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4.3 Guanxi-Praktiken unter Marktbedingungen

Die Kollision zwischen Guanxi und Marktwirtschaft wird von Yang als eine „duale Bewegung“ bezeichnet. Einerseits handelt es sich um einen Vorgang des „Ersetzens“, wobei Guanxi, Renqing und Mianzi durch Geld ersetzt werden. Andererseits geht es um eine „Kommodifizierung“, wobei Guanxi als Alternative zu Geld seinen Wert auf dem Markt behält (vgl. Yang 1994: 171). Beide Bewegungen führen jedoch zu einer Vermischung von Geld und Guanxi auf dem Markt. Wie lässt sich aber Guanxi mit Geld verbinden, wenn monetäre Bezahlung in Guanxi-Kreisen als Beleidigung gilt? Dieses Problem ist noch schwieriger zu lösen, wenn man das Phänomen der pluralistischen Ignoranz berücksichtigt. Außerdem ist unklar, wie das lokal begrenzte Guanxi der Funktion eines universalen Mediums – wie z.B. Geld – gerecht werden kann. Selbst wenn monetäre Bezahlung in Guanxi-Kontexten moralisch akzeptabel würde, müsste sich Guanxi so auf dem Markt verbreiten, dass es zu einem quasi-universalen Medium wird.

Hier sind zwei Techniken erforderlich: eine Kommunikationstechnik, mit der man seine wahre Auffassung vermitteln und eine monetäre Belohnung so erfolgen lassen kann, dass Mianzi und Renqing nicht verletzt werden; und eine Verbreitungstechnik, mit der Guanxi-Kreise so weit vergrößert werden, dass sie ihren Mitgliedern persönlichen Zugang zu allen anderen für sie relevanten Marktakteuren ermöglichen. Diese zwei Techniken lassen sich tatsächlich derart differenziert einsetzen, dass Guanxi-Institutionen weiterhin steigende Renditen bieten, die mit den in vielen Bereichen nach wie vor defizitären Marktmechanismen konkurrieren können.

4.3.1 Die Kommunikationstechnik:Monetäre Belohnung ohne Verletzung von Mianzi und Renqing

Wie bereits erklärt wurde, dürfen Gebetene angesichts von Mianzi und Renqing die an sie herangetragene Bitte einerseits nicht ablehnen, während sie andererseits keine Forderung nach monetärer Belohnung erheben können. Das RenqingDilemma erzeugt jedoch nicht nur eine schwierige Situation für Gebetene, sondern auch für Bittsteller, die befürchten müssen, dass ein direktes monetäres Angebot als Beleidigung angesehen würde. Bittsteller beschäftigt deshalb immer auch die Frage, ob sie dem Gebetenen Geld geben sollen und wie dies geschehen könnte. Für die Gebetenen wiederum drängt sich die Frage auf, ob sie die Bitte ablehnen oder eine Forderung nach monetärer Belohnung stellen können und wie dies erfolgen sollte. Für beide Seiten gilt aber das gleiche Prinzip, dass Mianzi und Renqing auf keinen Fall verletzt werden dürfen.

