Linkage und Professionalisierung in der Parteienforschung

Die Effektivität von Linkage unterliegt einer stetigen Entwicklungsdynamik. Sie wird durch die Beschaffenheit der Organisationsumwelt, die Stabilität der Kontakte zu den Mittlerorganisationen, aber auch organisationsimmanente Charakteristika beeinflusst. Linkage ist daher Thema zahlreicher Studien der Parteienforschung (Römmele at al. 2005; Kitschelt 2000; Poguntke 2000; Lawson 1980; Katz 1990; Oberreuter 1989; Sartori 1976). Speziell für die Forschung zu Parteiorganisation und -wandel (Harmel & Janda 1994; 1982; von Beyme 1982; Crotty 1968; Eldersveld 1964) sind Fragen ihrer Ausprägung und Veränderung zentral. So stehen gesellschaftliche Verankerung, Rolle der Mitglieder und die „gegenseitige Bedingtheit von Parteiorganisation und Linkagefunktion sowie deren Prägung durch die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen“ (Poguntke 2003: 3f), aber auch das Spannungsverhältnis von Linkage und Professionalisierung bereits im Fokus der Arbeiten von Michels (1989 [1911]) und Weber (1980 [1922]; 1992 [1919]) und der dominierenden Parteitypologien (Katz

& Mair 1995; Panebianco 1988; Kirchheimer 1965; Duverger 1964; Jun 2004b). Angesichts der Relevanz des Diskurses in der Parteienforschung für die nachfolgende Betrachtung eventuell vergleichbarer Entwicklungen in NGOs wird er an dieser Stelle skizziert.

Während Duverger (1964) von einer starken gesellschaftlichen Verankerung der Massenintegrationspartei und einer substanziellen Rolle der Mitglieder ausgeht, basiert Kirchheimers Typologie der Catch-All Party (1965) auf der Diagnose der Aufweichung organisatorischer Linkage und des Einflussverlusts der Mitglieder [1]. Diese Entwicklung gründet u.a. in verbesserten Möglichkeiten der Parteispitze, über die Massenmedien direkt mit den Bürgern zu kommunizieren (Poguntke 2000: 18). Panebiancos (1988) Typus der Electoral Professional Party basiert auf Kirchheimers Ausführungen und zeichnet sich neben deutlichem Machtgewinn der Parteispitze (Mair et al. 1999: 21), durch eine schwache Verbindung innerhalb der vertikalen Organisationsstruktur, die verstärkte Professionalisierung des Parteiapparats und die Beschäftigung externer Experten aus. Zugespitzt wird die Entwicklung im Typus der Kartellpartei (Katz & Mair 1995). Er lässt sich durch eine noch geringere Bedeutung der Mitglieder (Party on the Ground) [2] bzw. die Loslösung von der Basis und die enge Beziehung zum Staat beschreiben – diese Faktoren verstärken sich gegenseitig. Die Rolle des Staates als Quelle organisationsrelevanter Ressourcen wird explizit betont. Da sie sich der staatlichen Sphäre immer weiter annähern, wird angenommen, dass Parteien diesen Typs die Scharnierfunktion zwischen Bürger und Staat nur unzureichend erfüllen (Ignazi et al. 2005: 21).

Die in den Parteitypologien herausgearbeiteten Entwicklungen verdeutlichen den Bedeutungsverlust der Mitglieder und der innerparteilichen Demokratie, welche darin gründen, dass von den Mitgliedern erbrachte Ressourcen für Parteien an Relevanz verloren haben (Detterbeck 2005) [3]. In der vorherrschenden Konzeption von Parteiendemokratie setzt Linkage eine bottom-up geprägte innerparteiliche Willensbildung der Parteien voraus (von Beyme 1982: 22ff). Der wahrgenommene Einflussverlust der Basis auf die Parteispitze, die sinkenden Mitgliederzahlen (Datenreport Statistisches Bundesamt & WZB 2011; Mair

& van Biezen 2001) sowie die Auflösung traditioneller Milieus und der Rückgang der Parteibindung (Dalton 1984) schwächen nicht nur die Mitgliederorganisation und organisatorische Linkage (Poguntke 2000). Sie lassen ferner begründete Zweifel aufkommen, ob Parteien de facto ihrer – bspw. im deutschen Grundgesetz verankerten – Aufgabe der Mitwirkung an der politischen Willensbildung hinreichend gerecht werden. In seiner Analyse westeuropäischer Parteien stellt Poguntke (ebd.: 264ff) nicht nur eine massive Schwächung der Mitgliederorganisation und der gesellschaftlichen Verankerung speziell durch eben jene fest, sondern kann auch zeigen, dass neue Parteien kaum organisatorische Linkage etablieren.

