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2.3.2 Demokratie und Diktatur in Südostasien

Die Befunde der empirisch-analytischen Politischen Kulturforschung sind auch relevant für den zweiten Themenkomplex, der die Forschung seit den 1990er Jahren nachhaltig beeinflusst hat: die Analyse der Bedingungen, Verlaufsformen und Ergebnisse demokratischer Transformationsprozesse. Wie bereits dargestellt, war das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts geprägt durch die von Huntington diagnostizierte dritte Demokratisierungswelle (vgl. Kap 1.3). Betrachtet man die Entwicklung aus vergleichender Perspektive so zeigt sich, dass die dritte Demokratisierungswelle in Südostasien deutlich schwächere Spuren hinterlassen hat, als in fast allen anderen Weltregionen. Zugleich sind junge Demokratien in Südostasien deutlich verletzlicher als in anderen Regionen. Blockaden und Rückschläge bei der demokratischen Transformation sind relativ zur Zahl der Transitionsprozesse besonders häufig (Croissant und Bünte 2011; Tab. 2.6).

Sowohl aufgrund der hohen Varianz der Regimetypen als auch der theoretisch interessanten Erklärungsfaktoren bildet Südostasien ein „natürliches Laboratorium“ (Abrami

Tab. 2.6 Transitionen und Anzahl der Demokratien im regionalen Vergleich

Anzahl der Regimewechsel (1974–2007)

Anzahl der Demokratien (2010)

Häufigkeit (2010)

Zur Demokratie

Zur Autokratie

Elektorale Demokratien

Liberale Demokratien

Elektorale Demokratien in

% aller Staaten

Amerikas

28

5

31

24

88,5

Westeuropa

4

1

25

24

100,0

Osteuropa & GUS

21

5

18

13

62,0

Naher & Mittlerer Osten

0

0

1

1

5,5

Sub-Sahara Afrika

28

11

18

9

37,5

Asien &Pazifika

19

9

19

15

67,8

Südostasienb

7

4

3

1

27,7

Insgesamt

107

35

115

87

59,2

Angaben zu Regimewechseln beinhalten auch Mehrfachnennungen von Ländern (z. B. Thailand 1991, 1992, 2006). Quelle: eigene Zusammenstellung nach Angaben in Siaroff (2009, S. 268 ff.);

Freedom House (2011)

a Ohne ASEAN und Ost-Timor.

bOst-Timor und ASEAN-11.

und Doner 2008, S. 229) für die Überprüfung unterschiedlicher Theorien der Transformationsforschung. Die Bandbreite der theoretisch relevanten und in Südostasien in variierenden Ausprägungen auftretenden Faktoren umfasst Variablen wie Modernisierungsniveau, Pfade der Staatsund Nationsbildung, ethnische Heterogenität, koloniales Erbe, politische Koalitionen und Elitenformationen, Organisationsgrad und Organisationsformen gesellschaftlicher Interessen und politisch-institutionelle Faktoren wie der Typ des Regierungssystems und das Wahlsystem. Föderale und unitarische Staatsorganisation variieren ebenso wie die Typen von politischen Parteien und Parteiensystemen, der Kohäsionsund Professionalisierungsgrad des Militärs und die Rolle von Zwang für die Durchsetzung von Herrschaft (Slater 2010). Die Legitimationsansprüche politischer Regime, religiöse Traditionen und nationale Ideologien und Überzeugungen variieren gleichfalls (Case 2009; Slater 2010).

Obgleich die Forschung aus Gründen, die in den vorangegangenen Abschnitten diskutiert wurden, das Potential der Region als Testgelände für die Theorieprüfung bislang nur teilweise ausgeschöpft hat, lassen sich einige interessante Ergebnisse benennen. Über die wichtigsten informieren die nachfolgenden Ausführungen. Sie orientieren sich an der allgemeinen Unterscheidung von vier „große[n] Theoriestränge[n] in der [... ] Transformationsforschung “ durch Wolfgang Merkel (2010, S. 67). Demnach lässt sich zwischen modernisierungstheoretischen, strukturalistischen, akteurstheoretischen und kulturalistischen Erklärungsansätzen differenzieren. Diese Unterscheidung bietet ein nützliches Raster, um die zunehmend unübersichtlicher gewordene Forschungslandschaft zu strukturieren und einige der wichtigsten Argumente und Ergebnisse in der Debatte zu den Ursprüngen autokratischer und demokratischer Herrschaft in Südostasien herauszuarbeiten (ähnlich: Case 2002, S. 10 ff.). Allerdings handelt es sich um eine idealtypische Unterscheidung. Im Forschungsalltag kombinieren viele Untersuchungen Überlegungen aus verschiedenen Ansätzen.

Ad 1) Von den vier „Theoriesträngen“ bietet die Modernisierungstheorie den ältesten und zugleich auch am stärksten umstrittenen Erklärungsansatz. Allgemein versucht die Modernisierungstheorie aus der Makroperspektive sozialer Prozesse universelle Determinanten für demokratische Entwicklung zu benennen (Welzel 1996; Kollmorgen 2015). Im Zentrum des Erklärungsmodells steht der Zusammenhang von Prozessen des sozialen und ökonomischen Wandels und dem Typ der politischen Ordnung. In ihrer klassischen Variante erforscht sie die „sozialen Erfordernisse für Demokratie“, so die Formulierung in Seymour Martin Lipsets berühmter Schrift von 1960. Der modernisierungstheoretische Leitsatz lautet: „Je wohlhabender ein Volk, desto größer die Aussicht, dass es eine Demokratie entfalten wird“ (Lipset 1980 [1960], S. 48).

Modernisierung wird über ein Set an Indikatoren bestimmt, das Messgrößen für den Wohlstand, den Industrialisierungsgrad, das Bildungsniveau, den Urbanisierungsgrad und die Verbreitung von Massenmedien in einer Gesellschaft erfasst. Das Modernisierungsniveau ist die Schlüsselvariable zur Erklärung, warum es in Gesellschaften (nicht) zur Etablierung stabiler, bestandsfähiger Demokratien kommt. Zusammengefasst lautet die modernisierungstheoretische Argumentationslinie folgendermaßen: Steigender wirtschaftlicher Wohlstand (gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf) geht einher mit Industrialisierung, zunehmender Urbanisierung, verbessertem Bildungsniveau sowie dem Wandel der Klassenund Sozialstrukturen in einer Gesellschaft (Lipset 1980 [1960], S. 45). Die Folgen sind (Lipset 1981; Berger 1996; Merkel 2010; Schmidt 2010):

• ein Rückgang extremer ökonomischer Ungleichheiten, was die Schärfe gesellschaftlicher Verteilungskonflikte mildert und zur politischen Mäßigung des Klassenkampfes beiträgt;

