NGOs – organisierte Instanzen der Zivilgesellschaft

NGO, Interessengruppe, Pressure Group, Civil Society Organisation, (Transnational) Social Movement Organisation, dies sind nur einige Bezeichnungen, die synonym verwendet werden. Die Vielzahl von Begrifflichkeiten und die Gleichsetzung von z.T. äußerst unterschiedlichen Akteuren erschwert nicht nur die Beschreibung deren spezifischer Charakteristika, sondern auch die Einordnung und Verallgemeinerung von Forschungsergebnissen (Eising 2008: 5), weshalb eine adäquate Definition des Forschungsgegenstands erforderlich ist. Eine analytisch trennscharfe, begriffliche Umschreibung des NGO-Sektors erweist sich angesichts seiner Vielseitigkeit als schwierig (Princen & Finger 1994: 6). Infolgedessen wird der Begriff NGO bislang nicht einheitlich verwendet (Roth 2005; 2001; Martens 2002a; Brand 2000: 21) und je nach Forschungsinteresse unterschiedlich definiert [1]. Ergo gilt es ein Konzept zu finden, das nicht zu selektiv angelegt ist, sodass es nur auf einzelne Organisationen anwendbar ist, aber genügend analytische Kraft besitzt, um NGOs als abgrenzbares gesellschaftliches Phänomen sichtbar und deren besondere Eigenschaften beschreibbar zu machen (Seifer 2009: 33).

Manche Autoren folgen dem Ausschlussprinzip und verstehen unter NGOs any non-profit-making, non-violent, organised group of people who are not seeking governmental office” (Willetts 1996: 6). Diese Definition lässt jedoch offen, was NGOs ausmacht und ist somit nicht identitätsstiftend. Der Aufstieg von NGOs wird als Reaktion auf politische, soziale oder ökonomische Defizite gesehen, die sich u.a. in einer Delegitimierung von Politik ausdrücken (Altvater

& Brunnengräber 2002: 8). In diesem Zusammenhang sind ihre Aktivitäten als Versuch zu verstehen, die eigenen Lebensbedingungen und die eines meist sehr weit gefassten Adressatenkreises oder der ganzen Gesellschaft „von unten“ mitzubestimmen (Seifer 2009: 26). Dieser Interpretation ist eine der zentralen Konnotationen des Begriffs NGO immanent; der Bezug zur Lebenswelt der Menschen. Allein damit ist das Phänomen allerdings nicht zur Genüge beschrieben.

Ganz allgemein versteht man unter NGOs zivilgesellschaftliche Organisationen. Diesen sind gewisse Merkmale gemeinsam: Es handelt sich um freiwillige, unabhängige, nicht staatliche und nicht profitorientierte Organisationen, die keinerlei Verpflichtungen externer Organisatoren oder Institutionen unterlegen sind (Altides & Kohler-Koch 2009: 4). Jene Charakterisierung entspricht den Kriterien des Johns Hopkins Instituts (Salamon & Anheier 1997), die weitgehend von den EU-Institutionen übernommen wurden. In ihrem Kern bezieht sich die Bezeichnung also auf Gruppierungen, die auf private Initiative hin gegründet werden und nicht gewinnorientiert arbeiten. Nach dieser breiten Definition, sind Interessenvertreter bestimmter Berufsgruppen sowie Organisationen aus Industrie und Landwirtschaft ebenfalls zu den zivilgesellschaftlichen Organisationen zu zählen, denn auch diese sind – abgesehen von ihren Mitglieder – häufig nicht profitorientiert. Es ist somit prinzipiell kein Unterschied zwischen NGOs und Gewerkschaften oder Berufsverbänden (Special bzw. Professional Interest Associations; im Folgenden PIAs) festzustellen, welche primär die Interessen ihrer Mitglieder repräsentieren. Oft werden deshalb die Begriffe NGO, Verband oder Interessengruppe synonym verwendet (Kotzian & Steffek 2011; Seifer 2009; Steffek & Nanz 2008; Eising 2008) [2]. Auch in der Organisationsrealität verwischen die Grenzen zwischen den Organisationstypen, da sich viele NGOs bewusst serviceorientiert aufstellen und verstärkt Leistungen für ihre Mitglieder

anbieten. Dennoch handelt es sich nicht um eine homogene Gruppe, was auch Beyers et al. (2008: 1297) in ihrem Versuch, einen einheitlichen konzeptuellen Rahmen zur Analyse von Interessengruppen zu schaffen, feststellen.

„First, the units of observation are not homogeneous. Interest organisations cannot be as easily subsumed under a dominant logic of action à la political parties – i.e. officeseeking, voteseeking or policy-seeking.”

