Kapitalismus ohne Demokratie

Es ist ein interessantes Phänomen, dass der Kapitalismus Chinas zwar inmitten einer feindlichen politischen Umgebung in den 1980er Jahren entstehen konnte, in den 1990er und 2000er Jahren aber nicht zu einer weiteren Entpolitisierung der Marktwirtschaft und Demokratisierung der Gesellschaft führte, obwohl die Unternehmer mittlerweile erhebliche wirtschaftliche und politische Ressourcen erobert hatten. Dieses Paradox beschäftigt zahlreiche Wissenschaftler. So führt

z.B. Kelle Tsai den Kapitalismus ohne Demokratie darauf zurück, dass die Unternehmer in China ganz unterschiedliche biographische und soziale Hintergründe haben und dementsprechend unterschiedliche Erfolgsstrategien einsetzen, was divergierende Interessen erzeugt habe (Tsai 2007). Bruce Dickson meint, dass das Interesse der Unternehmer an Demokratie nachließ, nachdem die KPCh 2001 den Eintritt der Unternehmer in die Partei erlaubt hatte. Diese Anpassungsstrategie der KPCh sei so erfolgreich gewesen, dass die Partei die Unternehmer ideologisch verwandelt habe und die „roten Kapitalisten“ trotz ihres Interesses an einer offenen Marktwirtschaft die politischen Ansichten der KPCh mittlerweile teilten (Dickson 2003). Margaret Pearson nennt gleich drei Gründe: „China's post-Mao business elite has failed to transform its economic position into political power because it is uninterested in doing so, because there is a viable clientelist option, and because the socialist corporatist strategy of the state is designed to prevent it“ (Pearson 1997: 141).

Diese Ansichten und Thesen sind sicherlich nicht irrelevant, aber es fehlt eine Verbindung des Desinteresses der Chinesen an Demokratie mit ihrem historischen und kulturellen Hintergrund. Nachdem die vorangegangenen Abschnitte schon verschiedene Hinweise in dieser Richtung gegeben haben, sollen sie nun zusammengeführt werden.

 
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