• das Entstehen neuer sozialer Klassen (Industriearbeiterschaft, Mittelschichten), wobei das Anwachsen der Mittelschicht aus modernisierungstheoretischer Sicht die bedeutsamste Veränderung der Sozialstruktur darstellt;

• zunehmende Urbanisierung, die Veränderung von Beschäftigungsstrukturen und verbesserte Bildungsmöglichkeiten induzieren einen kulturellen Wandel, d. h. Bürger entwickeln neue Einstellungen, Verhaltensweisen und Werte;

• Letzteres führt besonders bei den Mittelschichten, denen Lipset aristotelisch einen

Hang zur politischen Mäßigung attestiert (1981, S. 31), zum Auftreten neuer politischer Forderungen, die nicht alleine das individuelle Wohlergehen, sondern auch kollektive Güter wie bürgerliche Freiheiten und politische Rechte betreffen. Als ein Nebenprodukt steigt die Bereitschaft der Bürger zur politischen Teilhabe und Organisation in unabhängigen sozialen Vereinigungen.

Gemäß der Lipset'schen „Wohlstandstheorie der Demokratie“ (Schmidt 2010) sind es also die von ökonomischer Modernisierung angestoßenen Sekundäreffekte des sozialen Wandels und die Mäßigung von Verteilungskonflikten durch die allgemeine Steigerung des Wohlstandsniveaus einer Gesellschaft, die die Aussichten auf die Entfaltung von Demokratie positiv beeinflussen.

Die Modernisierungstheorie wurde kontrovers diskutiert (vgl. Przeworski et al. 1997, 2000; Rössel 2000; Boix und Stokes 2003). In der Asienforschung stoßen die Annahmen der Modernisierungstheorie und insbesondere die „Mittelschichtenthese“ überwiegend auf Ablehnung. Die Kritik stützt sich vor allem auf zwei Argumente. Erstens wurde behauptet, der Zusammenhang von wirtschaftlichem Wohlstand und dem Auftreten von Demokratie gelte nicht für Südostasien. Die Gesellschaften mit dem höchsten Wohlstandsund Modernisierungsniveau werden autoritär regiert (Brunei, Singapur und Malaysia). Hingegen erfolgten die meisten Regimewechsel in Ländern, die nicht die „sozialen Erfordernisse der Demokratie“ erfüllen (Philippinen, Indonesien, Kambodscha und Osttimor). Zweitens wurde angemerkt, dass die Mittelschichten in Südostasien sich der ihnen in der „Wohlstandstheorie der Demokratie“ zugewiesenen Rolle als soziale Kraft des politischen Wandels verweigern. Zwar übernehmen Angehörige der (vorwiegend urbanen) Mittelschichten bedeutende Funktionen als Träger sozialer Bewegungen, Nichtregierungsorganisationen (NROs) und zivilgesellschaftlicher Assoziationen. Insgesamt jedoch sind die Mittelschichten in der Region Demokratie gegenüber indifferent; mitunter agieren sie gar gegen die Demokratie.

Die beiden Kritikpunkte haben vieles für sich. Wie die Angaben in Tab. 2.7 zeigen, sind Brunei, Singapur und Malaysia gemessen an den von Lipset verwendeten Indikatoren die aussichtsreichsten Kandidaten für eine stabile Demokratie, da sie hinsichtlich Wohlstand, Industrialisierungsgrad, Verbreitung von Massenkommunikationsmitteln, Bildung und Urbanisierung die regionale Modernisierungsskala anführen. Die „Transformationsstaaten“ Thailand, Indonesien und die Philippinen belegen im regionalen Vergleich nur mittlere Plätze. Ganz und gar die Modernisierungstheorie zu widerlegen scheinen die demokratischen Systemwechsel in Kambodscha und Ost-Timor.

Der regionale Befund bestätigt die Ergebnisse neuer Untersuchungen, die die Modernisierungstheorie in statistischen Analysen mit hoher Fallzahl überprüft haben. So gelangen Adam Przeworski und seine Mitstreiter in ihrer Untersuchung von 135 Ländern im Zeitraum 1950 bis 1990 zu dem Schluss, dass Transitionen zur Demokratie im Hinblick auf das Einkommensniveau einer Gesellschaft „ziemlich zufällig“ (2000, S. 273) sind. Ihr Fazit lautet: „Insgesamt scheint die Modernisierungstheorie wenig, wenn überhaupt, Erklärungskraft zu haben“ (Przeworski et al. 2000, S. 137).

Tab. 2.7 Indikatoren der Modernisierung in Südostasien (um 2008)

Brunei

Indonesien

Kambodscha

Laos

Malaysia

Myanmar

Ost-Timor

Philippinen

Singapur

Thailand

Vietnam

Bruttonationaleinkommen pro Kopf (PPP, USD 2008)

49.915

3957

1868

2321

13.927

1596

5303

4002

48.893

8001

2995

Ärzte pro 10.000 Einwohner

11

1

2

3

7

4

1

12

15

3

6

Mobilund Festnetztelefonverträge pro 100 Einwohner

115

75

29

35

118

2

80

170

102

116

Internetnutzer pro 100 Einwohner

55,3

7,9

0,5

8,5

55,8

0,2

6,2

69,6

23,9

24,2

Tageszeitungen pro 1.000.000 Einwohner

5,5

3,8

1,1

1,4

2

1

2,6

Anteil der in der Landwirtschaft beschäftigten Männer (% der ökonomisch aktiven Bevölkerung)

2

41

71

18

44

2

43

56

Elektrizitätsverbrauch pro Kopf (kWh)

8398

566

94

3667

94

586

8514

2055

728

Alphabetisierungsrate (%, Personen ab 15 Jahre)

95

92

77,6

72,7

92,1

91,9

93,6

93

94

90

Primäre Bruttoeinschulungsrate

107

119

116

112

97

117

113

110

93

104

Sekundäre Bruttoeinschulungsrate

97

74

40

44

68

53

51

82

74

67

Tertiäre Bruttoeinschulungsrate

16

21

7

13

32

11

15

29

45

10

Urbanisierungsgrad (in % der Bevölkerung)

75

53

22

31

71

33

28

66

100

34

28

Quelle: zusammengestellt nach Angaben von UNDP (2011); UNESCO (2011); Weltbank (2014)

Doch damit ist die Modernisierungstheorie nicht ad acta gelegt (allgemein zur Kritik der Kritik: Boix 2003). Es muss unterschieden werden zwischen den Ursachen für den Übergang zur Demokratie und Gründen für ihren Erhalt. Die erste Perspektive ist als