NGOs unterscheiden sich von PIAs in ihrer Zielsetzung. Während Letztere die ökonomischen oder berufsspezifischen Anliegen ihrer Mitglieder repräsentieren (Lehmann 2003), vertreten NGOs als öffentlich deklarierte Interessen (Voss 2007), weshalb sie auch als General Interest Associations (im Folgenden GIAs) bezeichnet werden (Kohler-Koch et al. 2008: 4) [3]. Sie sind Advokaten gesellschaftlicher gemeinwohlorientierter Interessen und verschreiben sich den Anliegen einer Gruppe oder der Gesellschaft als Ganzes (Frantz & Martens 2006: 24; Finke 2005; Heins 2002: 43) [4], weshalb sie als Akteure eines progressiven Wandels gesehen werden (Frantz 2007: 183). Es sei jedoch angemerkt, dass in der Realität oftmals die „Vermengung von Eigeninteressen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe mit der Durchsetzung universaler Rechte“ (Kohler-Koch 2011a:

12) besteht.

Trotzdem sind es vor allem NGOs, die mit einem positiven Beitrag zur Demokratie und dem Gemeinwohl (ebd: 10) assoziiert werden. Besonders ihnen werden die zivilgesellschaftliche Handlungslogik des Handelns im öffentlichen Raum (Demirovic 2001: 148) und die Bezugnahme auf allgemeine Angelegenheiten nachgesagt. Sie sind Agenda-Setter, wollen auf Problemlagen aufmerksam machen, die Durchsetzung spezifischer Normen in Gesellschaft und Politik vorantreiben (Keck & Sikkink 1998; Gordenker & Weiss 1996: 42) und schaffen zudem neue Werte und Normen in deren Namen sie agieren (Heins 2002: 14; Klein et al. 2005: 28). In Anlehnung an Habermas (1992) können sie daher als kritische Zivilgesellschaft bezeichnet werden.

„Politikfeldübergreifend zielen die Aktivitäten von NGOs auf die Beeinflussung von Policy-Inhalten, Schaffung von Transparenz und Öffentlichkeit, Kontrolle bzw. Monitoring von Politikprozessen, Herstellung von Problembewusstsein und Mitgestaltung von Diskursen.“ (Seifer 2009: 31)

Mit diesem Zitat wird eine entscheidende Rolle von NGOs hervorgehoben: Sie sind wie PIAs (auch) Akteure der Interessenvermittlung und zählen zu den organisierten Interessen, die von Alemann (1987: 30) als freiwillig gebildete, soziale Einheiten mit bestimmten Zielen und arbeitsteiliger Gliederung, welche danach streben, die Interessen ihrer Mitglieder innerhalb der jeweiligen sozialen Einheit sowie gegenüber Institutionen und anderen Gruppierungen zu verwirklichen, definiert werden. Gleichzeitig sind sie damit Akteure der politischen Kommunikation (Bentele 2007), verstanden als Artikulation und kommunikativer Austausch von Interessen zwischen gesellschaftlichen und politischen Akteuren. „Wichtiges Ziel politischer Kommunikation ist es, mittelbar oder unmittelbar Einfluss auf Einstellungen und das Verhalten des jeweils anderen zu nehmen.“ (ebd.: 15) NGOs betreiben advokatorische Interessenvertretung (im Folgenden Advocacy), definiert als politisches Handeln von Gruppierungen, die stellvertretend für die Interessen anderer eintreten, weil diese nicht über die nötigen Fähigkeiten oder Ressourcen verfügen (Brunnengräber & Weber 2005: 418) und die versuchen, mittels Kampagnen und Lobbying [5] die Politik zu beeinflussen (Appel 2005: 43; Brunnengräber et al. 2005; Martens 2002a; Take 2002; Arts 1998: 51). Ergo sind sie ein aktiver Teil der Politik (Frantz 2007: 189). Im Vergleich zu den Interessenvertretungsbemühungen der PIAs hat diese Form kollektiven Handelns aber andere Mobilisierungsund Organisationsbedingungen. Demgemäß ist der Antrieb des Handelns nicht allein durch die Aussicht auf Teilhabe am Kollektivgut, sondern auch durch ethische Motive begründet (Seifer 2009: 36; Frantz 2005).

Diese spezifische zivilgesellschaftliche Handlungslogik ist auch NSB inhärent und so kommt es gleichermaßen zu einer synonymen Verwendung der Begriffe NGO und NSB (Seifer 2009: 33; Smith et al 1997) [6]. Obwohl es thematisch und teils auch strategisch beträchtliche Überschneidungen gibt und viele NGOs ihre Wurzeln in den NSB haben (Roth 2000), unterscheiden sie sich über das Kriterium der organisatorischen Struktur (Rosenau 1995).

