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5. Kapitel: Korruption im heutigen China

Sowohl zu Beginn der wirtschaftlichen Reformen als auch später – also im Rahmen einer politisch gefestigten Marktwirtschaft – spielte Guanxi lange Zeit eine positive Rolle, selbst bei der mit Guanxi verbundenen Korruption. Dies hat sich jedoch in den letzten Jahren grundlegend gewandelt. Während Korruption bei der Geburt der chinesischen Marktwirtschaft einen nicht unerheblichen Beitrag zur ökonomischen Entwicklung und Absicherung privater wirtschaftlicher Tätigkeit leistete, zeigen sich heute in zunehmendem Maße die negativen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Praxis. Obwohl Korruption zu einer immer größer werdenden Unzufriedenheit in der chinesischen Bevölkerung geführt hat und von der Kommunistischen Partei Chinas als existenzbedrohend für ihre Herrschaft angesehen wird, konnte sie bislang nicht entscheidend eingedämmt werden. Warum die Entwicklung des Kapitalismus in China zu einer Patronage-Ökonomie geführt und damit auch die Entwicklung zur Demokratie behindert hat, ist das Hauptthema des folgenden Kapitels.

5.1 Chinas Ökonomie: Entwicklung zu einer Marktwirtschaft oder Patronage-Ökonomie?

Korruption wird häufig als ein Missbrauch öffentlicher Macht für private Zwecke verstanden. Angesichts dieser Interpretation ist die Hoffnung naheliegend, dass sich das Potential und die Kraft der Korruption verringern könnten, wenn öffentlich-staatliche Macht abgebaut wird. In den vergangenen 30 Jahren hat China einen fulminanten Vermarktungsprozess erlebt, wodurch die Bedeutung der politischen Macht im Alltagsleben tatsächlich erheblich zurückgedrängt worden ist. Bedeutet dies also, dass Korruption auf dem Markt eine immer geringere Rolle spielt? Für eine Beantwortung dieser Frage gibt es drei verschiedene Perspektiven.

 
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