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Kulturhauptstädte Europas

Ein Blick auf die Austragungsorte seit 1985 zeigt, dass nach Städten wie Athen, Florenz oder Paris, deren Status als Kulturstädte unbestritten war, es 1990 mit dem eher als Industriestadt bekannten Glasgow eine Neuausrichtung gab. Angestrebt wurde nun – ähnlich wie danach in Rotterdam (2001), Lille (2004), Cork (2005) oder Liverpool (2008) –,ein neues kulturelles Stadtimage und damit internationale Profilierung und Aufschwung des Tourismus mittels einer neuen kulturellen Infrastruktur und den Kulturprogrammen des Kulturhauptstadtjahres. Es geht somit um eine Chance zur Veränderung einer Stadt, die bereits im Vorfeld in Angriff zu nehmen ist, was die folgende Aussage treffend beschreibt:

„Nicht ohne Grund entscheidet die EU vier Jahre im Voraus, wer Kulturhauptstadt Europas wird. Denn der Titel ist nunmehr weniger eine Auszeichnung für den Zustand der betreffenden Stadt, als vielmehr ein Stipendium für einen Entwicklungsprozess bis zum entscheidenden Jahr.“ [1]

Die Einbindung von Themen der Stadtentwicklung ist zwar von Jahr zu Jahr und von Stadt zu Stadt unterschiedlich stark. Die Entwicklung der kulturellen Infrastruktur spielt aber immer eine gewisse Rolle. Bereits die Bewerbung wirkt als Impuls für die Inangriffnahme wichtiger z.T. schon länger ins Auge gefasster Vorhaben, die im Kulturhauptstadtjahr realisiert sein sollen. Aber auch in andere Infrastrukturprojekte wird investiert.[2]

Geraume Zeit wird den ökonomischen Funktionen von Kultur große Bedeutung beigemessen und setzt man auf die Auswirkungen von kulturellen Investitionen auf die wirtschaftliche Entwicklung. Die Bedeutung von Kultur als „weicher Standortfaktor“ wird gesehen, ebenso ihre Relevanz für die Arbeitsmarktentwicklung oder im Kontext von räumlicher Stadtentwicklung – etwa durch die kulturelle Neunutzung von ungenutzter Infrastruktur z.B. bei der Planung der Aufwertung von städtischen Problemgebieten.

Eine neuerliche Neuausrichtung der Kulturhauptstadt–Programmatik entwickelte sich im Vorfeld der Bewerbungen für das Jahr 2010: Die deutschen und ungarischen Bewerberstädte haben „im Prozess der Bewerbung zu neuen, intensiven Formen kulturellen Engagements gefunden und zukunftsträchtige Wege einer kulturgeprägten Stadtentwicklung eingeschlagen“.[3] In der sogenannten „Budapester Erklärung“ werden nationale Bewerbe im Vorfeld empfohlen mit dem Kriterium langfristiger strategischer Entwicklungskonzepte: Tatsächliche Nachhaltigkeit sei

„dann zu erzielen, wenn die Kulturhauptstadtprogramme nicht als "Programme an sich", sondern als Resultate, "Krönung" und Ausgangsbasis langfristiger Prozesse ganzheitlicher Stadtentwicklung verstanden werden“. Kulturhauptstädte sollten künftig „unter Beweis stellen, dass sie die Fähigkeit besitzen, mittels kultureller Instrumentarien Lösungswege für gesellschaftliche Entwicklungsprobleme in Europa zu schaffen“, sie zielten „auf lokal getragene, nachhaltige und integrierte Stadtentwicklung als kulturelles Projekt, nicht (vorranging) auf Teilaspekte wie Tourismus und Stadtmarketing“. „Das architektonische Erbe soll in neue Strategien zur Stadtentwicklung einbezogen werden. Die Konversion von Industrieflächen, die Balance in der Entwicklung von Stadtteilen, der Schutz und die Wiedergewinnung des öffentlichen Raumes und das Problem "schrumpfender Städte" sind als Aufgabe der Stadtentwicklung zu berücksichtigen.“

Olaf Schwencke kommt zu dem Schluss: Die Kandidatenstädte leisten „ihren Beitrag zur "Vielfalt der Kulturen, Religionen und Sprachen", und dieser drücke sich in der Neuprofilierung ihrer Städte aus. „Kultur, als urbane, soziale und gesellschaftspolitische Ressource verstanden, kann auch im Zeitalter der Globalisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche …. den lokalen Lebensraum prägen.“ [4]

  • [1] Ebenda Seite 44. Für die weiteren Ausführungen siehe auch Christina Pachaly: “Kulturhauptstadt Europas Ruhr 2010. Ein Festival als Instrument der Stadtentwicklung“, Graue Reihe des Instituts für Stadund Regionalplanung, Technische Universität Berlin, Heft 12, Berlin 2008, pdf auf opus4.kobv.de/opus4-tuberlin/frontdoor/index/index/docId/1806
  • [2] Siehe dazu: Palmer-Rae Associates: ”European Cities and Capitals of Culture. Study Prepared for the European Commission, Part I”, August 2004, ec.europa.eu/culture/tools/actions/docu- ments/ecoc/cap-part1_en.pdf
  • [3] Siehe dazu: Olaf Schwencke: „Kulturhauptstädte Europas. Die Zukunft der Stadt als europäische Lebensform“, in: Kulturpolitische Mitteilungen NR. 111, IV/2005, Seite36-38 mit der Veröffentlichung der „Budapester Erklärung“ vom Mai 2005, kupoge.de/kumi/pdf/kumi111/KuMi111_36-38.pdf , Seite 36f
  • [4] Ebenda, Seite 38
 
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