„Soziale Bewegungen brauchen Bewegungsorganisationen als strukturelles Rückgrat, sie sind aber selber keine Organisationen, sondern das dynamische öffentliche Geschehen außerhalb dieser Organisationen.“ (Janett 2000: 147)

Im Gegensatz zu NSB, die sich meist relativ kurzfristig für eine spezifische Sache zusammenschließen, über keinen (festen) organisatorischen Apparat verfügen (Heins 2002) und daher durch eine äußerst unstete Anzahl von Aktivisten sowie eine große Abhängigkeit von der Konjunktur gewisser Problemlagen charakterisiert sind, handelt es sich bei NGOs um Organisationen, d.h. „soziale Gebilde, die dauerhaft ein Ziel verfolgen und eine formelle Struktur aufweisen, mit deren Hilfe Aktivitäten der Mitglieder auf das verfolgte Ziel ausgerichtet werden sollen.“ (Kieser & Kubicek 1992: 4) Demnach sind sie als zweckorientierte soziale Systeme (Ulrich & Sidler 1977) auf mittelbis langfristiges Engagement ausgerichtet, weshalb es einer formalen Organisationsstruktur (Kieser & Oechsler 1999: 154), also formal definierter, kontrollierbarer Ziele, Entscheidungsverfahren und Funktionen (Kieser & Kubicek 1992), etwa in Gestalt von Statuten und adäquater Governance-Strukturen bedarf, um den Erfolg der NGO langfristig sicherzustellen. Sie erlauben, Organisationsziele und Arbeitsformen festzulegen sowie die Aktivitäten der Mitarbeiter und Mitglieder zu koordinieren.

Trotz der divergierenden Ziele, Organisationsund Mitgliedschaftsformen, weisen alle NGOs ein Mindestmaß an innerorganisatorischer Struktur und Formalisierung auf. Sie unterscheiden sich von NSB durch einen „gewissen“ Grad an Institutionalisierung (Frantz 2007: 183), welcher für effektive Einflussnahme

So finden sich Vertreter, die NGOs als Element (transnationaler) NSB sehen (Cohen & Rai 2000: 12; Schmitt-Beck 2001; Smith 1995); andere wiederum differenzieren nicht zwischen NSB und NGOs (Messner 1999).

förderlich ist, da er die Zugangschancen zu Politikprozessen erhöht. Insofern impliziert der Begriff NGO, im Vergleich zu NSB, bereits eine gewisse Professionalisierung (Walk & Brunnengräber 2000: 214ff), wobei deren Ausmaß in Anbetracht der Heterogenität der Organisationen in der Realität stark variiert.

Zusammenfassend lassen sich NGOs wie folgt charakterisieren und werden hier auch auf diese Weise verstanden: Sie sind gegenüber Staat und Parteien autonom, also nicht institutionell angebunden oder von kommerziellen Interessen geleitet – sie agieren unabhängig, gemeinwohlund nicht profitorientiert. Sie arbeiten auf freiwilliger Basis, d.h. ihre Gründung geht nicht auf bestehende Verpflichtungen zurück und die Mitglieder beteiligen sich in irgendeiner Form freiwillig an der Arbeit der Organisation. Überdies sind sie im Sinne dauerhafter Institutionalisierung organisiert, weisen einen gewissen Formalisierungsgrad auf und richten sich in der Regel nach einer Satzung, in der ihre Tätigkeitsbereiche und Ziele festgelegt sind. Diese Kriterien des Johns Hopkins Instituts sind um das Kriterium eines wie auch immer gearteten advokatorischen Handelns im Interesse Anderer, d.h. der Sensibilisierung für die Interessen auch von NichtMitgliedern (Heins 2005), zu erweitern.

  • [1] Zur Auseinandersetzung mit der Vielfalt von NGOs oder Versuchen der Kategorisierung siehe u.a. Stickler (2005), Curbach (2003), Frantz (2002), Martens (2002b), Herrmann (1998) und Rucht (1996)
  • [2] Auch die Kommission (2001: 19) propagiert eine sehr breite Definition zivilgesellschaftlicher Organisationen. Diese umfasst u.a.: Gewerkschaften, Arbeitgeberund Berufsverbände, NGOs, gemeinnützige Einrichtungen, gesellschaftliche Basisgruppen und Organisationen, über die sich die Bürger am kommunalen Leben beteiligen
  • [3] Zu den variierenden Konnotationen mit den Begrifflichkeiten GIA und PIA siehe Kohler-Koch & Quittkat (2009) oder Rek (2007). Stewart (1958) unterscheidet in ähnlicher Weise zwischen Sectional und Cause Groups
  • [4] Engere Definitionen subsumieren unter NGOs Organisationen mit Schwerpunkt auf sozialpolitische Fragen, wie Asyl-, Menschenrechtsund Entwicklungspolitik oder umweltpolitische Themen (Wagner 2009)
  • [5] Lobbying wird hier verstanden als „the stimulation and transmission of a communication by someone other than a citizen acting on his own behalf, directed at a governmental decisionmak
  • [6] er with the hope of influencing his decision“ (Berry 1977: 11). Einen Überblick über die Lobbying-Praktiken in der EU bietet Lehmann (2003)
 
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