„endogene“ Variante der Modernisierungstheorie bekannt (Boix 2003, S. 88). Sie kann die politische Realität in Südostasien nicht gut erklären. Glaubt man den Ergebnissen von Przeworski, dann scheitert sie auch im weltweiten Maßstab (kritisch hierzu aber Boix und Stokes 2003; Boix 2011). Die modifizierte, „exogene“ Variante der Modernisierungstheorie postuliert keinen Zusammenhang zwischen Wohlstand und Demokratisierung. Sie spricht Modernisierung und Wohlstand jedoch einen Einfluss auf den Erhalt von Demokratien zu. Wenn eine Demokratie aus Gründen, die exogen zu Modernisierung sind, einmal eingeführt wurde, so das Argument, entfaltet Wohlstand einen immunisierenden Einfluss auf die Krisenanfälligkeit von Demokratien. Mit anderen Worten: Modernisierung, Wachstum und Wohlstand erhöhen nicht die Chance auf Demokratie, verbessern aber ihre Bestandsaussichten. Demokratiekrisen und autoritäre Rückfälle sind nicht ausgeschlossen, aber Modernisierung macht sie weniger wahrscheinlich (Przeworski et al. 1997, S. 305 f., 2000, S. 137).

So verstanden entspannt sich der Widerspruch zwischen den südostasiatischen „Anomalien“ und den modernisierungstheoretischen Annahmen. Für die fragilen Demokratisierungsprozesse in der Region lässt sich mit der exogenen Theorievariante argumentieren, dass die von Przeworski et al. vermuteten und jüngst von Teorell (2010) bestätigten Stabilisierungseffekte von Wohlstand und Entwicklung nicht greifen; umgekehrt lässt sich für Länder wie Singapur, Malaysia und Brunei die These aufstellen, dass die modernisierungstheoretischen Voraussetzungen für stabile Demokratie nach einem demokratischen Regimewechsel sehr gut sind (Croissant und Bünte 2011). Das Fehlen von Demokratie in diesen Ländern liegt an Bedingungen, Faktoren und Prozessen, die außerhalb der Erklärungsreichweite und des Erklärungsanspruchs der (exogenen) Variante der Modernisierungstheorie liegen.

Ebenfalls nicht von der Hand zu weisen ist die Kritik an dem „Mittelschichtentheorem“. Wenngleich das Fehlen einheitlicher Definitionen, Operationalisierungen und Methoden der Datenerhebung nur eingeschränkt länderübergreifende Vergleiche erlaubt (Rüland 1999; Embong 2001b) zeigen die verfügbaren Daten, dass die Mittelschichten in Singapur, Malaysia und Thailand in den vergangenen drei Jahrzehnten gewachsen sind. Zusammen mit den Philippinen verfügen diese Gesellschaften aktuell über die größten Mittelschichten in der Region. Auch in Indonesien hat sie expandiert. Darüber hinaus variieren die Zahlenangaben für die einzelnen Länder aber erheblich. Unbestritten ist jedoch, dass es sich bei den südostasiatischen Mittelschichten um hochgradig heterogene soziale Gruppen handelt (Robison und Goodman 1995, S. 7). Sie umfassen sowohl die traditionelle „petty bourgeoisie“ oder „alte Mittelschicht“ – jene Personen, die über eigene Produktionsmittel, aber nur über eine geringe Verfügungsgewalt über Arbeitskräfte verfügen (Selbstständige, Handwerker, Ladenbesitzer etc.) – als auch die so genannte „neue Mittelschicht“. Letztere umfasst neue Berufsgruppen, die erst mit der Industrialisierung in nennenswertem Maße in Erscheinung zu treten beginnen, in der Regel keine Produktionsmittel besitzen, aber an der Kontrolle und Leitung des Produktionsund Arbeitsprozesses, des Dienstleistungssowie des Bildungssektors teilnehmen (z. B. professionals, Techniker, Manager, Intellektuelle, Lehrer, Professoren, Wissenschaftler und Angestellte). Die Segmentierung der Mittelschichten entlang ethnischer Merkmale trägt in den Gesellschaften der Region zusätzlich zu ihrer internen Heterogenität und mangelnden Kohärenz bei.

Die Entwicklung der Mittelschichten spiegelt die Entwicklungsstrategien der jeweiligen Regierungen wider. In den stärker staatsgelenkten Entwicklungsprozessen in Malaysia, Indonesien und Singapur war ihr Anwachsen an die Ausweitung des öffentlichen bzw. semi-öffentlichen Sektors sowie die vom Staat getragene Entwicklungsstrategie gekoppelt (Rodan 1996; Robison und Goodman 1996; Embong 2001). Im Gegensatz hierzu hatte die Expansion der Mittelschicht in den Philippinnen ihren Ursprung überwiegend im Privatsektor (Rivera 2001; Prudhisan und Banpasirichote 2001). Folglich entstanden in den erstgenannten Fällen stärker staatsnahe oder staatsabhängige Mittelschichten, während in Thailand und den Philippinen die Mittelschichten zur Wahrung ihrer ökonomischen Aneignungschancen weniger auf die Protektion durch den Staat angewiesen waren.

Die Stellung der Mittelschichten im politischen Prozess reflektiert ihre Herkunft. Empirische Studien zeichnen vor allem für Malaysia und Singapur das Bild einer überwiegend apolitisch, wenn nicht gar anti-demokratisch eingestellten und auf politische Stabilität bedachten Mittelschicht (Kahn 1996; Oehlers 2001). Erklärt wird dieser Befund u. a. mit der Staatsnähe der Mittelschichten und ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit von den autoritären Regierungen. Hinzu kommen die Entpolitisierungsstrategien der nationalen Machthaber. Sie erhöhen die materiellen Risiken für systemoppositionelles politisches Engagement und erschweren die Koordination politischer Aktivitäten. Auch darf nicht übersehen werden, dass die Mittelschichten in beiden Ländern noch jung sind. Es dominiert noch die „erste Generation“ der Mittelschichtangehörigen. Soziale Abstiegsängste und eine unsichere soziale Identität sind hier besonders ausgeprägt. Dies fördert eine konservative politische Grundhaltung, die im Zweifelsfall der Sicherung des persönlich erreichten materiellen und sozialen Status den Vorrang vor politischer Emanzipation einräumt (Embong 2001). Kritik artikuliert sich meist punktuell und zielt auf Auswüchse von Korruption und Polizeiwillkür. Doch solange die Regierungen „liefern“, verhalten sich die Mittelschichten loyal und systemkonform (Tan 2004; Keng et al. 2004; Saravanamuttu 2005). Zwar gibt es auch Fälle, in denen Demokratiebewegungen unter Beteiligung der städtischen Mittelschichten vorangetrieben wurden, so in Thailand (1992) und in den Philippinen (1986, vgl. Thompson 1995; Murray 1996). Häufiger jedoch sind die Mittelschichten in Südostasien keine soziale Kraft des politischen Wandels, sondern der politischen Beharrung (Jones 1998). Mitunter sind die städtischen Mittelschichten aber auch Teil anti-demokratischer politischer Koalitionen, so in Thailand während der Massenmobilisierung gegen Thaksin Shinawatra bzw. die ihm nahestehenden Parteienregierungen (Croissant 2008; Thompson 2007, 2011).