Diese Entwicklungen werfen die Frage auf, ob Parteien in Gefahr sind, ihre Linkage-Funktion zu verlieren (ebd.: 18f). So konstatiert die These des Niedergangs der Parteien (u.a. Dalton & Wattenberg 2000) deren Funktionskrise basierend auf ihrer abnehmenden gesellschaftlichen Integrationskraft. Vertreter der These des Parteienwandels negieren die Entwicklungen nicht, betonen aber die Fähigkeit der Parteien, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen (Donges 2008; Schmid & Zolleis 2005; Wiesendahl 1998).

Die Ausführungen zeigen die Kausalität von Linkage und Professionalisierung, wobei in der Parteienforschung zwei Diskussionsstränge zu differenzieren sind. Vertreter des ersten Strangs verstehen Professionalisierung in erster Linie als Nutzung moderner Techniken und externer Expertise sowie als Orientierung an modernen Steuerungsund Marketingmethoden (Bukow & Poguntke 2013: 189; Kamps 2010; Römmele & Gibson 2009; Jun 2008; 2004b). Aus dieser Perspektive ist schwindende organisatorische Linkage als ein Grund für die Professionalisierung der Parteienkommunikation anzusehen (Poguntke 2000: 268). Sie zwingt Parteien verstärkt direkte Linkage herzustellen und ihre Mechanismen, wegen deren mangelnder Effektivität im Vergleich zu organisatorischer Linkage, zu verfeinern. Die Schwächung letztgenannter Linkage ist „nicht die voluntaristische Entscheidung dieser Parteien, sondern primär Resultat ihrer jeweiligen Wählerbasis“ (ebd.: 265), die über traditionelle Kanäle kaum noch zu erreichen ist [4]. Stattdessen werden immer mehr Bürger über direkte, vor allem massenmedial vermittelte Linkage erreicht und die steigende Relevanz von Medien und Umfragen (Farrell & Webb 2000: 122) gründet nicht zuletzt im Bedarf, die

aus mangelnder organisatorischer Linkage resultierende Unsicherheit über deren Präferenzen aufzulösen. Infolge der großen Zahl an Bürgern, die keine langfristige Parteiloyalität aufbauen, ist stetiges Beziehungsmanagement vonnöten; Parteien müssen ihre kommunikativen Kontakte maximieren (Römmele 2005: 25). Die externe Kommunikation erfordert erhöhte Steuerung; Zentralisierungsund Autonomisierungsprozesse an der Parteispitze sind wahrnehmbar. Gleichzeitig werden gewisse Aufgaben – z.B. im Wahlkampf – verstärkt auf Externe ausgelagert (Gibson & Römmele 2009), was wiederum zu einem weiteren Bedeutungsverlust der Mitglieder führt (Jun 2004b: 115; 2008; Panebianco 1988). Andererseits befähigt erst der mediale Fortschritt Parteien zu umfassendem direkten Wählerkontakt, was die Relevanz der Parteimitglieder für Mobilisierung und Sozialisierung mindert [5].

So können gesellschaftlicher Wandel bzw. Veränderungen in der Wählerschaft und die wachsende Bedeutung der Massenmedien als ursächlich für die Stärkung direkter Linkage sowie die Professionalisierung der Kommunikation und deren Folgen für die Parteiorganisation in Gestalt der Vernachlässigung der Mitgliederorganisation angesehen werden (Tenscher 2007; Römmele 2005; von Alemann 2003: 114; Blumer & Kavanagh 1999; Panebianco 1988). Dennoch sei darauf hingewiesen, dass die Professionalisierung der Kommunikation nicht allein durch externe Faktoren determiniert wird (Gibson & Römmele 2001).

