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4.4.2 Freiwillige Kooperationsordnung in einer Großgesellschaft

Es wird häufig angenommen, dass die Bedingungen für spontane soziale Ordnungsbildung und freiwillige Kooperation in einer großen Gesellschaft stark eingeschränkt sind. Die Untersuchungen zu zwangsfreier Kooperation in kleinen Gemeinschaften heben häufig informelle soziale Kontrollmechanismen hervor, die als kostenlose Nebenprodukte intensiver und häufiger sozialer Interaktionen zu verstehen sind. Die Chancen für solche Kontrollmechanismen in einer modernen Großgesellschaft werden in der Regel skeptisch gesehen, weil man defektierende Akteure aufgrund der Anonymität und Mobilität in einer solchen Gesellschaft nur unter vergleichsweise hohen Kosten identifizieren und sanktionieren kann. Die Vergeltung abweichenden Verhaltens ist dann nicht mehr ein spontan wirksamer Selbstschutzmechanismus, sondern ein kollektives Gut, das unter besonderen Aufwendungen bereitgestellt werden muss. Die betroffenen Akteure werden sich nur dann an der Erstellung des Guts beteiligen, wenn der individuelle Ertrag aus ihrem Beitrag zu diesem Gut die Kosten für diesen Beitrag übersteigt.

Je größer eine Gruppe ist, desto relativ unbedeutender ist aber in der Regel der individuelle Beitrag zu einem kollektiven Gut. Entsprechend geringer ist dann auch der Einfluss des Beitrages einer Person auf den Gesamtertrag aus dem Gut. Wenn aber ihre individuellen Erträge weitgehend unabhängig von ihren individuellen Beiträgen sind, haben einzelne Akteure keinen direkten Anreiz, Transferleistungen zur Erstellung öffentlicher Güter zu erbringen. Sie haben umgekehrt vielmehr einen Anreiz, den eigenen Beitrag zurückzuhalten und können nur hoffen, dass andere zu den erwünschten Gütern beitragen. Mancur Olson bezeichnet solche Großgruppen als „latente“ Gruppen. Nach seiner Ansicht kann das Problem solcher Gruppen bei der Bereitstellung öffentlicher Güter nur dadurch überwunden werden, dass sie entweder Mitglieder besitzen, die einen starken Anreiz haben „to see that the collective good is provided, even if he has to bear the full burden of providing it himself“ (Olson 1982: 50), oder wenn Gruppen einen „selektiven“ Anreiz bieten können, weil „those who do not join the organization working for the group's interest, or in other ways contribute to the attainment of the group's interest, can be treated differently from those who do“ (Olson 1982: 51).

Die Aufrechterhaltung einer freiwilligen Kooperationsordnung als öffentliches Gut scheint deswegen in einer Großgesellschaft unwahrscheinlich zu sein. Bei dieser Schlussfolgerung wird jedoch außer Acht gelassen, dass der Einzelne auch in einer mobilen und anonymen Gesellschaft in der Lage ist, die Kooperation mit einer bestimmten Person fortzusetzen oder abzubrechen. Zwar ist es unzweifelhaft, dass gezielte soziale Sanktionen umso schwieriger werden, je größer eine Gruppe ist. Aber wenn für die Akteure die Möglichkeit besteht, diejenigen von ihren weiteren Beziehungen auszuschließen, die sich unkooperativ verhalten haben, und mit denjenigen weiter zu kooperieren, mit denen sie gute Erfahrungen gemacht haben, können dadurch kooperative „Cluster“ mit einer intern stabilen Ordnung etabliert werden (vgl. Vanberg/Buchanan 1988: 149). Diese Annahme wird in spieltheoretischen Simulationsmodellen bestätigt (Schüßler 1990: 92):

Die Analyse des spieltheoretischen Modells freier Kooperation belegt, daß zumindest prinzipiell stabile Kooperation unter rationalen Egoisten auch in großen, atomistischen und anonymen Austauschgesellschaften entstehen kann. Dabei wird nicht wie üblich vorausgesetzt, daß die Basis der gesellschaftlichen Kooperation Kleingruppen oder Familien sind, in denen die Bekanntheit aller Akteure miteinander unkooperatives Verhalten erschwert. Egoistische Kooperation erweist sich als robuster, als der common sense und selbst die spieltheoretische Forschung annehmen.

