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Der Stadtteiler

Beim Stadtteiler stellt sich offenbar die Lage im Vergleich zum Nicht-Identifizierer anders dar, da hier spezifisch ausgeprägt und in der Intensität recht hoch räum-liche Identifikation vorliegt. Hier ist demnach nicht zu fragen, inwiefern räumliche Identität ermöglicht, sondern wie die bereits vorhandene Identifikation bestärkt werden kann.

Das wesentlich Moment räumlicher Identifikation des Stadtteilers ist die starke Identifikation mit dem eigenen Stadtteil bei gleichzeitiger negativer Bezugnahme auf Hagen als Gesamtstadt. Dieser Zusammenhang findet sich in einer Vielzahl der hier betrachteten Merkmale wieder: so wird der Stadtteil als historisch interessant und bedeutsam und als landschaftlich reizvoll wahrgenommen, während die Gesamtstadt als historisch uninteressant und unbedeutend und als landschaftlich nicht reizvoll eingestuft wird. Städtebauliche Materialitäten und architektonische Marker werden in positiver Weise auf Stadtteilebene wahrgenommen, während die Gesamtstadt als städtebaulich-architektonisch unattraktiv bewertet wird. Das kulturelle Angebot entspricht auf Stadtteilebene den Anforderungen des Stadtteilers, während das kulturelle Angebot der Gesamtstadt nicht interessiert oder abgelehnt wird. Bemerkenswert ist hierbei, dass es sich jeweils nicht um zwei voneinander unabhängige Prozesse handelt, sondern um eine Einheit aus Aufund Abwertung. Im Sinne der Stärkung der räumlichen Identifikation des Stadtteilers kann es demnach durchaus sinnvoll sein, eben dieses Zusammenspiel zu stärken. Dies mag fragwürdig erscheinen, da hiermit durchaus auch ein Bestärken der Abwertung der Gesamtstadt in Kauf genommen wird.[1]

Für eine derartige Herangehensweise spricht allerdings und insbesondere der Zusammenhang des zentralen Typisierungsmerkmales (der „Identifikation (mit)“) mit der kulturellen Haltung und dem Metamotivbündel beim Stadtteiler. So wird nämlich nicht nur der eigene Stadtteil aufund die Gesamtstadt gleichzeitig abgewertet, sondern zudem wird (1.) der Stadtteil mit den eigenen kulturellen Präferenzen identifiziert (Volksund/oder Alternativkultur), während die Gesamtstadt mit solchen kulturellen Inhalten assoziiert wird, die vom Stadtteiler (offensiv) abgelehnt werden. Das konfliktäre Verhältnis von Stadtteil und Gesamtstadt wird also im kulturellen Feld reproduziert. Zudem ist davon auszugehen, dass (2.) die kulturellen Präferenzen und Ablehnungen als Konkretisierungen des spezifischen Nähe-Distanz-Verhältnisses auf der Ebene der Metamotive zu verstehen sind. Insofern steht zu vermuten, dass der Versuch einer Auflösung des konfliktären Verhältnisses von Stadtteil und Gesamtstadt zugunsten einer gesamtstädtischen Identifikation letztlich den Versuch bedeuten würde, Einfluss auf der Ebene der Metamotive auszuüben, was – da es sich bei den Metamotiven um tief verankerte und relativ feststehende Handlungsprogramme handelt – vermutlich nicht möglich ist. Wenn aber die Stärkung der Identifikation des Stadtteilers mit der Gesamtstadt zwar sinnvoll, gleichzeitig aber voraussichtlich nicht machbar ist, dann erscheint es erfolgversprechender, eben diesen bereits wirksamen Prozess zu bestärken. Dies im Hinblick darauf, dass ansonsten die Gefahr besteht, bereits wirksame Identifikationsprozesse zu unterminieren, weil hiermit die Einheit aus Aufund Abwertung untergraben wird. Eine – vielleicht in kontrollierte Bahnen gelenkte – Abwertung der Gesamtstadt müsst hierbei in Kauf genommen werden, kann aber durchaus zielführend sein, weil so insgesamt immer noch eine Stärkung räumlicher Identifikation erreicht werden kann.

  • [1] Dies widerspricht der eher üblichen Vorgehensweise, die darauf abzielt, in zusammengelegten Städten die Identifikation mit der Gesamtstadt zu stärken, vgl. z.B. für den Fall „Mönchengladbach“ HAGEN; SCHWALM; STAMM (2006)
 
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