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5.2 Guanxi und Korruption in der Marktwirtschaft

Wie im dritten Kapitel dargestellt wurde, war die Korruption in China von Beginn an in Guanxi-Beziehungen eingebettet und den dort geltenden Normen unterworfen. Im vierten Kapitel ist dann gezeigt worden, dass Guanxi auch unter Marktbedingungen nicht wesentlich von seiner Bedeutung eingebüßt hat, weil es sich an die neue Umgebung erfolgreich angepasst hat. Die Entwicklung der Marktwirtschaft hat den Klientelismus in China nicht beseitigt, sondern er hat sich gewandelt. Inwiefern ist aber die Korruption im heutigen China weiterhin in Guanxi-Beziehungen eingebettet?

5.2.1 Die veränderten Konsequenzen der Korruption im heutigen China

Welche Unterschiede gibt es zwischen Guanxi und Korruption, wenn Korruption nicht in Guanxi-Kontexten stattfindet, also als ungeschminkte Bestechung auftritt? Yang listet drei Merkmale auf: Erstens bezieht sich Bestechung auf das bloße Eigeninteresse, während man sich bei Guanxi-Praktiken um das gemeinsame Interesse der Gruppe kümmert. Zweitens sind die Gespräche und das Verhalten bei Bestechung direkter und zielgerichteter. Guanxi-Praktiken sind indirekt und subtiler. Small Talk und rituelle Verhaltensweisen sind in Guanxi-Kontexten nötig, auch wenn man eine dringende Bitte an ein Gegenüber richten will. Drittens werden Bestechungsbeziehungen nur zum Zweck des Austauschs von Geld gegen Macht aufgebaut. In Guanxi-Kontexten jedoch wird jeder Austausch durch Renqing und Mianzi vermittelt (vgl. Yang 1994: 62f.). Zusammenfassend zielt eine reine Korruptionsbeziehung ungeschminkt auf das Eigeninteresse ab, während bei Guanxi-Praktiken auch soziale und emotionale Dimensionen einer Beziehung eine wesentliche Rolle spielen.

Ist die Patron-Klient-Beziehung im heutigen China also als „reine Bestechung“ charakterisierbar? Zuzugestehen ist, dass sich Korruption wie Guanxi nach der Etablierung der Marktwirtschaft erheblich verändert haben, um sich an die neuen Bedingungen anzupassen. Unter Marktbedingungen haben sich die Ziele der Korruption erheblich verschoben. Sie dienen nicht mehr der Absicherung des Marktes angesichts unsicherer politischer und rechtlicher Verhältnisse, sondern der Einflussnahme auf politische Kader, um in das Marktgeschehen zugunsten bestimmter Akteure einzugreifen und den marktwirtschaftlichen Konkurrenzmechanismus gerade außer Kraft zu setzen. So haben die formelle Absicherung einer marktwirtschaftlichen Ordnung auf der einen Seite sowie andererseits die Beständigkeit des alten politischen Systems – in dem Kader eine enorme Macht haben und direkt in den Markt eingreifen können – neue Anreize für eine Korruption erzeugt, die anstatt zu einer Stabilisierung des Marktes zu seiner zunehmenden Politisierung und damit gerade zu einem Marktversagen beiträgt.