Zwar können unkooperative Akteure in einer Großgesellschaft sozialen Sanktionen entgehen und ihre Tauschpartner straflos übervorteilen, indem sie anschliessend in der anonymen Masse untertauchen. Aber sie müssen sich immer wieder ein neues Opfer suchen und sich gleichzeitig vor anderen opportunistisch handelnden Akteuren selber schützen. Eine stabile Kooperationsbeziehung können sie nicht genießen, da sie dazu verurteilt sind, im Hobbesschen Dschungel auf sich allein gestellt zu kämpfen. Deswegen kann es sogar in anonymen Gesellschaften auch für Egoisten ratsamer sein, in dauerhafte und reziproke Kooperationsbeziehungen zu investieren.

Die potenzielle Bedrohung einer kooperativen Ordnung durch strategisch handelnde Egoisten erzeugt einen Bedarf an „Tugenden“, die für die Stabilisierung von Markttransaktionen wünschenswert sind. Tugendhafte Menschen, die innerlich an moralische Normen gebunden sind, sind gesuchte Kooperationspartner, für die sich auf dem Markt Chancen eröffnen, die für rein opportunistische Akteure, die eine kooperative Strategie ausschließlich dann verfolgen, wenn sie profitabel ist, verschlossen bleiben (Baurmann/Kliemt 1995: 35):

Doch auch die kooperationsbereiten Marktteilnehmer werden sich der Tatsache bewußt sein, daß sie trotz der „raffinierten (vertraglichen und nicht-vertraglichen) Anreizsysteme“ des Marktes weiterhin durch unkooperative Verhaltensweisen bedroht sind. Von ihrem Interessenstandpunkt aus ist es deshalb einleuchtend, daß sie sich nicht freiwillig mit einer nur äußerlichen Regelkonformität ihrer Partner zufrieden geben werden. Sofern sie über entsprechende Erkenntnismöglichkeiten verfügen, werden sie Personen mit einer intrinsischen Regelbindung als Kooperationspartner den nur angepaßten Opportunisten vorziehen.

So kann ein „Markt der Tugend“ entstehen, der Tugend produziert, indem tugendhaftes Verhalten belohnt wird (vgl. Baurmann 1996). Eine freiwillige Kooperationsordnung ohne Zwangsinstitutionen ist auf diese Weise auch in einer mobilen und anonymen Gesellschaft prinzipiell möglich. Mobilität und Anonymität erhöhen zwar die Kosten sozialer Überwachung und Sanktion, so dass Marktteilnehmer von ihrem Interessenstandpunkt aus dazu neigen werden, direkte Beiträge zur Aufrechterhaltung einer sozialen Ordnung zu verweigern. Dennoch sind sie in der Lage, durch selektive Kooperation „Klubs“ aus tugendhaften Menschen zu bilden oder solchen Vergemeinschaftungen beizutreten, sofern ihnen hinreichend verlässliche Signale zur Identifizierung von kooperativen und unkooperativen Akteuren zur Verfügung stehen. Unter dieser Bedingung können selbst jene Personen, die unter Inkaufnahme eigener Kosten opportunistisches Verhalten bestrafen [1], ihre Kosten dadurch kompensieren, dass sie ihre persönliche Tugend signalisieren und dadurch ihre Chancen auf dem Markt verbessern.

Auf diesem Hintergrund soll jetzt erneut auf Guanxi unter modernen Marktbedingungen eingegangen werden. Ist Guanxi noch wirksam genug, nachdem es durch Übertragung und Erweiterung ausgedünnt wurde? Sind opportunistische Strategien auf einem anonymen Markt eine Bedrohung der informellen Kooperationsordnung, die durch Guanxi-Netzwerke aufgebaut und aufrechterhalten wird?

  • [1] Solche Akteure werden von Herbert Gintis als „Strong Reciprocator“ bezeichnet. Ein „Strong Reciprocator” ist „predisposed to cooperate with others and punish non-cooperators, even when this behavior cannot be justified in terms of self-interest or extended kinship“ (Gintis 2000: 169)
 
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