Kommunikative und organisationsstrukturelle nforderungen der Linkage

Wie oben geschildert, besagt Linkage im Kern die Verwirklichung zweiseitiger Kommunikation zwischen den Sphären Gesellschaft und Staat sowie die kommunikative Rückkopplung mit den Anhängern bzw. Bürgern. In den Ausführungen, wie genau diese kommunikative Rückkopplung realisiert wird, ist das Konzept jedoch eher vage. Zwar wird die Rolle von politischen Programmen hervorgehoben, mittels derer die Bürger nachvollziehen können, inwieweit sich die Partei nach ihren Präferenzen richtet, weitere Strategien und Kanäle der Entscheidungsund Politikvermittlung werden aber höchstens impliziert. So wird die Rolle der Massenmedien im Rahmen der Unterscheidung von direkter und organisatorischer Linkage betont und die geringere Effektivität direkter Kommunikationskanäle, z.B. parteieigener Medien herausgearbeitet, top-down-Strategien der Bürgeransprache aber nicht in der Detailliertheit spezifiziert, wie es etwa Kriesi in seinem Modell tut. Zudem werden die kommunikativen und organisationsstrukturellen Anforderungen sowohl für die Entscheidungsvermittlung, als auch für die Interessenaggregation im Linkage-Konzept nicht konkretisiert. Dies gilt für die Rolle und Bedeutung interpersonaler Kommunikation, ebenso wie für die Art und Weise wie die Mitgliederorganisation und Kollateralorganisationen die Basis erreichen bzw. deren Interessen aggregieren. Auch bezüglich Fragen, bspw. zur Effektivität von Massenmedien und interpersonaler Kommunikation, dem Zusammenspiel dieser Kanäle oder aber mit welchen Kanälen und Mechanismen zunächst die Mitgliedsorganisation erreicht wird und, ob die Bürger lediglich Empfänger oder auch Sender sind, werden keine konkreten Aussagen getroffen.

In Hinblick darauf wie kommunikative Rückkopplung realisiert wird, sind demgemäß einige Explikationen von Nöten. Selbiges gilt für die organisationsstrukturellen und kommunikativen Bedarfe zur Realisierung von Linkage bzw. der einzelnen Linkage-Dimensionen. Diese werden im Folgenden dargelegt, da sie (1) zur Operationalisierung des Konzepts für die empirische Analyse und (2) neben den skizzierten demokratischen Standards und Erwartungen an NGOs, als weitere Bewertungskriterien hinsichtlich ihres, untrennbar an die Erfüllung ihrer Rolle als Linkage-Agenten gebundenen, demokratisierenden Potenzials herangezogen werden.

Vor allem auf der Voice-Funktion (Frantz 2002: 55) [1], welche besagt, dass die Organisationen den Interessen der Bürger eine Stimme geben, basiert der Rückschluss auf NGO-Potenziale zur Minderung demokratischer Defizite der EU. Diese Position gründet in der vermuteten unmittelbaren Verbindung von NGOs und Lebenswelt der Bürger und der damit ungefilterten Übertragung deren Interessen (Kohler-Koch 2011b: 24). Aus dieser Perspektive beruht das Demokratisierungspotenzial auf ihrer Fähigkeit, Anliegen aufzunehmen und in Politikprozessen zu artikulieren. Um ihre Rolle als Advokaten authentischer Interessen zu erfüllen, müssen die Bürger ihre Anliegen gegenüber „ihrer“ NGO und deren Mitgliedsorganisationen äußern können; d.h. sie werden nicht nur als Empfänger, sondern auch als Sender verstanden. Da hauptsächlich transnationale NGOs bevorzugte Gesprächspartner der EU-Organe sind, ist es umso wichtiger, dass lokale Anliegen Eingang in diese Organisationen finden (Rek 2007: 152f). Folglich müssen sie intern so strukturiert sein, dass sie die artikulierten Interessen der Mitglieder und der Basis erfassen und berücksichtigen können. Bottom-up Verfahren der Willensbildung (Kotzian & Steffek 2011: 11); wenigstens der offene Zugang zu Repräsentationsund Artikulationskanälen für Partizipationswillige sind erforderlich, um dem demokratischen Prinzip politischer Gleichheit gerecht zu werden (Steffek et al. 2010). Obwohl die bloße Existenz derartiger Optionen nicht die Beteiligung aller Mitglieder bzw. der Basis garantieren kann (Schattschneider 1960: 35), sind sie, wie die Ansprechbarkeit der Verantwortlichen, wichtiges Element demokratischer Partizipation (Kohler-Koch 2012) und organisationsstrukturelle Voraussetzung der Interessenaggregation.