Insgesamt zeichnen die Befunde der Südostasienforschung also ein zwiespältiges Bild von der politischen Rolle der Mittelschichten. Sie passt mehr schlecht als recht zu den Annahmen der Modernisierungstheorie. Insbesondere verdeutlichen sie, dass die Haltung der Mittelschichten gegenüber Demokratie und Diktatur wesentlich von ihrer institutionellen und sozialen Verankerung und insbesondere von ihrem Verhältnis zum Staat abhängt. Diese Beobachtung findet Bestätigung in strukturalistischen Analysen, die Demokratie oder Diktatur als das politische Ergebnis der Interessenkämpfe zwischen sozialen Kräften erklären.

Ad 2) Dem strukturalistischen Theoriestrang in der Transformationsforschung geht es um die „strukturellen Grundlagen von demokratischer Transition und autoritärer Dauerhaftigkeit“ (Slater 2008, S. 61; vgl. Brückner 2015). Einer Unterscheidung David Eastons (1990) folgend lassen sich hier nochmals zwei Theoriegruppen unterscheiden (vgl. auch Croissant und Kühn 2011): eine Theorierichtung fragt nach dem Einfluss der

„Strukturen höherer Ordnung“, wie beispielsweise ethnische Strukturen und, insbesondere, Klassenstrukturen in der Gesellschaft auf die Entwicklung politischer Herrschaft (Moore 1969; Rueschemeyer et al. 1992; Huber und Stephens 2005). In der klassischen Formulierung von Barrington Moore beschäftigt sie sich mit den „Sozialen Ursprünge[n] von Diktatur und Demokratie“ (1969). Die zweite Variante fokussiert auf kausale Effekte der „Strukturen niederer Ordnung“, also der politischen Institution wie Wahloder Regierungssystem, auf das Verhalten individueller oder kollektiver Akteure (vgl. Info-Box 2.1).

Info-Box 2.1: Politische Institutionen

Politische Institutionen als Sonderfall sozialer Institutionen sind jene dauerhaften

„Prozeduren, Routinen, Normen und Konventionen, die in die Organisationsstruktur des politischen Systems und der politischen Ökonomie eingebettet sind“ (Hall und Taylor 1996, S. 938; eigene Übersetzung). Als „universelle Techniken der Entscheidungsfindung“ (Lepsius 1990, S. 56) produzieren Institutionen Erwartungssicherheit, indem sie die Zahl der Akteure und die Bandbreite ihrer Handlungsoptionen verringern, die möglichen Handlungsverläufe strukturieren und hierdurch auch die Bandbreite der möglichen Ergebnisse von Akteurshandeln einschränken. Als Institutionen werden nicht nur die formalen, durch den Staatsapparat sanktionierten, rechtlichen Regeln verstanden, sondern auch informelle Arrangements, deren Durchsetzung vorrangig auf sozialer Sanktionierung beruht (Helmke und Levitsky 2006).

Unter den hier betrachteten Theoriesträngen hat die erste der zwei genannten Strukturalismusvarianten einen besonders starken Einfluss auf die Forschung zu Regimetypen und Regimewechseln in Südostasien. Im Vergleich dazu gibt es nur relativ wenige Untersuchungen, die sich aus institutionentheoretischer Perspektive mit der Entwicklung politischer Herrschaft in der Region beschäftigen. Ausnahmen sind Callahans (2005) historisch-institutionalistische Analyse von Entstehung, Wandel und Dauerhaftigkeit der Militärherrschaft in Burma, die Überlegungen von Brownlee (2007) zur Bedeutung von Regimeparteien für autokratische Stabilität in Malaysia und anderen Autokratien sowie Pepinskys (2009) Analyse zum Zusammenhang von Finanzund Währungskrisen und autoritärer Herrschaft in Malaysia und Indonesien, in der institutionenökonomische und spieltheoretische Überlegungen aufgegriffen werden. Eine der aktuell spannendsten Studien zu den Ursprüngen autoritärer Staatsbildung und Herrschaft in Südostasien greift auf Argumente des Historischen Institutionalismus zur „Pfadabhängigkeit“ von Institutionenentwicklung und der Bedeutung von „kritischen Entscheidungspunkten“ („critical junctures“) und ihrer Vorbedingungen („critcial antecedents“) zurück, bleibt aber dem von der Forschung zu sozialen Bewegungen geprägten Forschungsprogramm der „widerstreitenden Politik“ („contentious politics“) verpflichtet (Slater 2009, 2010).

Als Metatheorie besagt der Strukturalismus, dass die Konfiguration sozialer Verhältnisse Akteure in vorhersagbarer Weise formt, einschränkt und mit Macht ausstattet (Mahoney 2003, S. 151). Solche strukturellen Konfigurationen generieren zum einen soziale Akteure, zum anderen erweitern und beschränken sie deren „Handlungskorridor“ (Merkel 2010, S. 93). Dies beeinflusst auch die Chancen auf und die Stabilität von Demokratie. Die Entstehung und Stabilisierung von Demokratien ist aus Perspektive des Strukturalismus abhängig von den Machtverhältnissen zwischen kollektiven Akteuren mit unterschiedlichen Interessen, dem Staat und dem internationalen Kapital. Die meisten strukturalistischen Analysen beschränken sich in erster Linie auf soziale Klassen als relevante kollektive Akteure. In der Südostasienforschung reicht die Bandbreite der untersuchten Bereiche von ökonomischen Strukturen und sozialen Klassen (Hewison et al. 1993) über multiethnische Sozialstrukturen, „ethnische Gruppen“ oder „Subklassen“ (Rabushka und Shepsle 1972; Brown 1994) und historische Prozesse der Staatsund Nationsbildung (Putzel 1997; Vu 2010; Slater 2006, 2010) bis hin zu den Strukturen des internationalen Wirtschaftssystems (Gills und Rocamora 1992). Gemeinsam ist strukturalistischen Erklärungsansätzen eine historisch informierte Perspektive, die Strukturen nicht statisch betrachtet, sondern politischen Wandel aus der Dynamik strukturellen Wandels erklärt. Sie weisen eine besondere Nähe zur komparativ-historischen Analyse auf (Mahoney und Rueschemeyer 2003).

