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Perspektiven professioneller Museumsarbeit - Historischer Abriss und Funktionsbestimmung des Museums

Thomas Heinze/Dario Massimo

Bevor man die Frage beantwortet „Welche Funktionen erfüllen Museen heute“, bedarf es der Klärung weiterer Fragen:

Seit wann gibt es Museen? Was muss ein Museum leisten, um sich Museum nennen zu dürfen? Welche Aufgaben hat ein Museum? Welche Themen sind für Museen relevant? Welche Strukturen liegen Museen zugrunde? Wie und wo kann man sich für die Arbeit im Museum qualifizieren? Einblicke in die Geschichte, Definitionen, Themenbestimmungen und Hintergrundinformationen bieten Antworten.

Vorläufer heutiger Museumssammlungen sind die Kunstund Wunderkammern der Spätrenaissance sowie die fürstlichen Sammlungen des Barock, in denen Objekte unterschiedlichster Herkunft und Zweckbestimmung gemeinsam präsentiert wurden. Als „theatrum mundi“ sollten die Gegenstände – Kunstwerke, Antiquitäten, Bücher, Naturalien, technische Geräte sowie auch Kuriositäten und Raritäten – den universalen Zusammenhang der Welt darstellen. Die Kunstund Wunderkammern von Ferdinand II von Tirol (1529-1595) auf Schloss Ambras bei Innsbruck und von Kaiser Rudolf II (1576-1612) in Prag beispielsweise zählen noch heute zu den bedeutendsten Sammlungen dieser Art.

Die Naturwissenschaften mit ihrer systematischen Betrachtungsweise und dem Messen und Verzeichnen von Objekten bestimmten die ersten wissenschaftlichen Ordnungssysteme, nach denen diese naturwissenschaftlichen Sammlungen katalogisiert wurden. Während die fürstlichen Sammlungen des 17. und 18. Jahrhunderts der höfischen Repräsentation und persönlichen Erbauung dienten, bildeten sich in der Zeit der Aufklärung auch bürgerliche Sammlungen heraus, wie z.B. die von August Hermann Franke (1663-1727) aus Halle, die in erster Linie zu Unterrichtszwecken herangezogen wurden. Kunstund Wunderkammern sind heute in Form von Staatssammlungen oder als Grundstock städtischer oder privater Sammlungen erhalten.

Zu den ersten öffentlichen Museen in Europa zählen das British Museum in London (eröffnet 1753) und das Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig (1754). Die älteste eigens für diesen Zweck errichtete Museumsarchitektur in Europa ist das 1779 eröffnete Museum Friedericianum in Kassel.

Während es sich bei den Sammlungen der frühen Museen (Darmstadt, Dresden, Karlsruhe, München, Stuttgart) noch um Bestände aus feudalen Kunstkammern handelte, kam es im 19. Jahrhundert in vielen Städten zu bürgerlichen Museumsneugründungen (Bremen, Frankfurt a.M., Hamburg). Im weiteren Verlauf der Museumsgeschichte entstand eine Vielfalt auf unterschiedliche Gattungen spezialisierte Museen.

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich der Begriff und besonders das Verständnis von „Museum“ ständig gewandelt: vom Musentempel zur Bildungseinrichtung, von der fürstlichen Sammlung zum Bürgermuseum. Heute bilden die Kernaufgaben im Museum Sammeln, Bewahren, Forschen sowie Ausstellen & Vermitteln die Grundlage der Arbeit im Museum.

Der Begriff „Museum“ geht zurück auf das Wort „Museion“, das in der Antike eine den Musen geweihte Stätte bezeichnete. Oder, besser erklärt: Mit dem Begriff „Museum“ wurde im Laufe der Geschichte eine Vielzahl von Dingen bezeichnet: das Museum als Ort (Hügel) im alten Griechenland, an dem der Poet Museio bestattet war; das Museum Alexandrinum, Museum Romanum oder Museum Graecum als Schule, Gymnasium bzw. Universität; das Museum als Kunstkammer, „Müntz-Cabinett“ oder Wunderund Raritätenkammer. Zedlers Universal-Lexikon aus dem Jahr 1739 listet entsprechend viele Bedeutungen auf. Zu einem späteren Zeitpunkt werden auch Journale und Lesegesellschaften mit dem Titel „Museum“ benannt.

In der Krünitzschen Enzyklopädie von 1805 bezeichnet das Wort Museum bereits einen Ort für eine öffentliche Sammlung und als Institution mit gesellschaftlicher Relevanz. In die Betrachtung einbezogen wird auch bereits das Museumspublikum: Das Museum wird als öffentlicher und lebendiger Ort des Diskurses mit einer publikumsorientierten Infrastruktur beschrieben.

Der Museumsbegriff ist (nicht nur) in Deutschland, nicht geschützt, Auftrag und Aufgaben der Museen sind nicht gesetzlich geregelt. Rahmenbedingungen für die Museumsarbeit geben die vom Internationalen Museumsrat ICOM verfassten und weltweit anerkannten ethischen Richtlinien (ICOM Code of Ethics for Museums/2001) vor. In diesen Richtlinien werden alle Schwerpunkte behandelt: ausgehend von der professionellen Führung des Museums bis zum Ursprung der Exponate.

Ein Museum wird nach ICOM definiert als

„eine gemeinnützige, ständige, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienst der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien-, Bildungsund Unterhaltungszwecken materielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt“.

Diese Definition aus den ICOM-Statuten (1986/2001) wird weitgehend als verbindlich anerkannt. Die letzte eigenständige Definition des Deutschen Museumsbundes („Was ist ein Museum?“) stammt aus dem Jahr 1978 und legt die Aufgaben und das Selbstverständnis des Museums dar.

Die öffentliche Wertschätzung des Museums wird insbesondere durch seine publikumswirksamen Präsentationen in Dauer und Sonderausstellungen bestimmt. Dies sind jedoch nicht die alleinigen Kennzeichen der professionellen Museumsarbeit. Ein erheblicher Teil der originären Aufgaben der Museen bleibt dem Besucher und den politisch Verantwortlichen in der Regel verborgen: Das Sammeln, Bewahren und Forschen. Die Ergebnisse der Arbeit in diesen Bereichen sind die Grundlage für das Ausstellen und Vermitteln und damit das öffentliche Erleben der Museumssammlungen.

 
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