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Kulturangebot und Kulturverhalten

Lokale, regionale und internationale Kulturveranstalter sowie Tourismuswerbung bemühen sich mit immer mehr und immer stärker ausdifferenzierten Angeboten um ihr Publikum. Es gilt Stammpublikum zu binden und nicht an die Konkurrenz zu verlieren aber auch neue Bevölkerungssegmente zu gewinnen. Audience Development Strategien[1] sind dafür ein probates Mittel.

Der Zugang zu und das Interesse für Kultur werden regelmäßig erhoben und Veränderungen registriert und analysiert. Dabei ist zwischen der Nutzung von Kulturangeboten und dem Kulturverhalten der Bevölkerung oder von Bevölkerungssegmenten zu unterscheiden.

Rein quantitative Erhebungen von Besuchszahlen[2] geben über die Nutzung von Kulturangeboten und deren Veränderungen Auskunft. Mit Untersuchungen zum Kulturverhalten [3] in denen auch Motive der Nutzung – und zunehmend mehr auch der Nicht-Nutzung – und die kulturellen Bedürfnisse erhoben werden, erhalten Kulturbetriebe aber auch Kulturpolitik und Kulturverwaltung Grundlagen für eine zukunftstaugliche Kulturentwicklung.

Die zahlreichen auch im Internet zugänglichen Ergebnisse von Erhebungen beider Kategorien machen deutlich, wie sehr auch im deutschsprachigen Raum und in der Schweiz das Interesse am Publikum bzw. am Nicht-Publikum in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist.[4]

Die Befunde sind naturgemäß nur eingeschränkt vergleichbar, auch weil die berücksichtigten Sparten und deren Definition nicht identisch sind. Bei einigen Erhebungen geht es um die klassischen Kulturinstitutionen der Hochkultur, bei anderen wird auch der Besuch von historischen Gebäuden subsummiert, bei wieder anderen wird der Kulturbegriff weiter gefasst und werden z.B. auch Kino oder Rockkonzerte einbezogen. Außerdem wird in manchen Studien nicht nur der Besuch außerhäuslicher Kulturangebote abgefragt sondern auch der Konsum von Printmedien, Radio und TV sowie die Nutzung des Internets.[5]

Ein anderer Aspekt von Kulturverhalten betrifft eigene kulturelle Aktivitäten, der sowohl im „Eurobarometer Kultur“ der Europäischen Kommission als auch in der vom Bundesamt für Statistik der Schweiz (BFS) veröffentlichte Studie zu Kulturverhalten in der Schweiz Berücksichtigung findet. Im „Eurobarometer“ wird nur auf den niedrigen Aktivitätsgrad hingewiesen, ohne etwaige Korrelationen mit dem Nutzungsverhalten aufzuzeigen. Die Schweizer Studie untersucht den Zusammenhang mit folgendem Ergebnis:

„Wer eine eigene kulturelle Aktivität ausübt, besucht häufiger Kulturinstitution aus diesem Bereich als Personen, die selber die betreffende Amateurtätigkeit nicht ausüben: 84% der Personen, die ein Instrument spielen, besuchten 2008 ein Konzert, gegenüber 63% der Personen, die selbst nicht musizieren“.

Wichtig sind die Ergebnisse zu den kulturellen Bedürfnissen der Kulturnutzer und vor allem der Nicht-Nutzer, zu Motiven bzw. Barrieren sowie zur Zufriedenheit mit den Kulturangeboten.[6]

Auch wenn eine vergleichende Betrachtung der Ergebnisse unzulässig ist, so kann man doch gewisse Trends ablesen, die eine Art gemeinsamen Nenner darstellen:

• Fehlendes Interesse für Kultur und Zeitmangel sind Europaweit die häufigsten Gründe für die Nichtoder nur seltene Nutzung von kulturellen Einrichtungen. Erst danach kommen finanzielle Gründe.

• In Deutschland haben 42% der Bevölkerung kein Interesse am regelmäßigen Besuch kultureller Veranstaltungen wobei unter Kultur zumeist immer noch Angebote der Hochkultur (Theater, Oper, Konzerthäuser, Museen, Literaturklassiker) verstanden wird. Schlechte Erfahrungen mit kulturellen Angeboten, die Annahme, dass der gewünschte Unterhaltungswert fehle, aber auch der mangelnde Bezug zum eigenen Leben werden als Gründe dafür angeführt.[7]

• Auch Nicht–Nutzer erachten Kunst und Kultur als wichtig für die Gesellschaft und befürworten deren öffentliche Förderung.

