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Materialität vs. Immaterialität

GABRIELA CHRISTMANN bestimmt Stadtkultur als aus materiellen wie auch immateriellen Ausdrucksformen bestehendes soziales Konstrukt. Tatsächlich werden aber ausschließlich die immateriellen Konstruktionen von ihr untersucht, sodass vermutet werden kann, dass diese die materiellen Ausdrucksformen in ihrer Bedeutsamkeit übertreffen. Demgegenüber betonen sowohl LÖW als auch IPSEN die zentrale und auch dominante Bedeutung materiellen Substrates. Die Betonung der Bedeutsamkeit materiellen Substrates ist für den eigenlogischen Ansatz, der im Vergleich zu den anderen Theorien der ideengeschichtlich jüngste ist, gar ein wesentliches legitimatorisches Kriterium.

Auch in diesem Fall ist zunächst sicherlich zu konstatieren, dass sowohl Materialitäten, als auch immaterielle Konstruktionen von Bedeutung bei der Typologisierung gewesen sind. Es ist also nicht davon auszugehen, dass eine der beiden Dimensionen vollständig vernachlässigt werden kann. Insgesamt hat sich aber auch gezeigt, dass innerhalb der Kategorie „materielle Bezugspunkte räumlicher Identifikation“ zu differenzieren ist: so hat sich gezeigt, dass städtebauliche Materialitäten in der Wahrnehmung und Bewertung auch in ihrer negativen Ausprägung zu berücksichtigen sind. Zudem scheinen insbesondere Orte, die zum Teil als absolut wesentlich für die räumliche Identifikation erachtet werden (insbesondere bei IPSEN, aber auch bei LÖW), sich in der hier vorgestellten Untersuchung als weniger bedeutend herausgestellt haben.

Sicherlich besteht die Möglichkeit, dass dies in dem Zuschnitt der eigenen Studie begründet liegt und die in der sozialen Wirklichkeit tatsächlich ablaufenden Prozesse nicht angemessen repräsentiert werden. Beispielsweise könnten Orte – in diesem Fall dann: persönliche Orte – gerade für den Typus des Verwurzelten aufgrund dessen stärkerer biographischer Verankerung in Fragen der räumlichen Identifikation von größerer Bedeutung sein. So hat beispielsweise CHRISTOPH PORSCHKE die Bedeutung von Orten für die Konstruktion der eigenen Biographie untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass

„die Schlüssigkeit der bisher erlebten Biografie […] sich insbesondere dadurch her[stellt], dass die eigene Geschichte an Orte geknüpft wird, an denen einem das Leben widerfahren ist oder an denen das Leben in eine neue Richtung gelenkt wurde.“[1]

Orte sind demnach für die Prozesse räumlicher Identifikation vermutlich nicht ohne Bedeutung, jedoch könnte deren Relevanz an ein dominantes biographisches Moment gebunden zu sein. Demnach wäre den Orten in der vorliegenden Untersuchung weniger Bedeutung zugekommen, weil lediglich der Typus des Verwurzelten als im besonderen Maße biographisch bedingt erscheint.

Insgesamt lässt sich aber (empirisch) begründet vermuten, dass Orte nicht unbedingt den umfassenden, elementaren und symbolhaften Stellenwert bei Prozessen der räumlichen Identifikation haben, die ihnen theoretisch zum Teil bisher beigemessen wurde – zumindest solange nicht, wie nicht zwischen verschiedenen Formen räumlicher Identifikation unterschieden wird.

  • [1] Porschke (2010), S. 252. Allerdings gilt auch für diese Studie, wie für die vorliegende, dass die Relevanz – in diesem Fall von Orten für die Prozesse räumlicher Identifikation – sich zu einem vielleicht nicht unbeträchtlichen Teil auch aus der Forschungsfrage und dem Studiendesign ergeben kann
 
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