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Widersprüchliche Positionen in der aktuellen stadtsoziologischen Diskussion

Zwischen den Erklärungsangeboten, die sich auf die aktuelle stadtsoziologische Diskussion zur räumlichen Identifikation beziehen [1], wurden anhand einiger begrifflicher Gegensatzpaare die folgenden zentralen Unterschiede zwischen den Beschreibungsund Erklärungsangeboten extrahiert:

• Historizität vs. Relationalität

Ein Unterschied besteht in dem Stellenwert, der dem historischen Gewordensein einerseits und dem relationalen Gefüge, im Rahmen dessen Städte zu betrachten sind, andererseits im Zuge der Erkundung räumlicher Identifikationsprozesse beigemessen wird. Ob zur Beschreibung und Erklärung der hier interessierenden Sachverhalte eher das historische Gewordensein der Stadt oder deren wahrgenommene Stellung im relationalen Gefüge der Städte untereinander von Bedeutung ist oder beide Gegebenheiten als gleichermaßen bedeutsam betrachtet werden sollten, ist nicht klar.

• Materialität vs. Immaterialität

Zwar definiert GABRIELA CHRISTMANN Stadtkultur als aus materiellen wie auch immateriellen Ausdrucksformen bestehendes soziales Konstrukt, jedoch legt die tatsächlich durchgeführte Betrachtung, die einen deutlichen Schwerpunkt auf die immateriellen Objektivierungen aufweist, nahe, dass diese zur Beschreibung und Erklärung der hier interessierenden Sachverhalte von übergeordneter Bedeutung sind. Demgegenüber betonen sowohl MARTINA LÖW als auch DETLEV IPSEN die fundamentale Bedeutung materiellen Substrates und es stellt sich die Frage, wie der Stellenwert materieller Gegebenheiten im Vergleich zu deren immateriellen Komplementen im Rahmen räumlicher Identifikationsprozesse einzuschätzen ist.

• Strukturelle Differenzen vs. strukturelle Gemeinsamkeiten

Im Hinblick auf die Wahrnehmung und Bewertung von Städten durch ihre Bewohner geht LÖW – und in weniger ausgeprägter Form auch CHRISTMANN – konstitutiv von bestehenden und zu entdeckenden Gemeinsamkeiten aus. Der auf den Menschen bezogene Teil städtischer Eigenlogiken sowie die städtische Identität als kollektive Identität bezeichnen gerade ein gemeinsam geteiltes Wissen und klassen-, schichtenbzw. milieu-übergreifende Definitionen dessen, was die Stadt ausmacht, der Identifikation (von) also. Demgegenüber weist IPSEN darauf hin, dass die entsprechenden Prozesse unbedingt vor dem Hintergrund soziostruktureller Differenzen und hiermit in Verbindung stehender verschiedenartige Positionen zu betrachten seien.

• Mensch vs. Stadt

Aus der Konstruktion des gegenwartsdiagnostischen Problemzusammenhanges, der den jeweiligen Positionen zugrunde liegt, ergeben sich vermutlich Konsequenzen hinsichtlich der Ausgestaltung der theoretischen Bemühungen dahingehend, ob im Zentrum der Überlegungen Menschen und deren Lebensverhältnisse oder Städte und deren Integrität stehen. Während beispielsweise IPSEN ausdrücklich die Verbesserung der Lebensverhältnisse von Menschen in Städten und Regionen angesichts der Unüberschaubarkeit der Gegenwart im Blick hat, die durch sein Konzept der regionalen Identität herbeigeführt werden könne, konstruiert LÖW eine sich verschärfende Konkurrenzsituation zwischen Städten, deren erfolgreiches Bestehen in der Entdeckung der Wesensund Besonderheiten, der Eigenlogik eben, der Stadt selbst gesehen wird.

  • [1] Vgl. Löw (2008a), Christmann (2004) und Ipsen.(1997)
 
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