„As political arguments are not floating freely, but are actually situated in the life world and experiences of citizens, it is necessary from both a normative and a functional point of view that transnational CSOs remain in close contact with the citizenry.” (Steffek et al. 2010)

Entscheidend für die Realisierung von Linkage ist insofern die Ausgestaltung der organisationsinternen Willensbildungsund Entscheidungsfindungsprozesse. Gemäß dem demokratischen Prinzip muss die Rückbindung an die Interessen der Anhänger gewährleistet sein. Dies setzt voraus, dass die NGO-Spitze auf Grundlage eines Mandats handelt oder immerhin nachträglich für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen werden kann (Kohler-Koch 2012).

Um jene Ansprüche zu erfüllen, benötigen NGOs institutionalisierte Kommunikationsbeziehungen zu Mitgliedern und Basis. Unter Berücksichtigung der Unterscheidung von direkter und organisatorischer Linkage meint dies die direkte Kommunikation, sowohl über von der NGO gesteuerte Kommunikationskanäle wie E-Mail, Website, Newsletter oder andere Publikationen, als auch die interpersonale Interaktion sowie die Kommunikation über Medien und Mitglieder. Zum Zusammenspiel und zur Effektivität der einzelnen Kanäle aus Sicht der Organisationen, werden an dieser Stelle keine Überlegungen angestellt, sie sind ebenfalls Objekt der Analyse.

„In Brussels everything makes sense to everyone in Brussels it makes perfect sense, all the policies, and the processes. But this needs to be translated down to the national level to regional level and so on. And vice-versa, when it comes to this “bottom-level” the information has to come up.” (Research Advisor, Slovenian Business and Research Association zitiert nach Rek 2007: 166 [Herv. i. O.])

Dieses Zitat untermauert neben der Relevanz der Interaktion mit Mitgliedern und Basis für die Interessenaggregation, die kaum zu unterschätzenden kommunikativen Leistungen der Entscheidungsvermittlung und Komplexitätsreduzierung und zeigt, stabile Kommunikationskanäle – sowohl direkt, als auch über Mitglieder und die Massenmedien – sind für die übrigen Linkage-Dimensionen nicht minder relevant – so auch für Sozialisierung, Mobilisierung und Accountability – ungeachtet dessen, ob NGOs analog liberaler Demokratiekonzeptionen als Watchdogs agieren oder zum deliberativen Ideal beitragen, indem sie transnationale Diskurse fördern. Mit Referenz auf die zahlreichen ihnen zugewiesenen Funktionen, erbringen NGOs somit eine umfassende, dem Bedarf in der EU entsprechende, Linkage-Leistung, wenn sie die eben sowie in Kapitel 4.4 dargelegten Anforderungen und Erwartungen betreffend Interessenvermittlung – und vorangestellt Interessenaggregation und Responsivität – Sozialisierung, Mobilisierung und Herstellung von Accountability durch ihre Handlungen realisieren. Dazu aber müssen sie einen stetigen kommunikativen Prozess etablieren, mittels dessen Entscheidungsträger über die Interessen ihrer Mitglieder und ihrer Basis informiert werden, sowie gleichzeitig mit Mitgliedern, Basis und bestenfalls auch der Öffentlichkeit interagieren.

Auf EU-Ebene ergeben sich besondere Herausforderungen an die LinkageLeistung von NGOs und ihre Kommunikation gerade durch verbesserte Einflussmöglichkeiten und die Beteiligung an Governance-Netzwerken. Der nachfolgende Exkurs verdeutlicht, anhand der Betrachtung von Fragen der Legitimation sowohl dieser Netzwerke, als auch der Organisationen selbst, die konkreten Anforderungen an auf EU-Ebene agierende NGOs in Hinblick auf die Kommunikation mit Mitgliedern, Basis und Öffentlichkeit sowie die essenzielle Bedeutung von Linkage für NGOs.

  • [1] Der Begriff Voice geht auf Hirschman (1970) zurück
 
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