Dem zweiten Diskussionsstrang liegt ein binnensoziologisches Professionalisierungsverständnis zugrunde, das die Parteienforschung seit Weber und Michels beschäftigt: Professionalisierung als Verberuflichung der Politik und Differenzierung von hauptund ehrenamtlichen Politikern (Borchert 2003: 92). Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieb Michels in seiner Fallstudie die Herausbildung einer innerparteilichen Elite, deren Interessen sich von jenen der Wähler entfernen und deren Professionalisierung demokratische Kontrolle erschwert, weshalb die Partei die Fähigkeit verliert, „ein echtes Bindeglied (…) zu sein“ (Poguntke 2003: 3) [6]. Parteien werden im Zuge der Professionalisierung Veränderungen in den Rekrutierungsmustern und Prozesse der sozialen Schließung attestiert (Weber 1980 [1922]; Murphy 1996), mittels der sich das politische Spitzenpersonal abschirmt und die sich darin äußern, dass für den Zugang zu Ämtern eine Verankerung in der Basis oder der Parteikultur weniger relevant ist, als soziokulturelles Kapital (Bourdieu 1983), etwa in Gestalt von akademischer Bildung, Milieukenntnissen oder Netzwerken (Bender & Wiesendahl 2011).

Professionalisierung und daraus resultierende innerparteiliche Abschottung tragen maßgeblich zur Zentralisierung innerorganisatorischer Entscheidungsprozesse bei (Jun 2010: 15). Aus dieser Perspektive liegt der Fokus der von Panebianco (1988) konstatierten Professionalisierung der Parteiführung – u.a. festgemacht an der steigenden Zahl bezahlter Angestellter und klarer Aufgabentrennung – auf der Dualität von professioneller Parteielite und ehrenamtlich geprägter Mitgliederorganisation, als zwei im Kern unverträglichen Organisationsrationalitäten (Bukow & Poguntke 2013: 191). Die kommunikative Beziehung der verschiedenen Organisationsteile ist defizitär, was die Abschottungstendenzen verstärkt (Jun 2010: 15). Es besteht die Gefahr einer Entfremdung der berufspolitisch geprägten Teile von anderen Parteisegmenten und einer prekären Situation in Hinblick auf ihre Linkage-Funktion, die sich darin äußert, dass Parteielite und -basis lose verkoppelt nebeneinander her leben (Wiesendahl 2001a: 615) [7].

  • [1] Nach Duverger dominieren, u.a. durch Einführung des allgemeinen Wahlrechts, Massenparteien mit klarer Ideologie und fester Verwurzelung in der Wählerschaft. Die Mitglieder dienen nicht nur der Mobilisierung und als Ressourcenquelle, sondern werden durch politische Bildung befähigt, über Wahlen hinaus zu partizipieren (Spier & von Alemann 2008: 33). Kirchheimers, für das deutsche Parteiensystem aufgestellte, These basiert auf der Prämisse, dass die Konkurrenz politischer Ideologien durch den Fokus auf Wähler aus allen gesellschaftlichen Schichten verdrängt wird und sich die Bindung der Parteien an Kollateralorganisationen lockert
  • [2] Katz und Mair (1995) differenzieren zwischen Parteiführung und Hauptamtlichen in den Parteizentralen (Party in Central Office), der Partei in öffentlichen Ämtern (Party in Public Office) und der Mitgliederorganisation (Party on the Ground)
  • [3] Zur innerparteilichen Demokratie bzw. zur Einschätzung der Effektivität neuer Partizipationsund Kommunikationsinstrumente, um die Mitgliederorganisation wieder zu stärken siehe u.a. Wiesendahl (2012), Bukow (2009), Jun (1996) und Niedermayer (1993)
  • [4] Auch Lawson (1976) sieht die Verantwortung für „Linkage-Fehlfunktionen“ nicht nur auf Seiten der Parteien, sondern auch bei den Bürgern; hervorgerufen durch sozialen Wandel
  • [5] So wurde mit Bezug auf die Mediendemokratie schon in den 1960ern diskutiert, ob Parteien anstatt auf ihre Mitgliederorganisation nicht auf die Massenmedien setzen sollten (Epstein 1967)
  • [6] Michels ehernes Gesetz der Oligarchie wurde zwar vielfach kritisiert (u.a. Eldersveld 1964), ist für die Forschung zur innerparteilichen Demokratie aber nach wie vor zentral (Bender & Wiesendahl 2011)
  • [7] Diese Entfremdung ist bspw. für deutsche Parteien äußerst heikel, da deren normativ-institutioneller Kontext ein Bekenntnis zur mitgliedschaftsbasierten Organisation verlangt (Bukow & Poguntke 2013: 191)
 
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