In der klassischen Formulierung von Barrington Moore kommt den Machtverhältnissen zwischen agrarischen Eliten („landed aristrocracy“), Bürgertum („Bourgeoisie“) und Staat eine entscheidende kausale Rolle zu. Eine machtvolle agrarische Elite ist dabei seiner Ansicht nach das größte Hindernis für Demokratie, ein machtvolles Bürgertum hingegen die treibende soziale Kraft der Entwicklung zur Demokratie: „Kein Bürgertum, keine Demokratie“, so lautet der von Moore (1969, S. 481) aus seiner komparativhistorischen Analyse der Entwicklungspfade in die Moderne gewonnene Leitsatz. Spätere Analysen haben Moores These von der demokratieförderlichen Rolle des Bürgertums zurückgewiesen (Therborn 1977; Rueschemeyer et al. 1992; Huber und Stephens 2005; Rössel 2000)[1]. Die Bourgeoisie sei keineswegs eine generell prodemokratische Kraft, sondern unterstütze in vielen Fällen autoritäre Regime. Vielmehr seien Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung „die einzige konsistent demokratische Kraft“ in der politischen Arena (Therborn 1977, S. 24; vgl. auch Rueschemeyer et al. 1992; Collier 1999; Rössel 2000). Erst das Drängen der organisierten Arbeiterschaft in Koalition mit anderen sozialen Klassen auf politische Teilhabe ermöglicht den entscheidenden Durchbruch zur Demokratie (Therborn 1977).

In der Südostasienforschung wurde die strukturalistische These von der Demokratie (und Diktatur) als dem möglichen Ergebnis der Auseinandersetzungen zwischen sozialen Kräften, die interessengeleitet handeln und dabei insbesondere ihre materiellen Aneignungsinteressen im Blick haben, insbesondere von Sozialwissenschaftlern im Umfeld des Asia Research Centre der Murdoch University in Westaustralien (arc.murdoch.edu.au) mit Wohlwollen aufgenommen. Abgelehnt wird jedoch die These von dem Bürgertum als einer demokratischen Kraft. Vielmehr hat die herausragende Rolle des Staats in der kapitalistischen Entwicklung Südostasiens zum Entstehen staatsabhängiger Privatunternehmer geführt (Potter 1994; Hewison et al. 1993; Rodan 2004; Hadiz 2010; Robison und Hadiz 2004). Zwar verschieben sich in Folge fortschreitender Industrialisierung die Machtverhältnisse zwischen Staat und sozialen Gruppen wie Arbeiterschaft, Unternehmern, „Mittelschichten“ oder „Bürgertum“ (Rodan und Jayasuriya 2006, S. 2). Freilich sind Privatunternehmer und Mittelschichtsangehörige „kontingente Demokraten“ (Bellin 2000), die Kontingenz ihres politischen Handelns wird aus der Natur ihrer Interessen und der Machtbeziehungen zu Staat und Regime abgeleitet (Putzel 1997, S. 240). Sie unterstützen die Demokratie nur, wenn dies mit ihren ökonomischen Interessen vereinbar ist, sie über eine vom Staat unabhängige politische und wirtschaftliche Basis verfügen und die Furcht vor Umverteilungsforderungen der unteren sozialen Schichten gering ist, etwa weil die Arbeiterschaft zu schwach ist, um als machtvoll organisierter kollektiver Akteur ihre Interessen und Forderungen zu vertreten (Bellin 2000). In Prozessen der staatsgelenkten Entwicklung sind Unternehmer und obere Mittelschichten häufig in eine pragmatische Partnerschaft mit dem autoritären Regime, exklusive Verteilungskoalitionen und politische „Abhängigkeitsbeziehungen“ (Schock 2005), eingebunden und haben ein genuines Interesse an dem Erhalt der Partnerschaft und des politischen Status quo (Bellin 2000; Chen 2002).

Hinzu kommt, dass sich in manchen südostasiatischen Ländern die Unternehmerschaft häufig vor allem aus der chinesischen Minderheit rekrutiert. In Ländern wie den Philippinen und Thailand sind sie sozial und kulturell assimiliert, ökonomisch unabhängig vom Staat und agieren als autonome politische Kraft (Rivera 2006; Unger 1998; Sidel 2008). In Indonesien und Malaysia jedoch sind sie kulturell nicht assimiliert und werden von der Bevölkerungsmehrheit aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Wirtschaftsmacht und der engen Verflechtung mit den herrschenden Eliten mit Misstrauen beäugt. Diese „Pariah-Kapitalisten“ (Sidel 2008) haben ein besonderes Interesse an der Protektion durch das autoritäre Regime. Die in strukturalistischen Analysen benannten Beschränkungen demokratischer Herrschaft werden nicht als Zwischenergebnis auf dem Weg zur Konsolidierung einer „funktionierenden Demokratie“ (Lauth 1997) oder als kulturgebundene Variation demokratischer Herrschaft gedeutet, sondern als Ergebnis der Durchsetzung und Absicherung materieller Interessen sozialer Gruppen und der mit ihnen liierten politischen Eliten (Rodan und Jayasuriya 2006; Hadiz 2010).

Die Attraktivität des strukturalistischen Ansatzes für die qualitativ-vergleichende Südostasienforschung ergibt sich aus der großen Nähe zur vergleichend-historischen Analyse und der damit verbundenen Konzentration auf kausale Mechanismen (vgl. allgemein Mahoney 2003). Der theoretische Nutzen liegt in der Betonung der strukturellen Möglichkeitsbedingungen von Demokratie und der Bedeutung sozialer Interessen und Konflikte als Antriebskräfte politischen Wandels. Freilich tendiert der Ansatz dazu, mit der Analyse von Klassenund Konfliktstrukturen zu viel erklären zu wollen (Kitschelt 1992, S. 1028; Case 2002, S. 11; Merkel 2010). Mitunter gerät die Handlungsdimension politischer Prozesse zu stark in den Hintergrund (Kitschelt 1992, S. 1028; Case 2002, S. 11; Merkel 2010). Zwar identifizieren strukturalistische Analysen eine ganze Bandbreite ökonomischer, sozialer, historischer und externer Faktoren, welche für die Erklärung von Regimetypen und Regimewechseln relevant zu sein scheinen. Strukturen, Institutionen und Konfliktlagen sind aber in erster Linie als „Ressourcen“ für handelnde Akteure (Mahoney und Snyder 1999; Mahoney und Thelen 2010) und als Anreizfaktoren zu fassen, die Handlungsdruck auf Akteure ausüben, ihre Interessen und Präferenzen berühren und hierüber das strategische Handeln politischer Akteure beeinflussen. Strategisches Handeln als wesentliches Element von Systemwechselprozessen wird vom Strukturalismus aber nur unzureichend erfasst.

