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Hagen: Stadt der FernUniversität

Im Folgenden wird noch gesondert auf die Neubeschilderung Hagens eingegangen, weil es sich hierbei um eine sehr präsente und deswegen vermutlich auch sehr wirkungsvolle Art der Selbstpräsentation handelt.[1]

Die FernUniversität wurde als Auszeichnungsund Besonderungsmerkmal nicht von allen Interviewpartnern thematisiert. In den Fällen, wo dies geschah, wurde diese allerdings und weitgehend nicht typenabhängig[2] als Besonderheit der Stadt für Bewohner und Außenstehende gleichermaßen genannt. Dass also die FernUniversität als Besonderheit der Stadt verstanden wird, sowohl in der eigenen Wahrnehmung als auch in der antizipierten Fremdsicht, entspricht weitgehend der Darstellung auf den Ortseingangsschildern und somit der Selbstsicht der Stadt. Insbesondere ist davon auszugehen, dass, im Gegensatz zu einigen der weiter oben angesprochenen Merkmale, dieses Lesartangebot nicht der Wahrnehmung der Bewohner entgegensteht.

Problematisch indes könnte die Interpretation Hagens als Stadt von Bildung und Wissen mit der FernUniversität als Repräsentantin und als Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zum Erleben der Bewohner sein, denn hieraus folgt nicht, dass Hagen als eine Universitätsstadt erlebt wird. Diese Problematik hingegen wird in den Interviews oftmals angemerkt. Über den offenbar anschlussfähigen und daher sinnvollen, zunächst aber auch rein verbalen Konstruktionsund Definitionsvorschlag hinaus scheint es unbedingt notwendig zu sein, dafür Sorge zu tragen, dass die Verbindung „Stadt – Universität“ praktisch erfahrbar gestaltet wird und zwar möglichst für alle Typen und Bevölkerungsgruppen.[3] Da sich die üblichen Kontexteffekte im Hinblick auf das städtische Leben insgesamt und besonders die kulturellen Gegebenheiten der Stadt betreffend, die sich im Falle des Vorhandenseins einer Präsenzuniversität von sich aus einstellen, in Hagen nicht ergeben und weil diese Problematik als solche auch von Teilen der Bewohnerschaft wahrgenommen wird, müssen hier andere Möglichkeiten gefunden werden.

Festzuhalten ist insgesamt, dass in mancher Hinsicht das Selbstbild der Stadt den Vorstellungen, die sich aus der Typologie ergeben, entsprechen, was im Sinne des Bestärkens bereits bestehender räumlicher Identifikationsprozesse und der Generierung noch nicht vorhandener räumlicher Identifikation förderlich sein dürfte. Insofern die Selbstdarstellung nicht direkt dem Wahrnehmen, Bewerten und Erleben der Bewohner entspricht, ist davon auszugehen, dass dies zwar nicht unmittelbar einen entsprechenden positiven Effekt zeitigt, jedoch auch keinen negativen Ausschlag gibt.

Das Beispiel der Neubeschilderung Hagens mit dem Untertitel „Stadt der FernUniversität“ legt die Vermutung nahe, dass auch nicht direkt geteilte Sichtweisen, Kommunikationsund Definitionsvorschläge das Potential haben, aufgenommen zu werden, insofern sie anschlussfähig sind und die entsprechenden Anschlussstellen auch genutzt werden. D.h., dass das Wahrnehmen und Erleben von Seiten der Bewohner und die darin inbegriffenen Stärken und Schwächen aktiv aufgegriffen und die Verbindung konkret erlebbar gemacht werden müssen, um die empirisch festgestellten räumlichen Identifikationsprozesse systematisch zu unterstützen.

Oftmals entspricht allerdings das kommunizierte Selbstverständnis auch genau dem Entgegengesetzten dessen, was zumindest Teile der Bewohnerschaft wahrnehmen und erleben. In diesen Fällen ist davon auszugehen, dass hierdurch nicht nur kein Bestärken bzw. Herbeiführen räumlicher Identifikation erreicht wird, sondern möglicherweise das genaue Gegenteil.

Letztlich lassen sich die genannten Widersprüchlichkeiten daraus erklären, so lässt sich auf Grundlage des erhobenen Datenmaterials zumindest begründet vermuten, dass die von den Bewohnern wahrgenommenen Defizite der Stadt – die gleichsam auch als Schwächen verstanden werden können – von Seiten des Stadtmarketing nicht hinreichend berücksichtigt werden.[4] Dies, so lässt sich weiter vermuten, mag wiederum daraus resultieren, dass eine systematische Integration der Interessen der Bewohner nicht wirksam bzw. in nur geringem Ausmaß erfolgt ist. Aus einer betriebswirtschaftlich orientierten Perspektive kann dies insofern als nachvollziehbar erscheinen, als dass eine systematische Erhebung und Integration dieser Sichtweisen, so wie sie im Rahmen der vorliegenden Arbeit angeboten wird, verhältnismäßig ressourcenintensiv ist. Zudem scheint, abweichend von der Zielsetzung, die Innenund Außenperspektive auf die Stadt zur Steigerung der Lebensqualität der Bewohner und zur Attraktivitätssteigerung für Auswärtige gleichermaßen zu berücksichtigen, eine vorrangige Orientierung an den Interessen Auswärtiger verfolgt worden zu sein, was die Unterschiede von städtischer Präsentation und bewohnerschaftlichem Wahrnehmen und Erleben zusätzlich erklären kann. [5] Eine tendenziös positive Betrachtungsweise mag im Sinne der Funktion einer Wirtschaftsstandortbroschüre als Werbematerial, das in erster Linie an Außenstehende gerichtet ist, durchaus als sinnvoll erscheinen, birgt aber offenbar die Gefahr, in der Innenperspektive kontraproduktive Effekte zu zeitigen.

  • [1] Auf den Ortseingangsschildern Hagens wurde der Namenszusatz „Stadt der FernUniversität“ hinzugefügt
  • [2] Die einzige Ausnahme bilden hierbei die Fälle, die dem Typus des Nicht-Identifizierers zugeordnet wurden. Dort finden sich keine Verweise auf die FernUniversität
  • [3] Das von der FernUniversität veranstaltete, alljährliche Campusfest sowie an die Öffentlichkeit gerichtete Veranstaltungsreihen mit wissenschaftlichen Vorträgen sind in diesem Zusammenhang positiv hervorzuheben
  • [4] Bezug genommen wird hierbei natürlich auf die Ergebnisse der eigenen Befragung. D.h., dass es sich um begründete Mutmaßungen handelt, nicht um Allgemeingültigkeit beanspruchende Feststellungen
  • [5] Dass als Grundlage für diese Beurteilung die Wirtschaftsstandortbroschüre genutzt wurde und hier – und nur hier – die Ausrichtung an den Interessen Außenstehender im Vordergrund steht bzw. den alleinigen Maßstab darstellt, ist nur bedingt ein Gegenargument, denn ein entsprechend professionelles Kommunikationsangebot seitens der Stadt, das sich ausdrücklich und exklusiv an die Bewohner wendet, existiert nicht. Dass die Wirtschaftsstandortbroschüre als Teil des Stadtmarketing sich ausdrücklich (auch) an die Bewohner der Stadt richtet, wurde weiter oben bereits angemerkt
 
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