Vor diesem Hintergrund sind zwei Merkmale der neuen Korruption im heutigen China auffällig: Erstens geht es um immer größere Geldbeträge. In den 1980er Jahren, als die privaten Unternehmer von den Kadern „nur“ den politischen Schutz ihres Eigentums erwarteten, waren die Geldbeträge, um die es ging, normalerweise nicht erheblich – sowohl die Profite aus den Patronagen als auch die „Geschenke“ für die Kader. Sobald die Klienten von ihren Patronen allerdings mehr als die Absicherung des Privateigentums forderten, z.B. ein bestimmtes Privileg auf dem Markt, mussten und müssen sie sowohl viel geben als auch viel erhalten. Die Korruptionspraxis im heutigen China ist, wie erwähnt, meistens in denjenigen wirtschaftlichen Branchen zu Hause, in denen die politische Macht noch vorherrschend ist. Dabei werden Millionen und sogar Milliarden bewegt – so etwa in dem Schmuggelfall von Xianmen im Jahr 1999, als Lai Changxin, der Chef der Yuanhua-Korporation, innerhalb von vier Jahren Güter im Wert von 27 Milliarden Yuan (ungefähr 3,3 Milliarden Euro) schmuggelte und insgesamt 14 Milliarden Yuan an Steuern (ungefähr 1,75 Milliarden Euro) hinterzog. Dafür hatte Lai Dutzenden von Kadern „Geschenke“ im Wert von 40 Millionen Yuan (ungefähr fünf Millionen Euro) gemacht, ein Betrag, der in den 1980er Jahren noch außerhalb jeder Vorstellungskraft gelegen hätte.

Außerdem haben sich die wirtschaftlichen Auswirkungen der Korruptionspraxis unter den gewandelten institutionellen Rahmenbedingungen drastisch verändert. Wie gesagt, dient Korruption mittlerweile nicht mehr der Absicherung des Marktes angesichts unsicherer politischer und rechtlicher Verhältnisse, sondern hat das Ziel, mittels politischer Eingriffe in das Marktgeschehen Privilegien zu erlangen oder abzusichern und den Markt damit zu umgehen. Die Folge ist eine Politisierung des Marktes und seine Aushöhlung durch systematisches „Rent Seeking“ und willkürliche Eingriffe der Politik.

Die Konsequenzen der Korruptionspraxis haben sich aber nicht nur verändert, weil sich ihre Ziele geändert haben, sondern auch der Wandel der Wirtschaftsstruktur hat zu dieser Veränderung beigetragen. In den 1980er Jahren zielte manche Korruptionspraxis ebenfalls auf Privilegien auf dem Markt, z.B. auf Zugänge zu Rohstoffen und knappen Gütern unter dem jeweiligen Marktpreis oder auf die Gewährung von Bankdarlehen (vgl. hierzu das Teilkapitel 3.4.2). Diese Praktiken wirkten sich aber insgesamt noch positiv auf die Entwicklung der Marktwirtschaft aus, weil auf diesem Weg Ressourcen zugunsten der privaten Ökonomie neu verteilt wurden. Rohstoffe und knappe Güter, die laut den herrschenden Gesetzen eigentlich zu den Staatsunternehmen oder zur kollektiven Ökonomie gehörten, wurden so in den viel effizienteren privaten Sektor verlagert. Diese inoffizielle Privatisierung förderte das Herauswachsen der privaten Ökonomie aus der Planwirtschaft. Dagegen führt die Korruptionspraxis unter den heutigen Marktbedingungen zu einer Schädigung der chinesischen Volkswirtschaft. Sie setzt den marktwirtschaftlichen Konkurrenzmechanismus außer Kraft, anstatt die Wirtschaft zu stimulieren. Ressourcenallokation durch Ausnutzung politischer Macht, die vormals als ein das Wirtschaftswachstum beförderndes „Surplus Seeking“ gelten konnte, verwandelte sich in ein „Rent Seeking“, das durch ineffiziente Redistributionsprozesse neue Sieger und Verlierer auf dem Markt schafft (vgl. Hu 2009).

Diese zwei Merkmale der neuen Korruption in China – höhere Geldbeträge und negative gesamtwirtschaftliche Konsequenzen – vermitteln den Eindruck, dass die Korruption immer mehr zu einer rein instrumentellen Praxis tendiert. Es scheint, dass in den Patron-Klient-Beziehungen nicht mehr die affektive Bindung und die gegenseitige Verpflichtung im Mittelpunkt stehen, sondern das bloße Eigeninteresse. Es ist aber ein Irrtum anzunehmen, dass sich die Korruptionspraktiken unter den entwickelten Marktbedingungen Guanxi und seinen Normen entziehen.

 
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