Wenn beide Seiten eine Bezahlung akzeptieren können, verbleibt nur noch die Frage, auf welche Weise diese Information vermittelt und das Geld übergeben werden soll. Aufgrund der Empfindlichkeit und Subtilität der Guanxi-Beziehungen darf man die eigene wahre Meinung jedenfalls nicht unverhohlen äußern. Vielmehr muss auf eine sehr indirekte und implizite Weise miteinander kommuniziert werden. Wenn ein Chinese in Guanxi-Kontexten„ja“ sagt, bedeutet das nicht unbedingt, dass er etwas verspricht oder die Worte eines anderen unterstützt. Er sagt „ja“, um seinem Gegenüber Mianzi zu geben. Diese indirekte und implizite Ausdrucksweise verursacht zahlreiche Probleme bei der interkulturellen Kommunikation, wobei Ausländer in der Regel falsch interpretieren, was Chinesen wirklich meinen. Das von Chinesen Gesagte ist häufig nicht wörtlich zu verstehen (vgl. Gao 1998). Die Fähigkeit zur indirekten und impliziten Kommunikation ist deshalb eine wichtige Kompetenz für Chinesen. Durch intensive und kontinuierliche Interaktionen sind sie in der Lage, ihre tatsächliche Meinung auf eine camouflierte Weise auszudrücken und die sich hinter den Worten von anderen verbergende Bedeutung richtig zu verstehen.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die ritualisierten Interaktionen zwischen Chinesen nicht mehr so bizarr. Gebetene lehnen niemals eine Bitte direkt ab. Sie können z.B. sagen: „Ich werde dir unbedingt helfen, aber es gibt einige Probleme. Am besten versuchst du gleichzeitig andere Möglichkeiten.“ Hier wird keine Forderung nach monetärer Belohnung erkennbar, auch wenn die Gebetenen sie in Wirklichkeit erwarten. Stattdessen können sie sogar Ärger zeigen, wenn Bittsteller luxuriöse Geschenke oder Geld anbieten. Auf der anderen Seite versuchen Bittsteller, jede körperliche Geste und andere die Gespräche begleitende Signale zu entziffern. Auf Chinesisch heißt dies, „Wörter zu untersuchen und Gesichtsausdrücke zu beobachten“ (cha yan guan se). Die Information, ob es – etwa wie in der oben geschilderten Situation – wirklich einige „Probleme“ gibt oder nur die Erwartung einer Geldzahlung angedeutet wird, vermittelt der Angesprochene in der Regel nur sehr indirekt oder er kommuniziert sie durch einen Vermittler (vgl. Cardon/Scott 2003: 15).

Auch die Geldübergabe selber erfordert einige Guanxi-Fähigkeiten und -Kenntnisse. Eine direkte Geldzahlung wird von den Gebetenen für gewöhnlich „ärgerlich“ abgelehnt, weil sie Mianzi stark verletzen kann. Die Bittsteller müssen deshalb das Geld in einer Weise übergeben, als ob es keine direkte Beziehung zu der erwünschten oder erhaltenen Leistung hätte und es sich nur um eine bescheidene Summe handelt, die nichts anderes als ein „kleiner Ausdruck des Herzens“ (yi dian xin yi) sei. Ein Bittsteller würde beispielsweise sagen: „Ich habe erfahren, dass deine Tochter in Kürze ihr Studium beginnen wird. Hier ist ein kleines Geschenk für sie.“ Normalerweise wird in dieser Situation eine Girokarte übergeben, wobei die Bittsteller niemals die Summe erwähnen würden. Bargeld ist zwar ebenfalls möglich, kann aber nicht offen übergeben werden. Es wird häufig als Geschenk verpackt und auf diese Weise versteckt, und beide Seiten werden sich so verhalten, als ob nichts passiert wäre. Auch wird manchmal ein wertvolles Geschenk mit Quittung überreicht, so dass der Beschenkte es später im Geschäft gegen Geld umtauschen kann.

Die Kunst des Gebens ist derart wichtig im heutigen China, dass man ohne sie kaum „Geschenke“ machen kann. Auf der anderen Seite benötigen auch die Beschenkten eine hoch entwickelte Fähigkeit, „Geschenke“ in der richtigen Weise zu akzeptieren. Es ist rüde und gierig, luxuriöse Geschenke oder Geld einfach anzunehmen, wodurch das Mianzi kaum aufrechterhalten werden kann. Aus diesem Grund müssen Gebetene das Geschenk mehrmals zurückweisen. Umgekehrt wissen Bittsteller genau, dass die Zurückweisung nur symbolischer Natur ist. Das Geschenk wird schließlich angenommen, nachdem drei oder mehr Runden der Zurückweisung und des erneuten Anbietens rituell durchgeführt worden sind. Es muss so erscheinen, dass das Geschenk aufgrund seiner symbolischen Bedeutung – Renqing – gegeben und angenommen wird. Zu diesem Zweck müssen die beiden Seiten ihre entsprechenden Rollen spielen und etwa den folgenden „Bühnentext“ sprechen:

„Ich kann das nicht annehmen! Es ist meine Pflicht, dir zu helfen!“

„Doch, doch. Es ist nicht für dich, sondern für deine Tochter. Vergiss nicht, sie wird im

nächsten Jahr zur Uni gehen! Und als ihr Onkel sollte ich ihr ein Geschenk geben.“

„Nein, es geht nicht. Ein so teures Geschenk kann ich nicht annehmen.“

„Quatsch! Teuer ist es nicht. Es ist nur ein kleiner Ausdruck meines Herzens. Wenn du es nicht annimmst, dann gibst du mir nicht Mianzi!“

„OK. Ich nehme es, wenn du so denkst. Du bist wirklich zu höflich. Bitte bring nächstes Mal kein Geschenk!“

Dieser fiktive Dialog erinnert an das Werk The Presentation of Self in Everyday Life von Erving Goffman (1990). Durch die Kontrolle über das eigene Auftreten und seine Wirkung – also das „Impression Management“ – versuchen die Akteure, die von ihnen erwartete Rolle zu erfüllen. Für Chinesen ist es eine wichtige Erwartung, Mianzi und Renqing nicht zu verletzen. Um diesen Zweck zu erreichen, entwickeln sie die Fähigkeit, auf eine sehr indirekte Art und Weise miteinander zu kommunizieren und sich beim Geben und Annehmen von Geschenken so zu verhalten, dass sich der materielle Anreiz völlig unter höflichen Worten und rituellem Verhalten verbirgt.

Andere Menschen durch Geschenke und Geld zu beeinflussen, ist aber nicht die erste Wahl. Wie viel Geld man bezahlen muss, ist vom jeweiligen Guanxi abhängig. Gebetene werden entsprechend dem Renqing-Kalkül eine gewisse Summe taxieren. Je enger das Guanxi ist, desto weniger Geld erwarten sie, denn dann besteht die Möglichkeit, eine angemessene Gegenleistung durch ein stabiles Guanxi zu erhalten. Wenn sie ein enges Guanxi mit dem Gebetenen unterhalten oder der Gebetene in ihrer Renqing-Schuld steht, brauchen Bittsteller überhaupt kein Geld zu offerieren. Diese Strategie funktioniert vor allem in vorhersehbaren Situationen: Wenn etwa die Tochter von A (Bittsteller) im nächsten Jahr oder im Jahr darauf ihr Studium an einer Universität abschließen wird, beginnt A mit der Verstärkung des Guanxi und der Erzeugung von Renqing-Schuld mit einem bestimmten Guanxi-Partner B (Gebetener), der eine gute Arbeitsstelle zu vergeben hat. Durch regelmäßige private Besuche und Essenseinladungen wird die Guanxi-Beziehung intensiviert, ebenso wie Geschenke bei jeder passenden Gelegenheit (wie Hochzeitsfeste oder Trauerfeiern der Familienangehörigen von B) gemacht werden, um eine Renqing-Schuld zu erzeugen. Nach möglicherweise jahrelangen Investitionen in die Guanxi-Beziehung kann A endlich die Gegenleistung von B erhalten, wenn er B um eine Arbeitsstelle für seine Tochter bittet.

Die Kommunikationstechniken auf Mikroebene haben erhebliche Auswirkungen auf die Marktwirtschaft. Während Guanxi in den 1980er Jahren in erster Linie als eine Vertrauensinstitution und als Sicherheitsgarantie gegenüber Bedrohungen von Staatsseite fungierte, erbringt es im China der Gegenwart eine spezifische Leistung auf dem Markt. Marktakteure in China ziehen immer noch Mianzi und Renqing ins Kalkül und bestimmen die Preise von Gütern und Leistungen nach „the differential mode of association“. Auf diese Weise haben Mianzi und Renqing ihren Marktpreis: Sie können gekauft oder verkauft werden, wenn auch auf eine ganz indirekte und implizite Weise. Deswegen werden Güter und Leistungen in China nicht nur durch die Transaktionen auf offenen Märkten verteilt, sondern in signifikantem Ausmaß auch durch Guanxi (vgl. Sun 1996).

 
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