Ad 3) Im Unterschied dazu gilt das Forschungsinteresse akteurstheoretischer Ansätze in der Transformationsforschung gerade den Dynamiken, Handlungslogiken und strategischen Interaktionen politischer Eliten, die als rationale, nutzenmaximierende Akteure konzipiert werden. Die Entscheidung für oder gegen die Demokratie wird von ihnen als Ergebnis einer situationsgebundenen, kontinuierlichen Neudefinition wahrgenommener Präferenzen, Strategien und Handlungsmöglichkeiten durch die relevanten Akteure angesehen (Przeworski 1991; Merkel und Wagener 2015). Der Ausgang von Transformationsprozessen ist deshalb aus dieser handlungstheoretischen Perspektive weniger von kulturellen, sozialstrukturellen, ökonomischen oder anderen strukturellen Faktoren abhängig und erst recht nicht das Ergebnis der institutionellen Pfadabhängigkeit politischer Entwicklung, als vielmehr von den subjektiven Einschätzungen, Strategien und Handlungen der relevanten Akteure. Allerdings erkennen auch überzeugte Vertreter akteurstheoretischer Ansätze in der Demokratisierungsforschung, wie Guillermo O'Donnell und Philippe Schmitter (1986) – die Begründer des Transitionsparadigmas in der Demokratieforschung – an, dass sich Elitenverhalten nur adäquat erfassen und verstehen lässt, wenn „ihre institutionelle oder soziale Verankerung“ spezifiziert und berücksichtigt wird (Case 2002, S. 28; Merkel 2010).

Akteursoder elitentheoretisch geleitete Untersuchungen sind in der Südostasienforschung spärlich vertreten. Wichtigere neuere Beiträge stammen jedoch von Donald Crone, der die organisatorische Basis politischer Eliten in der Region und ihre Interaktion mit sozialen Kräften („Massen“) untersucht hat (Crone 1988), sowie von William Case (1994, 1996, 1998, 2002), der neuere elitentheoretische Ansätze („Neo-ElitenParadigma“) für seine Untersuchung autokratischer und demokratischer Herrschaft in Singapur, Malaysia, Thailand, Indonesien und den Philippinen adaptiert hat.

Im Elitenparadigma sind das Tun und Lassen der politischen Eliten, ihre Einbindung in nationale Koalitionen, der Zusammenhalt solcher Koalitionen und ihre Anbindung an breitere gesellschaftliche Schichten die Schlüsselvariablen für die Erklärung von stabiler politischer Ordnung und demokratischen Regimewechseln. Größere gesellschaftliche Gruppen („Massen“) werden als abhängige soziale Kategorie gefasst, die von den Eliten mobilisiert, demobilisiert und für Machtzwecke instrumentalisiert werden[2]. Dabei unterscheiden etwa Burton, Higley und Gunther in der von ihnen als „Neo-Eliten-Paradigma“ bezeichneten Theorie zwischen drei Typen von Elitenstrukturen (Burton und Higley 1987, S. 296–297; Burton et al. 1992): Nicht-geeinte Eliten (disunified elites) sind durch tiefe ideologische Konflikte, wechselseitiges Misstrauen, begrenzte Kommunikation und Unfähigkeit zur Entschärfung gesellschaftlicher Konflikte gekennzeichnet. Es bestehen keine stabilen Muster der Interaktion von Eliten und Massen; politische Instabilität bis hin zum Bürgerkrieg ist die Regel. Ideologisch geeinte monokratische Eliten (ideologically unified monocratic elites) sind durch einen ideologisch fundierten und allgemeinverbindlichen Ordnungskonsens zwischen Elitengruppen sowie zwischen Eliten und Bürgern geprägt. Dieser sichert die Kooperationswilligkeit der Eliten und damit die Entscheidungsfähigkeit der Politik. Diese Elitenkultur ist kennzeichnend für stabile autokratische Regime. Der dritte Typ der pluralistischen aber konsensual geeinten Elite (pluralistic but consensually unified elites) ist weniger geschlossen als der zweite Typ, weist aber eine größere Kohärenz auf als die gespaltenen Elitenstrukturen. Eliten beziehen unterschiedliche programmatische Positionen und haben unterschiedliche Interessen und soziale Klientele, die politische Ordnung ruht jedoch auf einem von den Eliten allgemein anerkannten Grundkonsens. Diese Form der Elitenintegration ist die Grundlage stabiler pluralistischer Demokratien (Higley et al. 1991).

Folgt man dem Elitenparadigma in der Transitionsforschung so beginnt ein Regimewechsel, wenn aufgrund von wirtschaftlichen, sozialen, innenpolitischen oder außenpolitischen Krisen der Ordnungskonsens innerhalb der Herrschaftselite ins Wanken gerät und Abweichler aus der alten Elite oder neue Gegeneliten auf den Plan treten. „Nicht-Eliten“ spielen nur insoweit eine Rolle, als dass sie Teil einer politischen Gelegenheitsstruktur sind, die von den Eliten in die eigenen Strategien instrumentell einbezogen wird, z. B. indem Oppositionseliten die Massen gegen die alten Herrschaftseliten mobilisieren. Zur Demokratie kommt es, wenn sich die Eliten zur Stabilisierung der politischen Situation auf die Einführung demokratischer Verfahren einigen. Burton, Higley und Gunther bezeichnen diesen Elitenkompromiss als „elite settlement“ (Burton et al. 1992, S. 24).

Angesichts der Erfahrungen mit kollektiven Akteuren und Phänomenen der politischen Massenmobilisierung in zahlreichen demokratischen Systemwechseln in Lateinamerika, Osteuropa und (Süd)Ostasien ist die einseitige Ausrichtung auf politische Eliten hinterfragt worden. Dem politischen Verhalten von Eliten kommt zweifelsohne eine besondere Bedeutung für politischen Wandel und politische Stabilität zu. Gesellschaftliche Schichten, soziale Klassen, ethnische, religiöse oder regionale Gruppen und Institutionen der Zivilgesellschaft sind jedoch mehr als nur „Verfügungsmasse“ politischer Führer. Das Verdienst von Case besteht in der Verbindung des Neo-Elitenparadigmas mit den Überlegungen von Donald Crone zur Interaktion von sozialen Gruppen und Eliten (Case 2002). Dadurch öffnet er das elitentheoretische Erklärungsmuster für die Interdependenzen zwischen Elitenhandeln und dem kollektiven Handeln gesellschaftlicher Gruppen. Auch die aus den politischen Einstellungen und Forderungen der Bürger resultierenden Restriktionen und Möglichkeiten für das Handeln politischer Eliten finden Eingang in die Analyse (Case 2002, S. 24). Die Kombination der beiden kausalen Variablen „Kohäsionsgrad der Elite“ (geeint oder nicht geeint) und Partizipationsgrad der Gesellschaft erklärt die unterschiedlichen politischen Ordnungsformen in Südostasien: stabile Interaktion der Eliten begünstigt stabile Herrschaft, fehlender Elitenkonsens und schwache Elitenkohäsion hingegen führen zu Instabilität. Demokratie oder Autokratie hängen nun ganz wesentlich von den partizipativen Orientierungen und Forderungen gesellschaftlicher Gruppen ab und davon, wie Eliten damit umgehen (Abb. 2.2).