• Die Nutzung von Kulturangeboten korreliert nach wie vor mit dem Bildungsniveau: je höher der Schul-/Ausbildungsabschluss, desto wahrscheinlicher das Interesse und auch regelmäßige Nutzung.

• Es gibt zwar im deutschsprachigen Raum keine dramatischen Einbrüche bei den Besuchszahlen von Kultureinrichtungen. Der erhoffte Anstieg durch das Gewinnen von Nicht-Besuchern ist allerdings trotz Vermittlungsund Marketingoffensiven ausgeblieben.

• Bei den Nutzern von Kulturangeboten überwiegt die Zufriedenheit mit denselben und sie weisen ihnen einen wichtigen Stellenwert bei der Wahl des Wohnorts bei.[8]

  • [1] Siehe dazu: Birgit Mandel: “Audience Development als Aufgabe von Kulturmanagementforschung“, in: “Zukunft Publikum. Jahrbuch für Kulturmanagement 2012“, Bielefeld 2012, Seite 15ff
  • [2] Besuchsstatistiken, wie sie in Deutschland z.B. vom Berliner Institut für Museumsforschung für die Museen erstellt werden (downloads auf smb.museum/museen-und-einrichtun- gen/institut-fuer-museumsforschung/publikationen.html ) oder für die österreichischen Kultureinrichtungen von der “Kulturstatistik Austria“ (statistik.at/web_de/statistiken/bildung_und_kul- tur/kultur/index.html), liefern regelmäßig Statistiken zur Nutzung von Kultureinrichtungen und Medien auf Basis der von den Kulturbetrieben gelieferten Daten
  • [3] Als Beispiele seien genannt: Die vom Zentrum für Kulturforschung in Bonn seit 1990 regelmäßig erstellten „Kulturbarometer“ zu unterschiedlichen Themen (z.B. Musik) und Bevölkerungssegmenten (z.B. Jugendliche: „2. Jugendbarometer 2013”, pdf auf kulturvermittlung–online.de, oder 50+), die „Eurobarometer“ der Europäischen Commission (2007 und 2013): Special Eurobarometer 399:Cultural Access and Particitpation“, Fieldwork: April-May 2013, Publication: November 2013, ec.europa.eu/public_opinion/archives/ebs/ebs_399_en.pdf; die vom Bundesamt für Statistik der Schweiz (BFS) 2011 publizierte Studie: „Kulturverhalten in der Schweiz. Eine vertiefende Analyse – Erhebung 2008“, pdf auf bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/the- men/16/22/publ.html?publicationID=4323;
  • [4] Besucherforschung war die längste Zeit eine Domäne der USA und Großbritanniens
  • [5] Z.B. in der Studie zum Kulturverhalten in der Schweiz und im Eurobarometer, zitiert in Anmerkung 13
  • [6] Siehe für die Schweiz: Oliver Moeschler: “Kulturverhalten in der Freizeit: von Gründen, Wünschen und Hindernissen“, in: ValeurS, Ein Informationsmagazin des Bundesamtes für Statistik – Ausgabe 1/2012, Seite 14f, pdf auf bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/the- men/16/22/publ.html?publicationID=4812; für Deutschland: Thomas Renz, Birgit Mandel: “Barrieren der Nutzung kultureller Einrichtungen. Eine qualitative Annäherung an Nicht-Besucher“, Institut für Kulturpolitik. Universität Hildesheim, 2010, kulturvermittlung-online.de/pdf/onli- netext_nicht-besucher__renz-mandel_neueste_version10-04-26.pdf; “2. Kulturbarometer Frankfurt RheinMain 2013“ im Auftrag des Kulturfonds FrankfurtRheinMain; Susanne Keuchel, Frederik Graff, Zentrum für Kulturforschung: “Kulturforschung Niedersachsen“, 2011, im Auftrag des Landschaftsverbands Südniedersachsen, kulturvermittlung-online.de/pdf/kulturforschung-suedniedersach- sen-endbericht.pdf
  • [7] Siehe dazu: Birgit Mandel: “Nicht-Kulturnutzer. Empirische Befunde und Anreizstrategien für ein neues Kulturpublikum“, Institut für Kulturpolitik. Universität Hildesheim, 2010, alt.dege- val.de/calimero/tools/proxy.php?id=22194
  • [8] Siehe dazu die Kulturbarometer FrankfurtRheinMain oder die Studie Kulturforschung Niedersachsen, Seite 92ff, zitiert in Anmerkung 16
 
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