinesen in ihrer Mehrheit wahrnehmen, dass in dieser Variante die soziale Institution des Guanxi

Ergebnisse herbeiführt, die den Interessen der meisten Bürger zuwiderlaufen.

 
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