Zwar behauptet Case, der Typ von Eliten – genauer: der Beziehungen zwischen Teileliten – sei die „prinzipielle Determinante von Regimetyp und Wandel“ (2002, S. 262). Die Systematisierung des Zusammenwirkens der kausalen Variablen und ihrer Effekte auf den Regimetyp zeigt jedoch, dass der Elitentyp entscheidend ist für Regimestabilität, während der Regimetyp (Autokratie oder Demokratie) das Ergebnis der gesellschaftlichen Faktoren ist. Der von Case zur Erklärung der zunehmenden Instabilität der autoritären Regime in Indonesien und in Malaysia in den 1990er Jahren angeführte Partizipationsdruck der Gesellschaft in Form des Aufkommens neuer sozialer Schichten, politischer Orientierungen und gesellschaftlicher Interessenvertretung (NROs, Zivilge-

Abb. 2.2 Eliten, Gesellschaft und Regimetyp. Quelle: eigene Darstellung nach Case (2002, S. 24). Zuordnung der Fälle um 2011 durch den Autor

sellschaft) aufgrund von ökonomischem und sozialstrukturellem Wandel rückt seinen Ansatz wieder näher an modernisierungstheoretische und kulturalistische Ansätze heran.

Ad 4) Der gemeinsame Nenner kulturalistischer Ansätze besteht in der Annahme von der notwendigen Kongruenz von politischer Struktur und politischer Kultur als Bedingung für politische Stabilität (vgl. Kap. 1). Sie betonen subjektive und ideelle Aspekte wie die unterschiedlichen Interpretationen der Realität und die Wirkung von Ideen auf das Handeln der Akteure. Sie lassen sich in einen interpretativen und einen empirischsozialwissenschaftlichen Strang unterscheiden. Die Wurzeln der ersten Tradition reichen historisch weit zurück und haben ihren Ursprung in religionssoziologischen Deutungen der Wirkung religiöser Faktoren auf die Entwicklung bestimmte Staatsverfassungen.

Einige der Argumente wurden bereits ausgeführt. Die übergreifende These lautet, dass die formalen politischen Institutionen in (süd-)ostasiatischen Staaten nur die Fassade des politischen Systems sind. Dahinter wirken die informellen Regeln (etwa Patronage-, Beziehungsund Autoritätsstrukturen) fort, die sich schon zur vorkolonialen Zeit in der javanischen, malaiischen oder siamesischen Politik und im Verhältnis zwischen Obrigkeit und Bevölkerung herausgebildet hatten. „Religion“, „Kultur“ und „Tradition“ behindern die Verbreitung demokratiestützender Normen und Verhaltensweisen in der Gesellschaft und stehen der Einführung und Aufrechterhaltung der Demokratie entgegen (Moody 1988; Steinberg 2002). Die von der Transformationsforschung festgestellten „Konsolidierungsdefizite“ oder „Demokratiedefekte“ sind Ausdruck bleibender Spannungen zwischen den politischen Systemstrukturen und kulturell gebundenen Annahmen der Bürger darüber, was politisch legitim ist und wie Herrschende und Herrschaftsunterworfene politische Probleme und Problemlösungen definieren. Sie sind gewissermaßen Reaktionen auf den Konflikt von formaler Demokratisierung und kulturgebundenen Denkund Wahrnehmungsmustern in einer Gesellschaft.

Einen Erkenntnisbeitrag leisten diese Überlegungen im weiten Bereich der politischen Symbolik und politischen Rituale. Wichtige Elemente des Führungsstils von Präsident Suharto in Indonesien (1965–1998), General Ne Wins in Burma (1962–1988) oder der langjährigen Regierungschefs von Singapur und Malaysia, Lee Kuan Yew und Mohamad Mahatir, lassen sich aus der javanesischen, birmanischen, malaiischen und chinesischen politischen Tradition gut verstehen (Pye 1985). Dies gilt auch für vielfältige rituelle Elemente des Protestverhaltens der Bevölkerung in Thailand, die auf die anhaltende Prägekraft von Traditionen für politisches Verhalten hinweisen (Jones 1997, S. 16–20). Eine kulturalistische Untersuchungsperspektive, die Kultur als Herrschaftsinstrument und Ressource begreift, die von politischen Eliten dazu genutzt wird, die eigenen Gesellschaften politisch zu organisieren und zu mobilisieren, liefert darüber hinaus wertvolle Einsichten in den Prozess der Legitimation politischer Autorität in jungen Nationalstaaten und Transformationsgesellschaften.

Im Theoriehorizont ist diese Variante der „Kulturtheorie“ (Merkel 2010) jedoch ziemlich weit zurück hinter dem, was neuere Theorien und Forschungsansätze der empirischanalytischen Forschung zur politischen Kultur leisten. Sie beziehen sich auf die Annahme vom Zusammenwirken von sozioökonomischer Modernisierung und kulturellem Wandel. Die theoretisch anspruchsvollste Vertreterin ist die „Theorie der Humanentwicklung“ (Inglehart und Welzel 2005; Welzel 2007, 2013). Theoretisch weniger elegant und umfassend begründet, aber gleichfalls mit breitem Datenmaterial und empirischen Befunden unterfüttert sind empirische Untersuchungen zum Demokratieverständnis der Bürger, ihrer Zufriedenheit mit und Unterstützung für die Demokratie in asiatischen Staaten (u.

a. Chu et al. 2008; Shin und Cho 2010, 2011). Der generelle Befund solcher Studien für Südostasien ist eindeutig. Doh Chull Shin und Youngho Cho fassen ihn in ihrer Auswertung der Asian Barometer Surveys aus den Jahren 2006 und 2007 in zehn ostund südostasiatischen Ländern einschließlich Indonesien, Malaysia, den Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam folgendermaßen zusammen:

[... ] an overwhelming majority of Southeast Asians embrace democracy as the most preferred regime [... ]. Yet many of these regime democrats remain either uninformed or misinformed about what makes a political system democratic. Moreover, unlike their peers in the West and in other regions, they do not understand democracy in liberal terms; instead, they understand democracy in terms of a-liberal or authoritarian political practices. And in formulating and implementing policies, they remain more attached to the authoritarian rather than the liberal mode of governance. Evidently, Southeast Asian countries have failed to democratize the age-old habits of authoritarian thinking and behavior. They have yet to develop democratic political cultures. (Shin und Cho 2011, S. 34 f.).

