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6.5 Die Zukunft Chinas: Zivilgesellschaft und Demokratie?

Die unterschiedlichen Entwicklungspfade von Gesellschaften hängen wesentlich mit den dynamischen Beziehungen zwischen staatlichen, kulturellen und sozialen Institutionen zusammen. Eine besondere Stabilität einer gesellschaftlichen Ordnung ergibt sich, wenn effiziente und effektive formelle Institutionen mit informellen Institutionen konvergieren. Ineffektive staatliche Ordnungen sind dagegen der Nährboden für die Entwicklung konkurrierender sozialer Institutionen. Sie können die bestehenden staatlich-formellen Ordnungen unterminieren und zur politischen Reform beitragen, wie an den Guanxi-Netzwerken studiert werden kann, die in den 1980er Jahren entscheidend zur Erosion des kommunistischen politisch-ökonomischen System beigetragen haben. Divergierende soziale Institutionen können aber auch mit ineffektiven staatlichen Institutionen koexistieren. Im heutigen China fördern gerade Guanxi-Netzwerke korrupte Beziehungen zwischen politischen Kadern und der ökonomischen Elite, was zu einer wechselseitigen Verstärkung von Politikund Marktversagen führt. Weitere Reformen zur Liberalisierung der Marktwirtschaft und zur Entwicklung der Demokratie werden so eher behindert als gefördert. Diese „paradoxe“ Entwicklung beantwortet die Frage, warum Guanxi im heutigen China immer mehr negative Auswirkungen zeitigt, während es in den 1980er Jahren zur institutionellen Entwicklung Chinas beitragen konnte.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Enttäuschungen? Wörtlich bedeutet „Enttäuschung“ die Aufhebung oder Auflösung eines Irrtums oder einer Täuschung. Das heißt, ein Mensch fühlt sich enttäuscht, wenn seine Erwartungen an der Realität scheitern. Laut Albert O. Hirschman sollten Enttäuschungen als treibende Kraft der menschlichen Geschichte verstanden werden. Von besonderem Interesse ist für ihn dabei das kontinuierliche Schwanken der Bürger zwischen dem Rückzug auf das private Wohlergehen und dem Engagement für das Gemeinwohl. In seiner Studie zur Geschichte dieser Pendelbewegung kommt er zu dem folgenden Schluss (Hirschman 1984: 148):

Für meine Erklärung des Wechsels zwischen privater und öffentlicher Sphäre hat sich mir im Begriff der Enttäuschung ein entscheidender Mechanismus erschlossen. Enttäuschung setzt eine vorangegangene Fehlentscheidung oder eine irrige Wahl voraus, und meine Geschichte ist in gewissem Sinne die Entfaltung einer Abfolge von solchen recht gravierenden Irrtümern, ohne daß es eine Gewißheit darüber gäbe, daß ein enttäuschungsfreier Zustand jemals erreicht werden kann.

Hirschmans Erklärung für den Wechselzyklus zwischen privater und öffentlicher Sphäre bietet wertvolle Einsichten auch über die Institutionenentwicklung in China. Weitere Reformen der formellen Institutionen könnten demnach dann stattfinden, wenn die Erwartungen der Menschen erneut an der Realität scheitern. Als die Chinesen nach der Kulturrevolution vom Irrglauben an die große kommunistische Familie abfielen, wandten sie sich wieder ihren eigenen Familien zu. Die immer dringender vorgebrachte Forderung nach dem Schutz privater Rechte veranlasste die Chinesen nicht nur zum Rückgriff auf konkurrierende soziale Institutionen, sondern auch zu heftigen Protesten gegen das damalige politische System, die 1989 ihren Höhepunkt erreichten. Angesichts der großen Unruhe in der Bevölkerung hatte die KPCh keine andere Wahl, als den Bürgern zumindest teilweise nachzugeben.

Nachdem die Bürger Chinas in den 1990er Jahren mehr Spielräume für ihre individuelle Lebensführung errungen hatten, unterlagen sie aber erneut einem Irrtum: Viele sind seither davon überzeugt, dass sie mit ihren eigenen GuanxiFähigkeiten und -Ressourcen in einer defizitären politischen Rahmenordnung ihre Ziele besser erreichen können als in einer wirksamen rechtsstaatlichen Ordnung. Zu weiteren institutionellen Fortschritten wird es erst kommen, wenn die Chinesen in ihrer Mehrheit wahrnehmen, dass mit dieser Variante der sozialen Institution des Guanxi Ergebnisse herbeigeführt werden, die den Interessen der meisten Bürger zuwiderlaufen.

In den letzten Jahren ist es in China zu immer mehr Unfällen und Skandalen gekommen: Lebensmittel werden unter Verwendung von giftigen Stoffen produziert, neu gebaute Brücken brechen zusammen, und chemische Fabriken leiten ihre Abwässer ungefiltert in die Flüsse, was unter den Anwohnern ernste Gesundheitsprobleme verursacht. Infolge der allgemeinen Korruption kann sich niemand diesen Gefährdungen und Belastungen entziehen – eine immer mehr Chinesen enttäuschende Entwicklung, die jedoch die Chance bietet, neue soziale Institutionen als Alternative zu einer eingefahrenen Korruptionspraxis zu entwickeln.

Eine solche optimistische Vision entwirft Mayfair Yang. Basierend auf einer ihrer empirischen Untersuchungen sagt sie die Entstehung einer Sphäre von „Minjian“ (zwischen den Bürgern) voraus: „a realm of people-to-people relationships which is non-governmental or separate from formal bureaucratic channels“ (Yang 1994: 288). Anders als die Zivilgesellschaften im westlichen Kulturkreis, die eng mit Demokratie, Freiwilligenorganisationen und bürgerschaftlichem Engagement verbunden sind, werde Minjian als eine Sphäre zwischen Staat und Individuum durch informelle Netzwerke und persönlichen Kontakt aufgebaut. Diese Eigenschaft von Minjian sei einerseits auf die konfuzianische Kultur zurückzuführen, die eine emotionale Bindung zwischen Menschen fördert, und andererseits auf das aktuelle politische System, das freiwillige soziale Assoziationen und Bewegungen sehr stark beschränkt. Eine solche Form bürgerschaftlicher Assoziation, die auf persönlichem Guanxi und informellen Netzwerken beruhe, könnte laut Yang einen Beitrag zur Entwicklung einer demokratischen und wohlhabenden Gesellschaft in China leisten (Yang 1994: 311):

In this way, guanxixue [1] serves as the basis of the reweaving of the social fabric of an emerging minjian. It is a fabric based on a „web of kinship“ pattern in which personal networks of Guanxi do not yet form clear contours or group boundaries, but „stretch out indefinitely, and result in a kaleidoscopic fluidity of social relations“. The effect is to promote public and social life by connecting and bringing together disparate people into networks that crisscross state-imposed institutions to form a second society according to a multiplicity of organizational principles.

Wenn diese Einschätzung zutrifft, darf gehofft werden, dass aus den Netzwerken des Minjians soziale Institutionen und Normen hervorgehen, mit denen die Korruptionspraxis konterkariert wird und die schließlich zu durchgreifenden Reformen der formellen Institutionen führen, so wie dies schon einmal vor dreißig Jahren in China geschehen ist.

  • [1] Mit „guanxixue“ meint Yang die Kenntnisse, wie man ein gutes „Guanxi“ aufbauen und benutzen kann
 
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