Die politisch-kulturellen Voraussetzungen für die Entfaltung und Konsolidierung der liberalen Demokratie in jenen Staaten, in denen sie bereits eingerichtet ist, sind folglich schlecht. Gering sind aber auch die Chancen auf Demokratie in den Ländern, in denen sie noch nicht existiert, denn aufgrund des eigenen Demokratieverständnisses nimmt die große Mehrheit der Bürger die eigene politische Ordnung als demokratisch war. Folglich gibt es nur wenig Unterstützung für demokratische Regimewechsel (Shin und Cho 2011,

S. 34 f.). Zudem ist etwa aus sozialisierungstheoretischer Sicht (Eckstein et al. 1998) kaum zu erwarten, dass sich dies rasch ändern wird. Vielmehr erschwert die Bindewirkung historisch gewachsener vordemokratischer Werte (etwa „konfuzianische Werte“) die Neuorientierung der Bürger an den Prinzipien liberaler Demokratien (Eckstein et al. 1998; Shin 2012a; Chang et al. 2013).

Im Unterschied dazu analysiert die „Humankapitaltheorie“ (Inglehart und Welzel 2005) die Auswirkung von sozioökonomischen Modernisierungsprozessen auf die Veränderung politischer Einstellungen und Werte. Sie geht also von der Möglichkeit des politisch-kulturellen Wandels aus und bringt die Wahrscheinlichkeit des Übergangs zur Demokratie und die Überlebensfähigkeit der Demokratie damit in Zusammenhang. Die

„Humanentwicklungssequenz“ führt von sozioökonomischer Entwicklung über die Herausbildung und Verbreitung emanzipationsorientierter Selbstentfaltungswerten („selfexpression values“) zu demokratiefordernden und demokratieförderlichen Einstellungen. Der erfolgreiche Übergang zu einer stabilen und „effektiven Demokratie“ (Inglehart und Welzel 2005) beruht also auf dem Zusammenwirken von sozioökonomischer Entwicklung und der Institutionalisierung von Selbstentfaltungswerten (Inglehart und Welzel 2005, S. 134): die Verbreitung von Selbstentfaltungswerten „wirkt als gesellschaftliche Kraft zugunsten der Demokratie in den Ländern, in denen sie noch nicht existiert und sie stärkt die Demokratie in jenen Staaten in denen sie bereits eingerichtet ist“ (Schmidt 2010, S. 440 f.). Die Transition zur Demokratie erfolgt, wenn die Bürgerkultur breit genug ist (Inglehart und Welzel 2005, S. 300). Aber die Unterschiede in der Verbreitung von Selbstentfaltungswerten helfen auch Qualitätsunterschiede zwischen Demokratien zu erklären. Die Demokratie ist dort „effektiver“, wo Selbstverwirklichungswerte stärker vertreten sind, und sie ist auch stabiler (Inglehart und Welzel 2010, S. 300).

Mit den Daten von Inglehart und Welzel für Singapur, Vietnam, die Philippinen, Indonesien und Thailand lässt sich argumentieren, dass die Gründe der ausgebliebenen Demokratisierung in den beiden zuerst genannten Ländern, beziehungsweise die partielle Demokratisierung in den anderen drei Staaten nicht bei den Herrschaftskalkülen der politischen Eliten oder den fehlenden sozialstrukturellen Grundlagen zu suchen sind, sondern in der Schwäche der Selbstentfaltungswerte in diesen Gesellschaften. Auf den Einwand, warum dies auch für Singapur gilt, obwohl die Modernisierung dort einen hohen Stand erreicht hat, haben die Autoren eine Antwort: die von ihnen identifizierten Regelmäßigkeiten kennzeichnen probabilistische Zusammenhänge. Sie dürfen nicht deterministisch interpretiert werden. Einzelne Fälle können von der Regel abweichen, was sich auch durch die Filterwirkung anderer kultureller Faktoren („Konfuzianismus“) erklären lässt (Inglehart und Welzel 2005, S. 80, 285 ff., 300).

Für die Humankapitaltheorie gelten jedoch ähnliche Einschränkungen wie für den Strukturalismus – kurzfristige Veränderungen in Richtung Demokratie können weniger gut bestimmt werden, ebenso wie das Ineinandergreifen von kulturellen und strukturellen Faktoren („Kontext“) und das Handeln sozialer Kräfte und politischer Eliten in Regimewechseln. Langfristige Entwicklungstrends können sie hingegen gut erklären. Zudem lässt sich die Theorie in Einklang bringen mit der Modernisierungstheorie und Akteursansätzen: Modernisierungsprozesse verbessern Bildung (und darüber die kognitiven Fähigkeiten der Bürger), reduzieren das Konfliktpotential von ökonomischer Ungleichheit (damit sinken die relativen Kosten der Demokratisierung für die autokratischen Eliten und soziale Kräfte) und führen zur Transformation sozialer Werte („Selbstverwirklichungswerte“).

  • [1] Allerdings wird der Begriff alles andere als einheitlich verwendet. Während Moore das Bürgertum weit definiert und nicht auf die Klasse, die in der kapitalistischen Gesellschaft die Kontrolle der gesellschaftlichen Produktionsmittel ausübt (Wirtschaftsbürger) einschränkt, begrenzen Rueschemeyer et al. den Begriff auf die „Klasse der Kapitalisten“ oder „Großunternehmer“. Kleinere Geschäftsleute und Unternehmer oder „bürgerliche Stände (Professionelle, Angestellte, Gewerbetreibende)“ gehören zur Mittelschicht (1992, S. 309).
  • [2] Burton und Higley definieren Elite folgendermaßen: „Elites are simply people who are able, through their positions in powerful organizations, to affect national political outcomes individually, regularly, and seriously. Elites thus constitute a nation's top leadership in all sectors – political, governmental, business, trade union, military media, religious, and intellectual – including both ,establishment' and ,counter elite' factions. A national elite can be said to encompass all those persons capable, if they wish, of making substantial political trouble for high officials [ ... ] without being promptly repressed“ (1987, S. 296). „Massen“ sind schlicht alle gesellschaftlichen

    „Nicht-Eliten“, also etwa auch Mittelschichten und ethnische Gruppen.

 
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